ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:36 Uhr

Lausitzer Geschichte
„Kleineren Bankhäusern blieb keine Wahl“

PD Ingo Köhler von der Uni Göttingen
PD Ingo Köhler von der Uni Göttingen FOTO: Ingo Köhler
Göttingen. Wie geschah die Arisierung jüdischer Bank im Dritten Reich? und wer waren die Profiteure? Die RUNDSCHAU sprach mit dem Wirtschaftswissenschaftler Ingo Köhler von der Universität Göttingen. Von Bodo Baumert

Wie sah die Lage auf dem Bankensektor in Deutschland vor dem Beginn der Arisierung aus?

Die allgemeine Lage der Banken zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machterlangung war bereits schwierig. Die Bankenkrise von 1931 hatte viele Unternehmen – unabhängig von der Herkunft der Inhaber und Vorstände – erheblich an wirtschaftlicher Substanz gekostet. Nun befanden sich der Sektor in einem langsamen Erholungsprozess. Die Diskriminierungen jüdischer Bankiers, die recht rasch in 1933 einsetzte und dann ab 1935/36 nochmals an Intensität zunahm, engte den Geschäftsspielraum der rund 500 jüdischen Privatbanken immer mehr ein. „Arische“ Institutionen, Unternehmen und Privatunternehmen kündigten ihre Geschäftsbeziehungen, schon bevor der Staat 1938 durch eine Verordnung die Weiterexistenz jüdischer Firmen untersagte.

Wie geschah das praktisch?

Diese Frage ist nur schwer kurz zu beantworten. Hierzu habe ich fast 300 Seiten Buch gebraucht, um die vielen Spielarten der „Arisierung“ darzustellen. Festhalten kann man, dass es sehr vom Ort und der Radikalität der NS-Schergen abhing, wie stark und schnell die Banken schließen mussten. Gerade die vielen kleineren Bankhäuser – wie Schlesinger – blieb kaum eine Wahl als zu liquidieren, da sich keine Käufer fanden. Bei größeren Privatbankhäusern waren es ‚arische‘ Angestellte aus dem Unternehmen, befreundete Geschäftspartner von vor 1933 oder eben ideologisierte Käufer, die mit direktem Kontakt zu den NS-Behörden und aktiv durch Denunziationen u.ä. versuchten, die jüdischen Inhaber zum Verkauf zu drängen. Die skrupellosen Profiteure unter den Erwerbern drückten mehrfach den Preis und waren nicht bereit den eigentlichen Firmenwert zu vergüten. Unterstützt wurden sie durch Verordnungen von Kammer und Gaustellen, die Ihnen für diese Praxis Rückhalt gaben. Dann gab es die „stillen Profiteure“, die nichts aktiv gegen die jüdischen Mitbürger taten, aber die diskriminierenden Umstände für sich arbeiten ließen. Sie bezahlten für die Unternehmen ebenfalls deutlich zu wenig, da sie etwa den ehemaligen Goodwill der Unternehmen nicht in Anschlag brachten. Die beiden ersten Gruppen von Erwerbern machten so etwa 80 Prozent der „Arisierungen“ aus. In wenigen Fällen kam es allerdings auch dazu, dass die Erwerber bereits im Vorfeld mit den Verfolgten bekannt waren. Sie versuchten durch Nebenvereinbarungen einen angemessenen Preis zu bezahlen und den jüdischen Bankiers zu helfen, zumindest einen Teil ihres Vermögens ins Ausland zu retten. Man könnte diese kleine Gruppe „gutwillige Erwerber“ nennen.

Wer waren die Profiteure?

Es profitierten in ersten Linie die Erwerber, denen es durch die Übernahme eines jüdischen Unternehmens oft gelang, den Schritt in die Selbstständigkeit zu machen. Wie oben gezeigt, wurden die Verkäufer dabei in den allermeisten Fällen deutlich übervorteilt, mussten massive Kaufpreiseinbußen hinnehmen. Aber: Dies kann man nur im Einzelfall genau beziffern, aber nicht pauschalisieren. Dann natürlich die Wettbewerber auf dem Bankenmarkt, deren Konkurrenten durch die antisemitische Verfolgung ausgeschaltet wurden und die deren Konten übernehmen konnten. Und schließlich ganz massiv der Staat: Nach (oder schon während) der „Arisierung“ des Firmenbesitzes folgte die staatliche Konfiskation der Privatvermögen (was bei Inhaberunternehmen wie Privatbanken kaum zu trennen ist), über konfiskatorische Reichsfluchtsteuern, die sog. „Sühneabgabe“ und massiven Umtauschkosten beim Transfer der Vermögen ins Ausland. Vielen jüdischen Privatbankier blieb in der Emigration nur 2-5 Prozent ihres ehemaligen Vermögens. Den Rest hatte sich eine ganze Gruppe von staatlichen und privaten Akteuren einverleibt.

Mit Ingo Köhler
sprach Bodo Baumert