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| 05:59 Uhr

Lausitzer Geschichte
Vor 80 Jahren brannten in der Lausitz die Synagogen

Stolpersteine erinnern in der Bahnhofstraße 62 in Cottbus hat die von den Nazis ermordeten einstigen jüdischen Bewohner der Familie Hammerschmidt.
Stolpersteine erinnern in der Bahnhofstraße 62 in Cottbus hat die von den Nazis ermordeten einstigen jüdischen Bewohner der Familie Hammerschmidt. FOTO: LR / Bodo Baumert
Cottbus. Zu den schlimmste Auswüchsen des Nazi-Terrors zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gehört die Reichspogromnacht. Auch in der Lausitz gingen die Schläger vor 80 Jahren brutal gegen Juden vor. Von Bodo Baumert

5,6 bis 6,3 Millionen Menschen sind dem Holocaust der deutschen Machthaber bis 1945 zum Opfer gefallen, in der Mehrheit Menschen jüdischen Glaubens. Heute vor 80 Jahren, am 9. November 1938, nahm dieses unvergleichliche Töten mit der Reichspogromnacht einen ersten beklemmenden Eindruck an. Die Unterdrückungsmaßnahmen, die nach der Machtergreifung Hitlers Schritt für Schritt verschärft wurden, entluden sich in einer Welle der Gewalt, die auch vor der Lausitz nicht Halt machte.

„Die Schikanen gegen Juden wurden von Jahr zu Jahr härter“ erinnert sich Wolfgang Hammerschmidt 1995 in seinem Buch „Spurensuche“, in dem er – selbst KZ-Überlebender – die Geschichte seiner jüdischen Familie aus Cottbus schildert. Heute erinnern in der Bahnhofstraße Stolpersteine an die ermordeten Eltern.

So erlebte er den 9. November vor 80 Jahren: „Am Morgen kam meine Mutter zur Zeit des Aufstehens in der Schlafzimmer, in dem ich mit meinem jüngeren Bruder schlief. Sie weckte uns, indem sie uns sagte, wir sollten nicht zur Schule gehen. Unser Vater sei heute im Morgengrauen aus dem Bett heraus von der Polizei verhaftet worden, die mit einem Dietrich ins Haus eingedrungen war. Die Synagoge stehe in Flammen, Tante Friedchen habe angerufen und weinend berichtet, das Büro in der Bahnhofstraße sei von der SA aufgebrochen und total verwüstet worden. Auch andere Cottbuser Juden hätte man abgeholt.“

Ungewissheit und Angst folgten. Wolfgang Hammerschmidt berichtet weiter: „Die in Cottbus verhafteten Juden überführte die Polizei nach etwa einer Woche in das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo es die ersten Toten der Aktion gab. Mein Vater indes wurde entlassen.“ Offenbar war ein alter Polizeibeamter dem Vater wohlgesonnen. Er befahl ihm, krank zu sein und sich beim Arzt zu melden. So entging der Vater dem Abtransport. Als einer von wenigen zugelassenen „Konsulenten“ durfte er die Angelegenheiten jüdischer Bürger in der Lausitz in den kommenden Jahren regeln, wurde aber zusehends von den Machthabern dabei drangsaliert. Im Dezember 1944 erfolgte die letzte und endgültige Verhaftung durch die Gestapo, Hermann Hammerschmidt wurde in das Lager Schwetig (Swiecko) verschleppt und ermordet.

Die zerstörte Cottbuser Synagoge im November 1938.
Die zerstörte Cottbuser Synagoge im November 1938. FOTO: stadtarchiv

Penibel haben die Schläger nach der Kristallnacht Buch über ihre Taten geführt. Reinhard Heydrich, General der Sicherheitspolizei meldete an seinen Vorgesetzten Hermann Göring für ganz Deutschland: „815 zerstörte Geschäfte, 19 in Brand gesteckte oder sonst zerstörte Warenhäuser, 171 in Brand gesetzte oder zerstörte Wohnhäuser (...). An Synagogen wurden 191 in Brand gesteckt, weitere 76 vollständig demoliert.Festgenommen wurden rund 20 000 Juden. An Todesfällen wurden 36, an Schwerverletzten ebenfalls 36 gemeldet.“

In der Lausitz wurden die Synagogen in Lübben und Cottbus für immer zerstört. Augenzeuge Heinrich Liersch erinnerte sich 1998 in einem Bericht für den Cottbuser Heimatkalender: „Als wir zur Schule kamen, bemerkten wir , dass die Jahnstraße abgesperrt war, doch erst in der Pause hatten wir die Möglichkeit, uns genauer zu informieren. Auf der anderen Seite der Straße lag ein riesiger Schutthaufen aus Ziegelsteinen und Eisenträgern. Das war noch vor wenigen Stunden die prächtige Synagoge. Einige Schüler wussten zu berichten, dass das Gebäude in der Nacht gesprengt worden sei. Andere erzählten, dass die Synagoge ausgebrannt sei, was dann auch bestätigt wurde.“ Nach dem Unterricht fanden die Schüler in der Burgstraße weitere Spuren der Vernichtung. „Da war ein Schuhgeschäft, dessen Ware, Kartons und Schuhe, quer über die Fahrbahn verteilt lagen. Ein Polizist passte auf alles auf. Die Schaufensterscheiben und die Ladentür waren eingeschlagen und zerstört. Im Ladeninneren ein heillosen Durcheinander. Jemand hatte wohl versucht, im Laden Feuer zu legen, es rauchte schon“, so die Erinnerungen Heinrich Lierschs.

Das Unrecht geschah vor aller Augen, nicht nur in Cottbus. In Guben berichteten Augenzeugen später, die SA sei mit offenen Lastwagen durch die Stadt gefahren, habe Steine in die Schaufenster jüdischer Händler geworfen und die Passanten zum Mitmachen aufgefordert, wie Manfred Augustyniak in einem Beitrag für den Gubener Heimatkalender recherchiert hat.

Auch die – längst gleich geschalteten – Zeitungen machten keinen Hehl aus der offensichtlichen Gewalt. So ist in der Gubener Zeitung vom 10. Oktober 1938 zu lesen: „Die ruchlose Ermordung des Gesandtschafsrates vom Rath durch den Juden Grynszpan führte in der vergangenen Nacht auch in Guben zu spontanen Kundgebungen gegen das Judentum. Dabei wurden die Inneneinrichtungen der Synagoge zerstört und die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen.“ Die Attacke Herschel Grynszpans auf einen deutschen Diplomaten in Paris hatte den Machthabern in Deutschland den Vorwand für die tatsächlich schon länger vorbereitete Aktion geboten.

 Der Eingang zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Im November 1938 wurden Dutzende Cottbuser Juden in das KZ transportiert.
Der Eingang zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Im November 1938 wurden Dutzende Cottbuser Juden in das KZ transportiert. FOTO: dpa / Patrick Pleul

Die „Gubener Zeitung“ berichtete am nächsten Tag von weiteren „Kundgebungen“: „Tausende Volksgenossen versammelten sich auf dem Marktplatz, wo ein Sprecher den Gefühlen des Abscheus gegen die jüdische Mordgier Ausdruck verlieh,“ Juden seien in „Schutzhaft“ genommen worden.

Verantwortlich für die Zerstörungen der Kristallnacht machten die Machthaber die Juden selbst. Als „Sühne“ wurden ihnen am 12. November auferlegt: die Zahlung von einer Milliarde Reichsmark an das Deutsche Reich sowie das Verbot von Einzelläden, Gewerbe- und Handwerksbetrieben. Die Staatspolizei ordnete zudem am selben Tag an, dass Juden die vom 8. bis 10. November entstandenen Schäden im Straßenbild auf eigene Kosten sofort zu beseitigen hätten. Ihre Versicherungsansprüche beschlagnahmte der Staat.

Rund 400 Menschen wurden in der Pogromnacht und den folgenden Tagen deutschlandweit ermordet. Wie wir heute wissen, nur der Auftakt für ein noch weit grausameres Morden. Welche Bedeutung also hat diese „Kristallnacht“? Der Historiker Wolfgang Benz: „Mit keinem andern Ereignis hat das NS-Regime so zynisch demonstriert, dass es auch auf den Schein rechtsstaatlicher Tradition nun keinen Wert mehr legte. Antisemitismus und Judenfeindschaft schlugen jetzt um in die primitiven Formen physischer Gewalt und Verfolgung. Die ‚Reichskristallnacht‘ bildete den Scheitelpunkt des Wegs zur ‚Endlösung‘ zum millionenfachen Mord an Juden aus ganz Europa“, sagt der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz.