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| 23:45 Uhr

Lausitzer Geschichte
In Flammen für die Freiheit

Der Karikaturist Alois Kuhn saß erst nach Greiffendorfs Selbstverbrennung selbst im Cottbuser Gefängnis, hat aber später aus Augenzeugenberichten diese Zeichnung angefertigt.
Der Karikaturist Alois Kuhn saß erst nach Greiffendorfs Selbstverbrennung selbst im Cottbuser Gefängnis, hat aber später aus Augenzeugenberichten diese Zeichnung angefertigt. FOTO: Christine Faust Verlag
Cottbus. Vor 40 Jahren zündete sich der Cottbuser Häftling Werner Greiffendorf an und starb an einem 9. November. Von Daniel Steiger

Cottbus „Mama, ich will frei sein!“ Diese Worte schallten im Herbst 1978 über den Freihof des Gefängnisses in der Bautzener Straße in Cottbus. Sie kamen aus dem Mund von Werner Greiffendorf. Es sollten seine letzten verständlichen Worte sein. Denn in dem Augenblick, in dem sie über seine Lippen kommen, hat sich der damals 28-jährige gebürtige Döberner schon mit 500 Milliliter Perladin, einem Verdünnungsmittel für Lackfarben, übergossen und angezündet. Aus Verzweiflung sagen die einen, die „Tat eines Wahnsinnigen” nennt es das Wachpersonal in Berichten über den Vorfall.

Werner Greiffendorf saß wegen eines Fluchtversuchs aus der DDR im Cottbuser Gefängnis. Er war 1977 in der Tschechoslowakei geschnappt worden. Nicht zum ersten Mal. Zwischen 1967 und 1976 hat er mehr als sechs Jahre hinter Gittern verbracht. Auch hier ist ein gescheiterter Fluchtversuch einer der Haftgründe. Zuvor hatte Greiffendorf kein einfaches Leben. Sylvia Wähling, die Geschäftsführerin des Menschenrechtszentrums im ehemaligen Cottbuser Gefängnis, kennt Berichte der DDR-Staatssicherheit zu dem Häftling. Dort ist von vielen Jahren in unterschiedlichen Kinderheimen die Rede, weil sich die Eltern getrennt haben. Der Vater lebt anschließend in Westdeutschland. „Später hat Greiffendorf eine Lehre als Maler abgebrochen“, so Sylvia Wähling. Er und seine Mutter lebten damals in Riesa. Er arbeitet als Lagerist und Losverkäufer, als er den zweiten verhängnisvollen Fluchtversuch über die Tschechoslowakei plant. Das Scheitern bringt ihm eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und acht Monaten ein. Als am 19. Oktober 1978 die Schmerzensschreie über den Cottbuser Knasthof schallen, hat Greiffendorf schon mehr als die Hälfte der Zeit abgesessen. Im November 1979 wäre er entlassen worden. Spätestens. Denn viele DDR-kritische Häftlinge sind aus Cottbus in den Westen verkauft worden. Nach Einschätzung der Stasi wollte auch Greiffendorf mit seiner Tat seine Ausreise in die Bundesrepublik erzwingen. Einen „Suizidversuch“ können die DDR-Geheimdienstler in der Selbstverbrennung nicht erkennen.

Doch die größte Sorge der Stasi ist, dass die Tat im verachteten Westen bekannt wird. 1975 hatte DDR-Staatsratschef Erich Honecker im finnischen Helsinki im Rahmen der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ eine Erklärung unterschrieben, die die teilnehmenden Länder unter anderem zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten verpflichtet. Da passen Schlagzeilen über eine Selbstverbrennung eines DDR-Kritikers der SED-Regierung nicht ins Bild. Doch wie kann ein schnelles Bekanntwerden der Tat verhindert werden? Auf dem Freihof befanden sich zum Zeitpunkt von Greiffendorfs Selbstverbrennung 62 weitere Gefangene. Bernd Schölzel war vor 40 Jahren ebenfalls wegen einer gescheiterten Flucht aus der DDR in Cottbus eingesperrt und erinnert sich: „Wir waren noch nicht ganz auf dem Freihof und warteten an einer Tür, als draußen auf einmal ein Tumult losbrach. Zuerst konnte ich nicht erkennen, warum. Aber dann sah ich, dass ein Mensch in Flammen stand. Es ist erschreckend, dass man so etwas mit ansehen muss.“

Auf dem Freihof der ehemaligen Haftanstalt in Cottbus erinnert dieses Kreuz an Werner Greiffendorf.
Auf dem Freihof der ehemaligen Haftanstalt in Cottbus erinnert dieses Kreuz an Werner Greiffendorf. FOTO: ZVG

Den Farbverdünner hatte Greiffendorf in einem Netz in ein Handtuch gewickelt auf den Freihof geschmuggelt. Das Mittel wurde bei Maler- und Instandsetzungsarbeiten im Gefängnis verwendet. Die Arbeiten wurden von Häftlingen durchgeführt, somit hatten diese auch Zugang zu dem Mittel. Die 500 Milliliter aus der Glasflasche goss Greiffendorf in einer Ecke des Freihofs über seine Jacke. Mithäftlinge hörten das Plätschern von Flüssigkeit, dachten er pinkelt in die Ecke. Erst als sein Oberkörper in Flammen stand und er schreiend in die Mitte des Freihofs lief, erregte er Aufmerksamkeit. Mit Jacken schlugen Mithäftlinge auf die Flammen ein, versuchten zu löschen. Die „Schnelle Medizinische Hilfe“ aus dem Krankenhaus wurde von den Wachleuten alarmiert. 40 Prozent seines Körpers wiesen zum Teil schwere Verbrennungen auf. Greiffendorf kämpfte auf der Intensivstation um sein Leben. Eine Verlegung in eine Spezialklinik wurde mit Verweis auf seine „Transportunfähigkeit“ abgelehnt.

Am 9. November 1978 – vor genau 40 Jahren – starb der gebürtige Döberner. Einen Tag später wird die Mutter informiert. „Aus meiner subjektiven Sicht muss ich sagen, dass es ziemlich lange gedauert hat, bis Hilfe kam“, erinnert sich Bernd Schölzel. Damals wusste er noch nicht, wer dort in Flammen stand. Das mit der Selbstanzündung sickerte nach und nach gerüchteweise durch die Haftanstalt. „Offizielle Informationen gab es nicht. Dass Werner Greiffendorf im Krankenhaus gestorben ist, habe ich erst nach meiner Haftzeit erfahren“, so Bernd Schölzel.

Nach dem Tod Greiffendorfs begann die Stasi-Maschinerie auf Hochtouren zu arbeiten. Die Beerdigung wurde für den 14. November 1978 in Riesa angesetzt. Nur engste Familienmitglieder sollten zugelassen werden. Die Stasi hatte Befürchtungen, dass ausländische Journalisten von der Sache Wind bekommen und recherchieren. Die Post aller Mitbewohner in dem Riesaer Mehrfamilienhaus, in dem Greiffendorfs Mutter wohnte, wurde abgefangen und kontrolliert. Gebäude und Friedhof standen unter ständiger Überwachung. Wer geht ein und aus? Wer weiß was? Dringen Informationen nach draußen? Am Tag der Beerdigung standen an den drei Zugängen zum Friedhof Stasi-Leute. Die Zufahrtsstraßen und Bahnhöfe wurden überwacht. Ans Grab durften nur sechs enge Familienangehörige. Selbst die Sargträger wurden von der Stasi gestellt.

Diese Fotos von Greiffendorf wurde nach seinem Fluchtversuch angefertigt.
Diese Fotos von Greiffendorf wurde nach seinem Fluchtversuch angefertigt. FOTO: ZVG

Und in den Ermittlerstuben der Staatssicherheit wurden die westdeutschen Zeitungen nach Meldungen über den Vorfall durchsucht. Doch da stand zunächst nichts. Eine der wichtigsten Quellen für die Journalisten waren damals Gefangene, die vom Westen aus der DDR herausgekauft wurden. Doch unmittelbar nach der Verbrennung hatte die Stasi die geplante „Entlassung” in den Westen von 14 Häftlingen aus dem Cottbuser Knast erst einmal auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Es dauerte bis zum Januar 1979, bis „Welt“ und „BZ“ von der Selbstverbrennung erfuhren und berichteten. DDR-Zeitungen, wie etwa die in unmittelbarer Nähe des Gefängnisses sitzende Parteizeitung Lausitzer Rundschau, berichteten mit keiner Zeile über das Ereignis. Der Artikel aus der „Welt“ ist heute Teil der Ausstellung im Menschenrechtszentrum. Hier ist Werner Greiffendorf eine ganze Ausstellungswand gewidmet. Auf dem ehemaligen Freihof steht genau an der Stelle, wo er sich vor 40 Jahren in Brand steckte, ein kleines Holzkreuz mit seinem Namen.

Dieses alte Foto aus dem Untersuchungsbericht kennzeichnet die Stelle der Selbstverbrennung.
Dieses alte Foto aus dem Untersuchungsbericht kennzeichnet die Stelle der Selbstverbrennung. FOTO: ZVG
Der Welt-Artikel aus dem Jahr 1979 zu der Selbstverbrennung
Der Welt-Artikel aus dem Jahr 1979 zu der Selbstverbrennung FOTO: ZVG
Aus so einer Flasche übergoss sich Greiffendorf mit einer brennbaren Flüssigkeit.
Aus so einer Flasche übergoss sich Greiffendorf mit einer brennbaren Flüssigkeit. FOTO: ZVG