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| 20:46 Uhr

Lausitzer Geschichte
Calauer Paradies der Warenhaus-Gründer

Was vom Schloss Saßleben geblieben ist FOTO: LR / Bodo Baumert
Saßleben. Die Lausitz als Rückzugsgebiet für Berliner? Was mit dem Seenland noch verstärkt werden soll, gab es schon früher. Die berühmten Warenhaus-Gründer der Familie Wertheim etwa zog es ab 1911 nach Calau. Von Bodo Baumert

Saßleben, im Winter 2019. Wer das einstige Schloss des Ortes bei Calau sucht, wird es nicht finden. Geblieben sind nur Stallungen. Und dahinter, versteckt, ein Kleinod. Ein kleiner See, rechteckig angelegt. In der Mitte eine Insel mit einem kleinen Lustbau. Jungfrauen tragen als Säulen das Häuschen. Wer sich die Mühe macht, über die neu errichtete Brücke auf die Insel zu gehen, findet weitere Spuren einstigen Glanzes, eine Balustrade, eine verwitterte Sphinx. Abglanz vergangener Tage.

Vor 100 Jahren sah das noch ganz anders aus. Mit Georg Wertheim hatte das Gutsschloss einen prominenten Eigentümer. Der Warenhausbesitzer gehört in Berlin zu den wichtigsten Unternehmern, pflegt Kontakte zum deutschen Kaiser und hat sich in Saßleben sein kleines Paradies geschaffen. „Im Sommer war das kleine Landschloss eine wahre Idylle. Frösche quakten, Gänse schnatterten, Himbeeren leuchteten in den Sträuchern, und die Entengrütze lag wie ein Tuch über dem Teich“, berichten Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters in ihrem Buch „Die Wertheims. Geschichte einer Familie“.

Familienvorstand Georg Wertheim hat das Anwesen 1911 gekauft und seiner Frau zum Geschenk gemacht. Mit Sohn Albrecht ist Anfang September des Vorjahres der ersehnte Stammhalter geboren. Zeit, sich nach passender Umgebung umzuschauen. Für den Unternehmer, der von seinen Nachfahren als „bescheiden“ bezeichnet wird, ist das Gut eine praktische Sache. Die Familie seiner Frau wohnt nicht weit entfernt auf Gut Weißagk. Auch von Berlin ist Saßleben mit dem Automobil gut zu erreichen.

 Ein altes Bild zeigt das heute nicht mehr existierende Schloss Saßleben.
Ein altes Bild zeigt das heute nicht mehr existierende Schloss Saßleben. FOTO: Repro AK Saßleben Schloss

In der Hauptstadt selbst belässt es Georg Wertheim deshalb – anders als seine Brüder – bei einer Mietwohnung als Wohnsitz. Saßleben hingegen ist Rückzugsort, bietet Raum für Freizeit und Entspannung. Die wenigen noch erhaltenen Familienfotos zeigen die Familie auf dem Ruderboot „Ursula“, vor den zum Anwesen gehörenden Wäldern, Bedienstete vor der florierenden Gärtnerei.

Die Apfelernte in Saßleben etwa soll so gut gewesen sein, dass die Früchte auch in den Verkauf in Berlin gingen – makellos präsentiert im edlen Kaufhaus am Leipziger Platz – in der Weimarer Republik eine der ersten Adressen in Berlin. Wertheim gehört neben Gebrüdern Tietz und Hertie zu den Vorreitern der neuen Warenhäuser, die zwar zunächst skeptisch beäugt und als „jüdisch“ denunziert werden – aber rasch einen großen Kundenkreis gewinnen. Wertheim ist dabei mit seinem Haus an der Leipziger Straße stilprägend. Er sucht zudem die Nähe des Deutschen Kaisers und kann diesen schließlich in seinem Warenhaus begrüßen.

Saßleben ist davon weit entfernt. Hier dominiert eher das Ländliche, die Familie. Das ehemalige Rittergut mit seinen rund 500 Hektar Land bietet dazu ausreichend Platz. Die Grafen zur Lippe-Biesterfeld-Weißenfeld haben hier einst residiert. Nun sind es die Wertheims, die zu ihrem Vergnügen einiges anbauen lassen. Das vorhandene Schloss und die dazugehörigen Stallungen und Bauten werden ergänzt. Die Insel im Schlosspark erhält ihre Bootsanlegestelle mit den beiden Sphingen, von denen eine heute noch zu erkennen ist. Auch ein Brunnen wird hinzugefügt. Ein Tennisplatz links des Schlosses und ein gusseiserner Pavillon auf der gegenüberliegenden Seite runden das Ensemble ab. Der Pavillon steht heute im Park des Schlosses Fürstlich Drehna.

Für die Wertheims müssen es unbeschwerte Tage in Saßleben gewesen sein. „Die offene Terrasse war wie geschaffen für Sommerfeste mit Kindern“, so Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters.

 Teile des Parks sind in Saßleben noch erhalten.
Teile des Parks sind in Saßleben noch erhalten. FOTO: LR / Bodo Baumert

Doch das Unbeschwerte bleibt nicht für immer. In Berlin ziehen dunkle Wolken am Horizont auf. Mit Hitler und seinen Anhängern setzt die systematische Judenverfolgung in Deutschland ein. Dass Georg Wertheim schon lange zum Christentum konvertiert ist, spielt in deren Augen keine Rolle. Für sie bleibt er Jude.

Um seine Frau vor Repressionen zu schützen, lässt sich Georg Wertheim deshalb bereits Mitte der 1930er-Jahre scheiden. Saßleben schenkt er seiner geschiedenen Frau. So bleibt das Schloss dem Zugriff der Nazis entzogen und wird tatsächlich nie konfisziert.

Anders ergeht es Georg Wertheims Unternehmen. Die jüdischen Eigentümer werden nach und nach herausgedrängt. 1937 ist das Unternehmen endgültig „arisiert“ und in Allgemeine Warenhandels-Gesellschaft (AWAG) umbenannt. Georg Wertheim hat in seiner Firma nichts mehr zu sagen. Er stirbt 1939 an einer Lungenentzündung. Seine Frau steht ihm – trotz Scheidung – bis zum Ende zur Seite.

Und Schloss Saßleben? Im Zuge der Kriegswirren spielt es noch einmal eine Rolle. Ursula Wertheim organisiert mit ihrem neuen Mann, dem Vorsitzenden des Konsortiums AWAG, Arthur Lindgens, mehrere Flüchtlingstrecks über Saßleben in den Westen. Einer davon wird das vereinbarte Ziel in Hessen erreichen. Ursula Wertheim und Arthur Lindgens wandern später in die USA aus.

Das Schloss hingegen wird ein Opfer der Flammen. Kurz nach Kriegsende brennt das Schloss 1945 komplett nieder. Die genaue Brandursache ist bis heute ungeklärt.

Die Reste werden später abgetragen. Stehen bleiben nur Stallungen, Scheunen und Reste der ehemaligen Gutsmauer. Hier finden später eine LPG und heute die Ortsfeuerwehr ein Zuhause.

Was vom Schloss Saßleben geblieben ist FOTO: LR / Bodo Baumert