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| 11:58 Uhr

Lausitzer Geschichte
Von New York in den Klinger Acker

Im Juni 1927 mussten die Atlantikflieger Clarence Chamberlin und Charles Levine in Klinge notlanden.
Im Juni 1927 mussten die Atlantikflieger Clarence Chamberlin und Charles Levine in Klinge notlanden. FOTO: Michael Galle
Klinge/Cottbus. Es war der größte Moment der Geschichte von Klinge (Spree-Neiße). 1927 stürzten Clarence Chamberlin und Charles Levine mit ihrem Flugzeug in dem kleinen Örtchen ab. Ihr Ziel Berlin hatten sie von New York kommend knapp verfehlt. Klinge – und Cottbus – machten sie dafür weltberühmt. Von Bodo Baumert

Für die Bewohner von Klinge muss es ein Moment gewesen sein, wie wenn Außerirdische landen. „Ein Flugzeug, das war damals noch eine wirkliche Sensation“, erinnert sich Günther Dielau (97), der einzige lebende Zeitzeuge, 2012 in einem Gespräch mit der RUNDSCHAU. „Die Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet“, erzählt er. Auf einer Wiese bei Klinge sollte ein Flugzeug notgelandet sein. Gleich von der Schule aus ist der damals Siebenjährige mit seinen Freunden losgerannt. Querfeldein, von Gosda den weiten Weg bis zu den Lugwiesen bei Klinge.

Der Berichterstatter des Forster Tageblattes, der zu den ersten gehörte, die an die Landestelle kamen, schildert in der Ausgabe vom 7. Juni das Ereignis so: „Große Bestürzung brachte ein Flugzeug, das in bedenklicher Tiefe wankend daher geflogen kam, um infolge des Defektes zu landen. Noch erstaunter aber waren die herbeieilenden Klinger, als ihnen aus dem vollständig auf dem Kopf stehenden Flugzeug zwei fremde, englisch sprechende Flieger entgegen kamen ... Erst einige Zeit später konnte zum nochmaligen Verwundern der ganz überraschten Klinger durch einen englisch sprechenden Bürger festgestellt werden, dass es sich um die beiden seit etwa 20 Stunden in Berlin mit großer Spannung erwarteten amerikanischen Flieger Chamberlin und dessen Begleiter Levine handelte.“

Die beiden Piloten, die in Klinge aus ihrem zum Glück nur leicht beschädigten Flugzeug stiegen, waren in der Tat nicht irgendwer. Sie gehörten zu den Pionieren der Luftfahrt. Clarence Chamberlin und Charles Levine wollten in diesem Jahr 1927 in die Geschichtsbücher eingehen – mit dem ersten Nonstop-Flug über den Atlantik. Leider kam ihnen Charles Lindbergh zuvor. Dennoch wagten Chamberlin und Levine das waghalsige Abenteuer. Statt nach Paris wollten sie nach Berlin. Ganz so leicht, wie sie sich das vorgestellt hatten, wurde das dann allerdings nicht.

Ein Atlantikflug war 1927 ein Wagnis. Andere, die es versucht hatten, mussten das Abenteuer mit dem Leben bezahlen. So wie Stanton Wooster und Noel Davis, die im April 1927 beim Start mit ihrem überladenen Flugzeug „American Legion“ nicht rechtzeitig abhoben und dabei starben. Drei Wochen später machte es Charles Lindbergh besser. Ganz allein, ohne Nahrung oder Rettungsboot setzte er in seiner „Spirit of St. Louis“ über den Atlantik und landete in Paris.

Chamberlin und sein exzentrischer Boss Levine hatten das Nachsehen. Zwar standen sie – auf dem gleichen New Yorker Flugfeld wie Lindbergh – mit ihrer „Columbia“ bereit. Doch anders als beim Einzelgänger Lindbergh herrschte im Team der Columbia großer Zwist. Schließlich rafften sich Chamberlin und Levine doch noch auf. Am 4. Juni hoben sie in New York ab. Das Abenteuer begann.

Schon beim Weg über den Atlantik zeigte sich aber, dass ihre Vorbereitungen längst nicht so gut waren, wie es nötig gewesen wäre. Der Kompass fiel aus. Um den Kurs zu bestimmen, musste Chamberlin sich an den Schiffen auf dem Meer orientieren. Dafür stürzte er mit seiner Maschine so tief herunter, dass er die Schiffsnamen lesen konnte. Diese verglich er dann mit dem Schiffsregister in der Zeitung um Kurs und Zeit zu bestimmen. Entsprechend gelang der Flug nicht ganz so zielstrebig wie gewünscht. Bei Boulogne erreichten die Piloten europäisches Festland, flogen dann weiter bis Amsterdam.

Von dort sollte es dann geradewegs nach Berlin gehen. Allerdings erwies sich auch ihr Kartenmaterial von Deutschland als zu ungenau. So musste Chamberlin den Kurs auf Sicht finden. Über Dortmund ging der Irrflug bis in die Nähe von Eisleben. Dort, nach 6294 Kilometern und 43 Stunden in der Luft ging ihnen der Sprit aus. Chamberlin musste notlanden.

 Auch in Eisleben war der Trubel groß. Aufgeregte Anwohner kamen gelaufen, um zu sehen, was da vom Himmel gefallen war. Chamberlin und Levine hatten Glück. Ihre Landung verlief ohne Schäden. Ein freundlicher Helfer konnte mit Treibstoff aushelfen. Tipps zur weiteren Orientierung gab es auch noch, dann setzten die Amerikaner ihren Flug fort.

FOTO: sammlung hein

In Berlin hatte sich der Transatlantikflug längst zum Top-Thema der Stadt entwickelt. 100 000 Menschen sollen im Tempelhof versammelt gewesen sein, um die Helden der Luftfahrt in Empfang zu nehmen. Nur war von denen weiter nichts zu sehen.

Denn Chamberlin und Levine verflogen sich erneut. Bei Cottbus ging ihnen erneut der Sprit aus. Chamberlin setzte zur Landung an, auf einem Feld bei Klinge. Diesmal allerdings gelang die Landung nicht so glücklich. „Das Flugzeug war im sumpfigen Boden nach vorne gekippt. Dabei war ein Flügel des Propellers abgebrochen. Zum Glück blieben die beiden Insassen unverletzt“, erinnert sich Zeitzeuge Günther Dielau.

Chamberlin selbst hat seine Erinnerung an die Bruchlandung für eine Schellack-Platten-Aufnahme eingesprochen. Im Cottbuser Stadtmuseum ist eine Aufnahme erhalten. Darin lässt Chamberlin einen Freund übersetzen: „Unser Benzin ging zu Ende und wir mussten auf der ersten besten Stelle landen. Unglücklicherweise machte auf der sumpfigen Wiese unser Apparat einige Sprünge, nach denen er sich mit einem Rade in den Grund einbohrte. Und der Propeller brach ab.“

Währen die Klinger ungläubig die Fremden umringten, bekam man auch im nahen Cottbus Wind von der Bruchlandung. Der damalige Oberbürgermeister Erich Kreutz erkannte schnell die Vermarktungsmöglichkeiten für Cottbus und machte sich sofort auf den Weg. Chamberlin erinnerte sich später an den Moment, in dem Kreutz seinen Klinger Amtskollegen aus dem Bild stieß als ein Foto gemacht wurde.

Chamberlin und Levine wurden nach Cottbus gebracht und dort mit allen Ehren empfangen. Dass der Flugplatz der Stadt erst zwei Wochen zuvor eröffnet worden war, passte perfekt in die Inszenierung. Während sich Techniker um den Propeller und den Treibstoff kümmerten, trugen sich Chamberlin und Levine ins Goldene Buch der Stadt ein. Kreutz ließ gleich nach Berlin und an den amerikanischen Botschafter telegrafieren. Die Welt blickte nach Cottbus. „Es kann der Ruhm von Kottbus’ Tagen nicht in Aeonen untergehen“, witzelte ein Karikaturist damals.

Erst am nächsten Morgen machten sich Chamberlin und Levine weiter auf den Weg nach Berlin. In Tempelhof wurden sie von einer begeisterten Menge empfangen.

In Klinge erinnert heute noch ein „Haus Chamberlin“ an die Ereignisse von damals. Orts-Chronisten haben eine Wanderausstellung geschaffen. Chamberlin selbst behielt den Ort ebenfalls in Erinnerung. 1928 kehrte er noch einmal zurück.

Im Sommer desselben Jahres soll in Cottbus laut Zeitungsberichten auch ein Denkmal für ein Chamberlin-Levine-Denkmal gelegt worden sein. Ob es je vollendet wurde, ist heute unbekannt.  Spuren finden sich nicht mehr.

Und auch sonst ging Cottbus mit seinen historischen Besuchern im Nachhinein eher unfein um. Levines Unterschrift wurde 1933 auf Antrag der NSDAP-Fraktion im Stadtparlament aus dem Goldenen Buch der Stadt getilgt. Erst 1992 wurde sie wieder hergestellt.

Immerhin erinnern heute Straßen in Cottbus an die beiden Atlantikflieger – auch wenn die für Clarence Chamberlin bisher wenig schmeichelhaft daherkommt. Mehr dazu finden Sie in unserem Online-Dossier zum heutigen Thema.

Was erinnert heute noch an Chamberlin und Levine? FOTO: Sammlung Michael Galle