ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 09:57 Uhr

Lausitzer Geschichte
Napoleons letzte große Offensive

Ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert zeigt den französischen Kaiser Napoleon I. hoch zu Ross. Mit einem Fernrohr beobachtet er den Verlauf einer Schlacht.
Ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert zeigt den französischen Kaiser Napoleon I. hoch zu Ross. Mit einem Fernrohr beobachtet er den Verlauf einer Schlacht. FOTO: A3077 epa afp / dpa/dpaweb
Luckau/Bautzen. Das Jahr 1813 gehört zu den Wendepunkten in der europäischen Geschichte. Frankreichs Kaiser Napoleon will es nach seinem katastrophalen Scheitern in Russland noch einmal wissen. Die Lausitz wird zum Schlachtfeld. Von Bodo Baumert

Wer im Frühjahr 1813 in der Lausitz den Überblick behalten will, hat es schwer. Frankreichs Kaiser Napoleon ist mit seinen sächsischen Verbündeten und Truppen aus dem Rheinbund über die Elbe zurückgekehrt und versucht, die Allianz aus Russen und Preußen zurückzudrängen. Rund um die Schlacht von Bautzen Ende Mai befinden sich überall in der Region zwischen Luckau und Görlitz Truppenkontingente.

„Unsere ganze Gegend ist kriegerisch geworden“, schreibt eine Augenzeugin von damals, Johanna Caroline Eleonore von Thielau, Standesherrin in Neu-Döbern, in Briefen an ihre Kinder. Die hat sie aus Furcht vor den umherziehenden Truppen in den Spreewald in Sicherheit bringen lassen. „Die Franzosen sind in Luckau, und durch Ogrosen gehen in einem fort Russen. Die Gefahr ist uns nahe. Ich hoffe das Beste, seid nur fein ruhig“, berichtet Johanna von Thielau am 16. Mai. Sie versucht Nachrichten und Kleinigkeiten per Boten in den Spreewald zu schicken. Nicht immer gelingt dies. „Bei dem Kuchen, den ich Euch sende, seht auf meinen guten Willen. Bei dem vielen Tumult habe ich mich im Mehl vergriffen, und die werten  Kuchen sehen grausam schwarz aus“, schreibt sie wenige Tage später. „Sobald es nun etwas sicher ist, hole ich Euch wieder zu mir.“

Für die Bevölkerung sind die Truppenstationierungen und die Erkundungsritte der Kavallerie ein stetiges Ärgernis, sind sie doch gezwungen, die teils wechselnden Besatzer zu versorgen. „In Spremberg hat täglich ein Bürger 50 Mann zu verpflegen“, berichtet Johanna von Thielau ihren Töchtern.

Ein kleiner Auszug aus der Chronik des Cottbuser Stadt-Historikers Steffen Krestin zeigt das Chaos: „Am 27. Januar ziehen preußische Truppen durch die Stadt und werden von den Bewohnern herzlichst begrüßt. Im Februar rücken einige hundert geschlagene polnische Reiter, Reste von  napoleonischen Regimentern, aus Russland kommend, durch Cottbus. Am 12. März trifft Major Ludwig Freiherr von Lützow mit seinem Adjutanten, Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, in Cottbus ein. Am 13. Juni erscheinen unvermutet französische Truppen und einige Westfalen in Cottbus. Der westfälische General Wolff ordnet die sofortige Abnahme des preußischen Wappens vom Posthause an und erklärt, dass Cottbus weiterhin zum Königreich Sachsen gehört. Am 17. August besetzt eine preußische Abteilung die Stadt und nimmt etwa dreißig Franzosen gefangen.“

 Dass auf beiden Seiten deutsche Soldaten kämpfen, macht die Lage für die Bevölkerung nicht einfacher. So versuchen etwa im Juli, fünf flüchtige westfälische Soldaten, die gewaltsam in napoleonischen Dienst gepresst wurden, nach Preußen zu desertieren. Sie werden jedoch eingefangen und in Cottbus standrechtlich erschossen.

Wer am Ende siegen wird, ist im Frühsommer 1813 nicht absehbar. Erst einmal scheint Napoleon wieder Oberwasser zu gewinnen. Bei Bautzen und Hoyerswerda kann er die Russen Richtung Görlitz zurückdrängen, aber nicht entscheidend schlagen. Nun zieht sein Marschall Oudinot mit 30 000 Mann Richtung Norden. Er überquert die Schwarze Elster, zieht durch Sonnewalde weiter auf Berlin. Ist Preußens Hauptstadt in Gefahr? Bei Luckau trifft Oudinot auf die Vorhut des preußische Armeekorps unter General von Bülow. Es kommt zur Schlacht.

Die Franzosen versuchen, die Stadt zu stürmen, erobern die Calauer Vorstadt, werden dann aber am Tor immer wieder zurückgeworfen. Oudinot muss sich schließlich nach Uebigau zurückziehen. Zwei weitere Versuche, auf Berlin zu marschieren, scheitern ebenfalls.

Napoleon muss schließlich einsehen, den erhofften Vernichtungsschlag gegen seine Feinde nicht mehr führen zu können. Er willigt in einen Waffenstillstand ein, den alle Seiten nutzen, um neue Truppen und Nachschub in die Region zu führen.

Der französische Kaiser selbst nutzt die Zeit des Waffenstillstands, um sich einen Überblick der Landschaften, seiner Truppen und der Lage zu verschaffen. Er hinterlässt dabei Spuren, die bis heute in der Lausitz zu finden sind. In Luckau, das mittlerweile die Franzosen halten, kehrt Napoleon im Juli ein. Legendär ist eine Wärmflasche, mit der der Kaiser sich gewärmt haben soll.

Napoleons Spuren in der Lausitz FOTO:

Auch andernorts hat der berühmte Franzose Spuren hinterlassen. So steht in Calau bis heute eine Napoleoneiche. Die Bezeichnung des Naturdenkmals soll an die Durchreise des Kaisers am 21. Juli erinnern, der auf dem Weg nach Bautzen in Calau seine Pferde wechselte. In den Bergen der Calauer Schweiz findet sich ein Napoleonstein, unter dem flüchtende Franzosen einen Teil der Kriegskasse versteckt haben sollen. Gefunden wurde diese bis heute nicht. Auch das Hoyerswerdaer Schloss brüstet sich damit, einst Napoleon beherbergt zu haben. Bei Senftenberg findet sich eine Napoleonsäule, in Cottbus eine Napoleonlinde.

Während des Waffenstillstands glühen die diplomatischen Kanäle. Napoleon muss allerdings rasch erkennen, dass sein Kalkül nicht aufgeht. Weder Russland noch Österreich lassen sich auf seine Seite ziehen. Im Gegenteil: Sein Schwiegervater Franz I. tritt mit seinen österreichischen Truppen auf die Seite der Allianz, die zudem durch Schweden und kleinere britische Verbände gestärkt wird. Einige Rheinbund-Staaten wie Bayern fallen zudem von Napoleons Seite ab.

Das Kriegsglück hat sich gewendet. In der Völkerschlacht von Leipzig wird Napoleon schließlich von den Verbündeten entscheidend geschlagen. Es ist das Ende seiner Hegemonie über Europa.Für die Lausitz hat das weitreichende Folgen. Auf dem Wiener Kongress, der die Verhältnisse in Europa neu ordnen soll, wird Sachsen als Napoleons treuer Verbündeter hart bestraft. Die Niederlausitz und Teile der Oberlausitz gehen an Preußen. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Video zur Serie, das wir auf www.lr-online.de/geschichte für Sie bereitgestellt haben.