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| 13:26 Uhr

Lausitzer Geschichte
Nur ihre Bücher sind geblieben

Die bisher entdeckten werke aus der Büchersammlung Schlesinger.
Die bisher entdeckten werke aus der Büchersammlung Schlesinger. FOTO: Bodo Baumert / LR
Bautzen. Mit der Büchersammlung Helene und Carl Schlesinger ist es an der Stadtbibliothek in Bautzen erneut gelungen, Raubgut aus der Nazi-Zeit in Deutschland zu entdecken und für eine Rückgabe vorzubereiten. Wer waren sie? Der Versuch einer Rekonstruktion. Von Bodo Baumert

Rund sechs Millionen Juden wurden in der Zeit der Nazi-Diktatur im Deutschen Reich enteignet und ermordet. Ihr Leben verloren viele auf den Transporten in die Vernichtungslager, als Arbeitskräfte oder in den Gaskammern der KZ. Ihr Besitz wurde verkauft oder in staatliche Hände gegeben.

Während Juden und andere „Nicht-Arier“ von den neuen Machthabern in Deutschland nach 1933 systematisch schikaniert, ausgegrenzt und schließlich ermordet wurden, gerieten auch deren Unternehmen immer weiter unter Druck. Dies traf nicht zuletzt das Bankwesen. „Noch 1935 galt mehr als ein Drittel des Gewerbes als ‚nicht-arisch’. Weniger als vier Jahre später gab es in Deutschland keinen jüdischen Privatbankier mehr, nachdem rund 400 Unternehmen in ‚arische Hände’ überführt oder in die Liquidation getrieben worden waren“, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler Ingo Köhler.

Zu den jüdischen Bankiers, die ihr Unternehmen und schließlich ihr Leben verloren, gehörte auch Carl Julius Schlesinger. Vor der Machtergreifung der NSDAP hatte er als Erbe und Inhaber des Bankhauses Abraham Schlesinger in Berlin gearbeitet. „Sie waren sicher keine Großbankiers, eher gut bürgerliche Kaufleute“, berichtet Robert Langer, der die Spur der Bücher und ihrer Besitzer in Bautzen erforscht. Gelegen in der Jägerstraße 55, unmittelbar am Gendarmenmarkt, arbeitete der Bankier mit seinem Vater Hans Schlesinger zusammen.

Provenienzforscher Robert Langer im Altbestand der Bibliothek Bautzen
Provenienzforscher Robert Langer im Altbestand der Bibliothek Bautzen FOTO: Bodo Baumert / LR

Das wenige, was wir heute über Carl Schlesingers Leben wissen, entstammt dem Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland. Demnach war Carl mit Lena Schlesinger verheiratet. Ihre Unterschrift war es, die Provenienzforscher Langer auf die richtige Spur brachte. Unterschrieben hat sie nämlich nicht nur in ihren Büchern, sondern auch auf der Vermögenserklärung, die alle Juden vor der Deportation in den Osten ausfüllen mussten.

Carls Schwester wiederum war dem Naturwissenschaftler Günther Jaffé angetraut. Anders als Carl und Lena schafften es diese 1938, vor den Repressionen der Nazis zu flüchten, zunächst nach Venezuela, später in die USA.

Sein Bankhaus verlor Carl Schlesinger 1938 im Zuge der Arisierung der deutschen Wirtschaft. Jüdische Besitzer wurden gezwungen, ihre Unternehmen zu verkaufen oder neuen Besitzern zu überlassen. „Die ständige private und geschäftliche Diskriminierung und Verfolgung den Banken gab bereits spätestens seit Mitte der 1930er Jahre kaum mehr Geschäftsspielräume. Der Rückzug von Kunden, die Ausschaltung aus öffentlichen Finanzierungsaufträgen und die Zurückdrängung aus dem Industriegeschäft, machten es gerade Privatbanken mittlerer Größe kaum mehr möglich, ihre wirtschaftliche Existenz zu halten“, erläutert Ingo Köhler.

Carl Schlesinger verlor sein Bankhaus 1939, als dieses liquidiert wurde. Ein Teil des Besitzes ging in Sicherheitsverwahrung an die Bank E. J. Meyer, die 1939 ebenfalls arisiert wurde, also einem deutschen Inhaber übertragen wurde. Als „Abwickler“ des Bankhauses Schlesinger wurde ein Friedrich Meineke eingesetzt. Dieser sorgte dafür, dass die Besitztümer und Aktiva der Bank veräußert und der Erlös dem Staat zugeführt wurden. Den Schlesingers blieb nur eine kleine Rente zum Überleben.

All dies wurde fein säuberlich protokolliert. Die Akten geben noch heute Auskunft, dass der Liquidator Carls Lebensversicherung auflöste. Aus der Auszahlung wurde seine „Reichsfluchtsteuer“, bezahlt, die von der Oberfinanzdirektion perfider Weise sogar noch erhoben wurde, als Carl in den Osten deportiert und dort ermordet wurde.

 Am  24. September 1942 wurde Carl mit dem 20. Osttransport ab Frankfurt am Main über Berlin zur Tötungsstätte Raasiku bei Reval in Estland gebracht. In Raasiku wurde er bei der Ankunft vermutlich sofort ermordet. Sein Todesdatum ist unbekannt. Carl Julius Schlesinger wurde 53 Jahre alt.

Seine Frau Lena überlebte den Transport nach Osten zunächst. Rund zwei Jahre lebte sie im Konzentrationslager Raasiku, bis dieses am 23. August 1944 wegen des Vorrückens der Roten Armee geräumt wurde. Lena Schlesinger wurde ins KZ Stutthof östlich von Danzig deportiert und dort am 3. Dezember 1944 ermordet. Helene Berta Dorothea Lena wurde 50 Jahre alt. Ihre Kinder Hans und Erika starben mit den Eltern in Raasiku beziehungsweise Stutthof.

Der Unterschriftenvergleich brachte den entscheidenden Hinweis. Lena Schlesinger hatte in ihren Büchern ihre Signatur hinterlassen. Die gleiche Unterschrift fand Forscher Robert Langer dann in einer Akte, die Lena kurz vor ihrem Abtransport ins KZ unterschrieben hatte.
Der Unterschriftenvergleich brachte den entscheidenden Hinweis. Lena Schlesinger hatte in ihren Büchern ihre Signatur hinterlassen. Die gleiche Unterschrift fand Forscher Robert Langer dann in einer Akte, die Lena kurz vor ihrem Abtransport ins KZ unterschrieben hatte. FOTO: Bodo Baumert / Medienhaus Lausitzer Rundschau

Ihr verbleibender Besitz in Berlin wurde eingelagert und bei Auktionen veräußert. Auch dies ist in den Akten fein säuberlich festgehalten. Zu den Käufern gehörten vermutlich Ausgebombte, die neue Einrichtungsgegenstände brauchten, aber auch Profiteure. Forscher Robert Langer hat einen auf den Käuferlisten entdeckt, der sich bei den „Juden-Auktionen“ offenbar gezielt und günstig mit Kunstwerken eindeckte. Aus dem Hausstand der Schlesingers hat jener Rudolf Sobczyk unter anderem zwei Ölbilder für 60 Reichsmark gekauft.

Das einzige, das wir heute wirklich über das Leben von Carl und Lena Schlesinger feststellen können, ist ihr Interesse für Bücher. Die private Büchersammlung umfasste rund 500 Exemplare, ebenfalls fein säuberlich erfasst von den Verwaltern und Helfern der NS-Herrschaft. 21 dieser Bücher sind nun in Bautzen wieder aufgetaucht. Es handelt sich um ein kleines jüdisches Gebetbuch, eine Jubiläumsausgabe der Werke Gerhart Hauptmanns, Bücher über ägyptische Kunstwerke und anderes.

Die Bücher waren  1942 von der Gestapo zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen und zur Verwertung dem Oberfinanzpräsidium Berlin-Brandenburg übergeben worden. Sie wurden gemeinsam mit der Büchersammlung Edith und Georg Tietz 1944 der Reichstauschstelle verkauft und in einem ihrer sächsischen Außendepots in der Nähe von Bautzen eingelagert. Der beauftragte Antiquar und Buchsachverständige Max Niederlechner schätzte die Büchersammlung der Schlesingers auf 500 Reichsmark.

Mit Kriegsende verlor sich die Spur der Sammlung. Sie wurde als Trophäengut der sowjetischen Besatzungsmacht in Russland vermutet. Tatsächlich lagerten die Bücher wohl in einer Kegelbahn und wurden nach Kriegsende in den Bestand der Bautzener Bibliothek eingepflegt. Signaturen und Aufkleber, die auf die ehemaligen Besitzer hinwiesen, wurden teils grob, teils penibel versucht zu entfernen.

Erst Robert Langer und seine Mitarbeiterin haben die alten Signaturen in mühsamer Kleinarbeit wiederentdeckt und die Spur zu ihren früheren Besitzern aufgenommen. Wie sie dabei vorgehen und was aus den Büchern wird, erklären wir in unserem heutigen Video zur Serie unter www.lr-online.de/geschichte.