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| 21:15 Uhr

Lausitzer Geschichte
„Mein Vater bereut nichts von dem, was er 1953 getan hat“

Barbara Masin
Barbara Masin FOTO: Barbara Masin
Cottbus. Autorin Barbara Masin über die „Großfahndung Uckro“ und die Rolle ihres Vaters Josef Masin Von Bodo Baumert

Zum Start der neuen Serie zur Lausitzer Geschichte hat die RUNDSCHAU in der vergangenen Woche über die „Großfahndung Uckro“ geschrieben. Daraufhin haben sich zahlreiche Leser gemeldet, darunter auch die Tochter eines der damaligen Protagonisten, Barbara Masin. Die RUNDSCHAU hat mit ihr über ihren Vater und seine Sicht auf die damaligen Ereignisse gesprochen.

Barbara Masin, Sie sind die Tochter von Josef Masin. Wie viel hat Ihnen ihr Vater über die Ereignisse 1953 rund um Luckau erzählt?

Er hat uns Kindern von seinem Leben unter der Herrschaft der Nazis und später der Kommunisten erzählt, aber nie über seinen Vater und seine Mutter gesprochen. Über seinen Vater erzählte er uns nur: ‚Die Masins waren schon immer Freiheitskämpfer. Trage Deinen Namen mit Stolz!’ Erst später haben ich erfahren, dass mein Großvater der Kopf der „Drei Könige“ war, einer der bekanntesten böhmischen Widerstandsgruppen gegen die Nazis während des Zweiten Weltkriegs. Mein Großvater wird heute in der Tschechischen Republik als einer der großen Helden jener Zeit verehrt. Sein Sohn, der gegen die Kommunisten, ein damals ähnlich brutales Regime, gekämpft hat, wird hingegen von einigen als Mörder bezeichnet – obwohl er nie auf Zivilisten, sondern nur auf bewaffnete Soldaten oder Polizisten geschossen hat. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.

Sie selbst haben eigene Forschungen über die Flucht ihres Vaters und seiner Freunde angestellt. 2006 ist Ihr Buch „Gauntlet“ erschienen. Wie sehen Sie die Rolle ihres Vaters?

Mein Vater und seine Freunde sind nicht nach West-Deutschland geflohen, um mehr Wohlstand zu erlangen. Sie wollten sich der US-Armee anschließen, um in einem damals von allen erwarteten Krieg zwischen Ost- und Westblock für die Freiheit ihrer Heimat zu kämpfen. Denn sie hatten die Brutalität der Kommunisten selbst erlebt, die Schauprozesse und Arbeitslager. Sie wollten diese Missachtung der Menschenrechte bekämpfen. 1953 war aber nicht 1968. Mit Demonstrationen ließ sich damals nichts erreichen. wer es versuchte, landete in den Uran-Minen.

Am Bahnhof von Uckro fielen 1953 die ersten Schüsse. Bis heute gibt der Kriminalfall Rätsel auf.
Am Bahnhof von Uckro fielen 1953 die ersten Schüsse. Bis heute gibt der Kriminalfall Rätsel auf. FOTO: Bodo Baumert / LR

Einige Leser haben uns nach der Veröffentlichung geschrieben, die fünf Tschechen von damals seien Mörder gewesen. Wie denkt Ihr Vater heute darüber? Hat er seine Taten bereut?

Generationen, die die 50er-Jahre nicht durchlebt haben, haben keine Ahnung der damaligen Verhältnissen und sehen die Geschehnisse aus heutiger Sicht. Die Kommunisten in Tschechien hatten damals einen Klassenkampf erklärt und lautstark gedroht, die Bourgeoisie auszurotten. Das war gerade einmal zehn Jahre nach den Gräueltaten der Nazis, deren Auswirkungen mein Vater und sein Onkel selbst erlebt haben. Sie haben drei der Opfer, die für tot erklärt und von den Zügen Richtung Konzentrationslager geworfen wurden, gesund gepflegt. Als die Kommunisten dann ihren Terror begannen, hat sich mein Vater entschlossen, zu kämpfen. Seine Gegner waren die, die sich dem Regime verpflichtet und in Uniform dafür gearbeitet haben. Mein Vater bereut nichts von dem, was er getan hat.

Ihr Vater ist der letzte Überlebende der fünf jungen Männer, die damals die Flucht durch Ost-Deutschland angetreten haben. Was ist aus ihm geworden?

Er ist zusammen mit seinem Bruder und Milan Paumer den US-Streitkräften beigetreten. Doch die große Auseinandersetzung mit den Kommunisten blieb aus. Desillusioniert und enttäuscht verließen sie die Armee und bauten sich eine private Existenz auf. Mein Vater kehrte nach West-Deutschland zurück, heiratete meine Mutter und wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann. Später zogen sie nach Kalifornien, wo wir bis heute leben.

Fahndungsplakat von 1953
Fahndungsplakat von 1953 FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau

Milan Paumer ist nach der Wende in seine Heimat zurückgekehrt. Ihr Vater hat bis heute keinen Fuß auf tschechischen Boden gesetzt. Warum?

Es gibt in Tschechien, wie in Deutschland, bis heute zwei Blickwinkel auf die Aktionen meines Vaters und seiner Freunde. Sie haben Orden erhalten und wurden mehrfach in ihre Heimat eingeladen. Anders als in Deutschland, wo das Unrecht des Nazi-Regimes aufgearbeitet und vor Gericht gebracht wurde, gibt es in Tschechien bis heute keine volle Aufarbeitung. Die Apparatschicks der Kommunisten haben sich in die neue Zeit hinüber gerettet. Gerechtigkeit für die Opfer gibt es bis heute nicht. Deshalb ist mein Vater nicht zurückgekehrt.

Mit Barbara Masin sprach Bodo Baumert