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| 14:33 Uhr

Lausitzer Geschichte
Vom Weltall in die Lausitz

Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in Brand.
Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in Brand. FOTO: Lausitzer Rundschau / Erich Schutt
Brand. Vor 55 Jahren flog Valentina Tereschkowa als erste Frau ins Weltall. Wenige Wochen später kam sie mit Weltraum-Pionier Juri Gagarin in die DDR. Hautnah dran war RUNDSCHAU-Fotograf Erich Schutt. Von Bodo Baumert

Am 16. Juni 1963 startete Valentina Tereschkowa an Bord von Wostok 6 vom Kosmodrom in Baikonur ins All. Sie war die erste Frau im Weltall und umkreiste die Erde 48-mal. In der Sowjetunion wurde sie dafür als Heldin gefeiert. Auch in der Lausitz gab es viele, die den dreitägigen Flug ins All verfolgten. Nach Juri Gagarin – Valentinas Vorbild – hatte die Sowjetunion einen weiteren Kosmonauten, der Weltgeschichte geschrieben hatte. Die Möwe (Tschaika) – so ihr Funkname – wurde zu einer Art Popstar der damaligen Zeit.

Und genau dieser Popstar sollte – zusammen mit Gagarin – wenige Wochen später in die DDR kommen. Was noch keiner wusste: Erster Stopp sollte am 17. Oktober die Lausitz sein.

Die LAUSITZER RUNDSCHAU hatte ihre Leser schon Tage zuvor auf den Besuch eingestimmt. Am Tag der Ankunft zierten Fotos der berühmten Gäste die Zeitung. „Herzlich Willkommen – Valentina und Juri!“ lautete die Schlagzeile. Die Redaktion hatte „exklusiv“ noch ein Grußwort von Generalleutnant Heinz Keßler, damals Stellvertreter des Ministers für nationale Verteidigung und Chef der Luftstreitkräfte, organisiert.

Erich Schutt ist bis heute seiner Fotografie treu geblieben.
Erich Schutt ist bis heute seiner Fotografie treu geblieben. FOTO: Uwe Hegewald

Die genauen Umstände der Ankunft waren aber streng vertraulich. Erich Schutt, damals Fotograf der LAUSITZER RUNDSCHAU, hatte allerdings gute Quellen. Von einem Bekannten der Reichsbahndirektion erhielt er den Tipp, dass die Kosmonauten im sowjetischen Fliegerhorst in Brand landen sollten. Die Cottbuser Eisenbahner waren für den Sondertriebwagen zuständig, der beide zum Empfang am Berliner Ostbahnhof bringen sollte. „In Brand wollte ich unbedingt fotografieren“, erinnert sich der Bildjournalist. „Gagarin und Tereschkowa, das waren doch Helden.“

Also machte sich Schutt auf den Weg. Vor Ort traf er – selbst Kind einer Vetschauer Eisenbahner-Familie – auf einen Bekannten von der Reichsbahn, der ihm Jacke und Mütze überließ. Schutt ergriff die Chance, tarnte sich als Eisenbahner und fuhr im Triebwagen mit auf den Fliegerhorst. Die Hand zum Eisenbahnergruß an der Mütze fuhr er mit bis an die Landebahn.

„Es dauerte keine fünf Minuten, da landete die Maschine“, erzählt der Bildreporter von damals. „An der Gangway klickten dann unzählige Fotoapparate von Soldaten und Offizieren. Da fiel ich gar nicht auf.“ Erich Schutt hatte sein Foto, das am kommenden Tag die Titelseite der RUNDSCHAU zierte – so exklusiv konnte nicht einmal das „Neue Deutschland“ berichten. Zumal Schutt noch mehr gelungen war. Er hatte Grußworte der beiden verehrten Kosmonauten ergattert. Nach dem Motto: „Frechheit siegt“  hatte er sich gegenüber den russischen Wachen in gebrochenem Schul-Russisch als Korrespondent der RUNDSCHAU ausgegeben und war geradewegs ins Abteil der berühmten Gäste marschiert. Eine halbe Stunde saß er mit ihnen zusammen, ohne Dolmetscher oder Wachen, und ergatterte tatsächlich die ersehnten Grußworte.

Den Kollegen in Cottbus standen vor Freude die Tränen in den Augen, erinnert sich Schutt. Der stellvertretende Chefredakteur Werner Mielisch nahm seinen Fotoreporter in die Arme, drückte ihn fest und sagte: „Klasse, Erich. Aber nun schnell ins Labor. Wir brauchen die Fotos.“

Für Valentina Tereschkowa und Juri Gagarin ging es nach der Landung in Brand zunächst zum Bahnhof des Ortes, wo sie von zahlreichen Jugendlichen empfangen wurden. das Kommando des Flugplatzes hatte Patenklassen und Betriebe der Region eingeladen.

So berichtete die RUNDSCHAU im Oktober 1963 über den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in der DDR.
So berichtete die RUNDSCHAU im Oktober 1963 über den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in der DDR. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau

Noch tagelang elektrisierte der Besuch die Menschen – und die RUNDSCHAU-Redaktion. Von „Jubelstürmen“ ist in der LR zu lesen. Millionen sahen angeblich am Fernseher zu, als die beiden Gäste am Ostbahnhof in Berlin von 80 000 Zuschauern begrüßt wurden.

Ausführlich wurde über jeden Schritt der beiden Kosmonauten berichtet, von der Verleihung der Clara-Zetkin-Ehrenmedaille bis zum „Ehrenstoß“ von Valentina Tereschkowa beim Fußballspiel der DDR-Auswahl gegen Ungarn. Natürlich durfte auch die Begrüßungsrede Walter Ulbrichts nicht fehlen.

Und sogar ein Gedicht findet sich in der damaligen RUNDSCHAU: „Valja und wir“, das zeigt, wie groß die Verehrung gerade für die erste Frau im Weltraum damals war.

Eine Woche lang bestimmten die beiden Gäste die Schlagzeilen der RUNDSCHAU, verdrängten sogar die anstehende Volkskammerwahl zwischenzeitlich auf die hinteren Seiten der Zeitung. Am 23. Oktober hieß es dann: „Auf Wiedersehen, Valja und Juri!“.

Für die umjubelte Kosmonautin ging es feiernd weiter. Zehn Tage nach ihrer Rückkehr heiratete sie den Kosmonauten Andrijan Nikolajew. Ein Jahr später wurde ihre Tochter geboren.

Valentina Tereschkowa stieg in den Obersten Sowjet auf, wurde Mitglied des Zentralkomitees und später Abgeordnete in der Duma. Dass bei ihrem Flug ins All nicht alles so glatt lief wie damals berichtet, kam erst Jahre später heraus. „Mir kommen keine Weiber mehr ins All“, soll Chefkonstrukteur  Sergej Koroljow nach ihrer Landung gewettert haben.

Ihrem Ruhm tat das keinen Abbruch. Bei der Eröffnungsfeier für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi trug Valentina Tereschkowa die Olympische Fahne, zusammen mit anderen Heroen ihres Landes.

So berichtete die RUNDSCHAU im Oktober 1963 über den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in der DDR.
So berichtete die RUNDSCHAU im Oktober 1963 über den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in der DDR. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
So berichtete die RUNDSCHAU im Oktober 1963 über den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in der DDR.
So berichtete die RUNDSCHAU im Oktober 1963 über den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in der DDR. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
So berichtete die RUNDSCHAU im Oktober 1963 über den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in der DDR.
So berichtete die RUNDSCHAU im Oktober 1963 über den Besuch von Juri Gagarin und Valentina Tereschkowa in der DDR. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau