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| 11:15 Uhr

Eine Palynologin erforscht den Klostergarten von Neuzelle
Wenn Pollen Geschichte erzählen

 Blick auf das Kloster in Neuzelle mit dem Klostergarten im Vordergund.
Blick auf das Kloster in Neuzelle mit dem Klostergarten im Vordergund. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Neuzelle. Das Kloster Neuzelle existiert seit 750 Jahren. Aushängeschild ist der barocke Klostergarten. Nur wie wurde der früher eigentlich genutzt? Um das zu klären, muss man eine Palynologin fragen. Von Bodo Baumert

Pollen sind den meisten Deutschen durch ihren Heuschnupfen bekannt. Der Blütenstaub kann aber noch mehr als nur Nasen kitzeln und Pflanzen bestäuben. Pollen können auch in der Geschichtsforschung nützlich sein. Wie? Das hat Magdalena Wieckowska-Lüth kürzlich bei der Jahrestagung der Brandenburger Landesarchäologen vorgestellt. Ihr spezielles Forschungsobjekt: der Klostergarten Neuzelle.

„Ursprünglich wurde der Garten um 1760 unter Einbeziehung einer Hangzone und der Oderniederung errichtet und gliederte sich auf einer Fläche von etwa fünf  Hektar in einen Abts- und einen Konventgarten, die ausschließlich Repräsentations- und Erholungszwecken gedient haben sollen“, erläutert die Forscherin im Gespräch mit der RUNDSCHAU.

Ein Kloster seit 1268

 Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Auszählung der Pollen unter einem Mikroskop
Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Auszählung der Pollen unter einem Mikroskop FOTO: Magda Wieckowska-Lüth

Das Kloster Neuzelle ist heute das größte Barockdenkmal Nord- und Ostdeutschlands. Gestiftet wurde es allerdings bereits 1268 durch Heinrich III., Markgraf von Meißen. Die ersten Zisterzienser-Mönche zogen aber wohl erst ab 1280 ein. Die Bedeutung Neuzelles für die mittelalterliche Klosterlandschaft  war eher gering, wie sich dem Brandenburgischen Klosterbuch entnehmen lässt. Allerdings wurde Neuzelle nach der Reformation erst als letztes Kloster in Brandenburg säkularisiert und konnte als Ganzes erhalten bleiben.

Ihr heutiges Aussehen verdankt die Anlage einer barocken Umgestaltung ab 1650. Grund waren die Zerstörungen im Zuge des Dreißigjährigen Krieges. Abt Bernardus ließ die wiederaufgebauten Gebäude von italienischen Künstlern mit Fresken und Stuckaturen versehen. Sein Nachfolger ließ die Klosteranlage dann im Stil des süddeutschen Barocks umgestalten.

Gab es auch Gemüseanbau?

 Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Entnahme der Bohrkerne
Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Entnahme der Bohrkerne FOTO: Magda Wieckowska-Lüth

Der Prunk der Gebäude, aber auch des Gartens dienten vor allem Repräsentationszwecken. Der Barockgarten zählte zu den bedeutendsten Gartenanlagen Deutschlands. War der Garten immer nur Repräsentationsobjekt? Oder wurde er auch für den Anbau von Obst, Gemüse oder Kräutern genutzt? Das sollte die Pollenforscherin herausfinden.
 Die Frage nach der Nutzung des Gartens ist vor allem wichtig für die Rekonstruktion, die sei den 90er-Jahren in Neuzelle vorangetrieben wird. Planungsgrundlage bildet der Stiftatlas von 1758. „Zur Wiederherstellung der noch fehlenden, weiter hangabwärts liegenden Bereiche des Gartens hat 2017 eine weitere Grabungskampagne stattgefunden“, erläutert Magdalena Wieckowska-Lüth. Dabei wurde eine künstliche Aufschüttung gefunden. Was darunter lag, blieb ein Rätsel. Zum Einen erschwerte das Grundwasser die Untersuchung. Zum Anderen fanden die Archäologen wenig, das sich für eine Datierung der Erdschichten eignen würde.

Bohren und vergleichen

An dieser Stelle kam die Palynologin ins Spiel. Zunächst wurden Bohrungen vorgenommen. Die Bohrkerne durchstoßen die Erdschichten und liefern einen exakten Ausschnitt des Untergrunds. Spannend  für die Pollenforscher ist, was sich in diesen Erdschichten verbirgt.  Aus den Profilen werden Proben entnommen, die im Labor unter dem Einsatz von Chemikalien aufbereitet werden.

 Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Nicht-Pollen Palynomorphe: Parasiteneier, Brandpilzspore, Spore eines pilzlichen Zersetzers
Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Nicht-Pollen Palynomorphe: Parasiteneier, Brandpilzspore, Spore eines pilzlichen Zersetzers FOTO: Magda Wieckowska-Lüth

Am Mikroskop werden diese Funde untersucht und dann mit Erfahrungswerten verglichen. „Ein Pollenanalytiker untersucht Schicht für Schicht den Pollengehalt.  Jede Schicht eines Profils spiegelt durch ihr Pollenspektrum die Vegetation zur Zeit ihrer Ablagerung wieder.“

Durch den Vergleich mit anderen Bohrungprofilen können die Forscher die Ergebnisse zeitlich gut einordnen. Denn die Vegetation hat sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende in Deutschland verändert. Baumarten traten mehr oder weniger auf, Pflanzen wanderten neu ein. Auch der Mensch hat Einfluss auf die Vegetation genommen. Anhand des Vorhandenseins bestimmter Polen lässt sich so der Zeitabschnitt der jeweiligen Bodenschicht bestimmen.

Kräuter und mehr

 Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Nicht-Pollen Palynomorphe: Parasiteneier, Brandpilzspore, Spore eines pilzlichen Zersetzers
Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Nicht-Pollen Palynomorphe: Parasiteneier, Brandpilzspore, Spore eines pilzlichen Zersetzers FOTO: Magda Wieckowska-Lüth

Auch bei den Bodenproben aus Neuzelle hat das funktioniert. „Anhand der in den Bodenproben enthaltenen Nachweise von Pflanzenpollen, Moos- und Farnsporen sowie anderen Nicht-Pollen wie Pilzsporen, Darmparasiteneiern und Algenresten konnten unterschiedliche Phasen der gärtnerischen Nutzung belegt werden“, erklärt Magdalena Wieckowska-Lüth. Auch unter der Aufschüttung wurden solche Spuren von Gärtnertätigkeit gefunden. „Diese konnte in die Frühe Neuzeit datiert werden.“

Die Spuren weisen unter anderem auf den  Anbau einiger Nutz- und Zierpflanzen, wie Baldrian, Minze, Wermut, Paprika, Rhabarber und Tulpen hin. Auch finden sich Hinweise für Heckenanpflanzungen.  „Allerdings konnte auch gezeigt werden, dass großflächigen Rasenflächen den Garten stets dominiert hat. Damit konnte aus palynologischer Sicht bestätigt werden, dass der Garten hauptsächlich für Repräsentations- und Erholungszwecken genutzt wurde“, so die Forscherin.

Eine Anregung für die Zukunft?

 Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Nicht-Pollen Palynomorphe: Parasiteneier, Brandpilzspore, Spore eines pilzlichen Zersetzers
Palynthologische Untersuchung zum Klostergarten in Neuzelle: Nicht-Pollen Palynomorphe: Parasiteneier, Brandpilzspore, Spore eines pilzlichen Zersetzers FOTO: Magda Wieckowska-Lüth

Praktische Auswirkungen wird ihre Forschung also auf die weitere Gestaltung des Klostergartens eher nicht haben. „Nichtsdestotrotz, könnte bei der weiteren Planung auch in Betracht gezogen werden, dass kleine Bereiche des Gartens ebenfalls für den Anbau von Nutz- oder Heilkräutern verwendet wurden“, sagt Magdalena Wieckowska-Lüth.

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