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| 19:28 Uhr

Lausitzer Geschichte
Mit Rosshaar auf den Weltmarkt

 Hänsel-Echo von 1934
Hänsel-Echo von 1934 FOTO: Textilmuseum Forst / Bodo Baumert
Forst. Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Stadt Forst ein Mekka für die Textilwirtschaft. Ein Unternehmen findet einen ganz besonderen Weltmarkt für sich – mit Rosshaar. Und ganz nebenbei entsteht der Vorläufer der modernen Modezeitschriften. Von Bodo Baumert

Im Archiv des Textilmuseums in Forst finden sie sich noch, alte Ausgaben des Hänsel-Echo. Wer darin heute blättert, wird hineingezogen in eine Welt der schicken Anzüge, der Schnittmuster und der Modezeichnungen, die ihresgleichen suchen.

Und dabei handelt es sich „nur“ um Werbung, allerdings um eine, die mindestens 80 Jahre alt ist. Bis 1939 hat das Unternehmen Hänsel & Co. aus Forst diese Zeitschrift vertrieben, in einer Auflage von rund 100 000 Stück. Verteilt wurden sie an Schneider in Deutschland und darüber hinaus. Denn die sollten aus dem, was da aus Forst an der Neiße kam, solche Mode herstellen, wie sie der Grafiker Harald Schwerdtfeger für das Unternehmen aufs Papier zauberte.

Der Stoff, aus dem die Träume und natürlich auch die Anzüge gemacht werden sollten, war ein einzigartiger. Das Unternehmen hatte es nämlich geschafft, Rosshaar, also Pferdehaar, zu einem Textiliengrundstoff zu verarbeiten, der mit seinen Eigenschaften in der Verarbeitung neu und einzigartig war.

Eine Erfindung von Oswald Hänsel

 Bilder aus dem Hänsel-Echo..
Bilder aus dem Hänsel-Echo.. FOTO: Textilmuseum Forst / Bodo Baumert

Die Grundlage dafür hatte Oswald Hänsel 1908 gelegt. Er entwickelte ein Verfahren, um Rosshaare zu einem für die Weberei geeigneten Faden zu verzwirnen.  Mit Bruno Henschke gründete er das Unternehmen Hänsel & Co. In der Textilstadt Forst, die damals rund 200 entsprechende Betriebe führte, fand sich für das junge Unternehmen das geeignete Umfeld.

Original-Maschine steht im Forster Textilmuseum

 Rosshaar-Zwirnmaschine aus dem Beständen der Hänselwerke, heute im Textilmuseum in Forst zu sehen.
Rosshaar-Zwirnmaschine aus dem Beständen der Hänselwerke, heute im Textilmuseum in Forst zu sehen. FOTO: LR / Bodo Baumert

Eine Original-Zwirnmaschine kann man seit einigen Jahren wieder im Forster Textilmuseum bestaunen. Die Mitarbeiter haben sie aufgearbeitet und funktionstüchtig gemacht. Es ist die wohl letzte Maschine ihrer Art weltweit

Bereits 1909 – so verrät es eine Anmeldung zur Unfallversicherung, die im Stadtarchiv die Zeit überdauert hat – beschäftigten die Hänselwerke 26 Beschäftigte. Bis 1911 steigt die Produktion auf 1,2 Millionen Meter Textilien. Das Unternehmen kann von sich behaupten, den kompletten Fertigungsablauf vom angelieferten Haar bis zum fertigen Flächengewebe bieten zu können. Die Produkte wie Hänsel-Complet, Hänsel-Aerax oder Hänsel-Forsta sind aufgrund ihrer Eigenschaften gefragt, etwa als Einlagenstoffe und Polster.

FOTO: Textilmuseum Forst / Bodo Baumert

Hänsel-Echo zeigt Mann von Welt

Sportlich, elegant, weltmännisch – das Image, das sich das Unternehmen in seinem Hänsel-Echo gibt, wird durch die Modezeichnungen lebendig. Beim Golf, zu Pferd oder beim Skifahren präsentieren sich die Gentlemen auf den Bildern, natürlich stets perfekt angezogen. Die Zigarette, lässig zwischen die Finger geklemmt, darf zur damaligen Zeit nicht fehlen. Die passenden Schnittmuster hat der geneigte Leser nach dem Umblättern gleich zur Hand.

Nummer 1 in Deutschland

FOTO: Textilmuseum Forst / Bodo Baumert

Die Hänselwerke steigen auf zum größten Produzenten von Zwirn- und Haareinlagenstoff im ganzen deutschen Reich. Zudem liefern die Forster bereits früh ins Ausland, erobern sich so einen Platz auf dem Weltmarkt.

Das wird auch im hauseigenen Hänsel-Echo entsprechend vermarktet. Neben den Modezeichnungen finden sich dort etwa in der Ausgabe von 1934 auch Darstellungen aus dem Betrieb. „Fast wie in einem Taubenschlag geht es an den Empfangstagen im Hänsel-Bürohaus ein und aus. Aus allen Gegenden der Welt kommen die Verkäufer, um die leistungsfähigen Textil-Rohstoffe ihres Landes aus erster Hand anzubieten“, dichteten die Werbetexter damals. „Sind doch die Hänsel-Werke die größte Zwirnroßhaarstofffabrik Europa.“

FOTO: Textilmuseum Forst / Bodo Baumert

Auch für die Uniform

Auch für die Uniform empfiehlt das Hänsel-Echo die hauseigenen Produkte. „Früher glaubte man, dass die Uniform vor allem haltbar sein müsse. Heute weiß man, daß sie gesund sein muß und haltbar zugleich“, schreibt das Hänsel-Echo 1934. Kein Schneider dürfe seinen Kunden eine Uniform zumuten, die „steif, unbequem und ungesund ist“.

Die Forster wissen, wovon sie sprechen. Hatte man doch bereits im Ersten Weltkrieg Aufträge des Heeres genutzt, um über die schwierigen Zeiten zu kommen.

Das Hänsel-Echo FOTO: Textilmuseum Forst / Bodo Baumert

Auch im Zweiten Weltkrieg schaffen es die Hänselwerke zunächst, sich zu behaupten. Noch 1944 wird das Unternehmen als Kriegsmusterbetrieb ausgezeichnet. Dann allerdings erreicht die Front Forst, und die Fabrikgebäude werden ein Opfer der schweren Munition.

Ost scheitert, West hält bis 2015

1952 beginnt der Wiederaufbau. Rund 250 000 Mark werden für die Instandsetzung in vier Bauabschnitten bewilligt. Der Versuch eines Neubeginns als VEB Hänselwerk scheitert allerdings. Das Werk geht schließlich im VEB Tuche auf.

Anders im Westen, wohin sich Bruno Henschke nach dem Krieg geflüchtet hat. Er konnte schließlich in Iserlohn einen neuen Standort für „Hänsel-Textil“ aufbauen. Die Haargarnspinnerei hatte das Unternehmen zwar bereits in den 70er-Jahren aufgegeben. Nach einer  Insolvenz 2009 bestand das Unternehmen allerdings noch bis Ende 2015 in Iserlohn weiter.

 Forst um 1939, Detail der Hänsel-Werke mit Wandausmalung von Willi Jennrich...Foto: vermutl. Walter Gärtner..
Forst um 1939, Detail der Hänsel-Werke mit Wandausmalung von Willi Jennrich...Foto: vermutl. Walter Gärtner.. FOTO: Stadtarchiv Forst / vermutl. Walter Gärtner