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Interview mit Steffen Krestin
„Wichtig in der Entwicklung der Demokratie“

Der SPD-Politiker Otto Wels spielte am 9. Nove,ber 1918 in Berlin eine wichtige Rolle, als er Soldaten überzeugte, nicht auf die Aufständischen zu schießen. Wenige Tage zuvor hatte Wels auch in Cottbus zur Ruhe gemahnt. Die Einladung von damals ist noch erhalten.
Der SPD-Politiker Otto Wels spielte am 9. Nove,ber 1918 in Berlin eine wichtige Rolle, als er Soldaten überzeugte, nicht auf die Aufständischen zu schießen. Wenige Tage zuvor hatte Wels auch in Cottbus zur Ruhe gemahnt. Die Einladung von damals ist noch erhalten. FOTO: picture alliance / dpa / dpa
Cottbus. Im Gespräch erläutert Steffen Krestin, Leiter des Stadtmuseums in Cottbus, wie die Novemberrevolution in der Lausitz ablief.

Es ist der 9. November 1918. In Berlin tragen Arbeiter die Revolution auf die Straßen. In Cottbus heißt es auf einem Anschlagzettel des gerade gegründeten Soldatenrats: „Alles geht in Ruhe seinen Gang weiter!“ Im Interview spricht Stadtmuseumschef Steffen Krestin (Foto) über das Revolutionäre in der Provinz und den Beginn der parlamentarischen Demokratie in der Lausitz.

„Alles geht in Ruhe seinen Gang weiter“: Das klingt nicht gerade nach Revolution in Cottbus, oder?

Steffen Krestin, geboren 1959, studierte von 1980 bis 1985 Geschichte sowie von 1990 bis 1992 Museologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1995 leitet Krestin die Städtischen Sammlungen Cottbus.
Steffen Krestin, geboren 1959, studierte von 1980 bis 1985 Geschichte sowie von 1990 bis 1992 Museologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1995 leitet Krestin die Städtischen Sammlungen Cottbus. FOTO: Steffen Krestin / Steffen Krestin /privat

Krestin Na ja, Cottbus oder Berlin, das war schon ein Unterschied. Cottbus war 1918 eine mittelgroße deutsche Tuchmacherstadt. Da lief alles in relativ festgefügten Bahnen. Und es gab für die Menschen auch andere Themen: die Mühsal und Grausamkeit des Ersten Weltkriegs, die schwierige Versorgungslage, der Wertverlust des Geldes.

Wie verlief die Novemberrevolution in Cottbus und Umgebung?

Krestin Natürlich gab es hier nicht so riesige Aufstände. Allerdings hatte es schon zuvor, während des Kriegs ab 1914, angesichts von Hunger und Not auch Streiks der Arbeiter und Demonstrationen gegeben. Auf der anderen Seite war in Cottbus das Militärische seit dem 19. Jahrhundert stark ausgeprägt. Und auf dem 1917 in Betrieb genommenen Militär-Flugplatz in der Stadt waren eher diejenigen Soldaten eingesetzt, die vergleichsweise hoch gebildet waren. Da haben sich ziemlich schnell Soldaten zu einem Rat zusammengetan. So blieb alles überschaubar.

Kurz vor der Revolution sprach der spätere Parteivorsitzende der SPD, Otto Wels, im Konzerthaus Kolkwitz, damals mitten in Cottbus, vor 3000 Menschen. Er forderte die Menge auf, besonnen zu bleiben. War das Taktik?

Krestin Das war vermutlich eine gezielte Geschichte.

Wie hat die Bevölkerung die revolutionären Aktivitäten wahrgenommen?

Einladung an Arbeiterinnen und Arbeiter: Am 19. Oktober 1918 hält der Sozialdemokrat und spätere Vorsitzende der SPD, Otto Wels (1873 bis 1939), vor 3000 Frauen und Männern eine Rede im Konzerthaus Kolkwitz, einer großen Gaststätte im Zentrum von Cottbus. Darin ruft Wels laut Polizei zu besonnenem Handeln auf. Wenige Tage später erreicht die Novemberrevolution auch Cottbus.
Einladung an Arbeiterinnen und Arbeiter: Am 19. Oktober 1918 hält der Sozialdemokrat und spätere Vorsitzende der SPD, Otto Wels (1873 bis 1939), vor 3000 Frauen und Männern eine Rede im Konzerthaus Kolkwitz, einer großen Gaststätte im Zentrum von Cottbus. Darin ruft Wels laut Polizei zu besonnenem Handeln auf. Wenige Tage später erreicht die Novemberrevolution auch Cottbus. FOTO: Stadtmuseum Cottbus / Stadtmuseum Cottbus (Faksimile)

Krestin Mein Eindruck ist, dass bereits außerhalb des S-Bahn-Rings von Berlin alles eher beschaulich ablief. Natürlich haben die Menschen das Ganze als Umbruch registriert. Kaiser Wilhelm II. war ja weg, und bald darauf, im Januar 1919, gab es die ersten freien Wahlen.

Besonders groß war die Euphorie für die neue Freiheit in der Lausitz wohl nicht.

Krestin Nein. Man muss sehen, dass es vorher hierzulande mit Beginn des Kaiserreichs 1871 eine lange Periode des Friedens gegeben hatte. In Cottbus und Umgebung war das verbunden mit einem enormen industriellen Aufschwung. Die Stadt blühte in der Amtszeit von Oberbürgermeister Paul Werner auf ...

... das war von 1894 bis 1914...

Krestin ... In seiner Zeit erhielt Cottbus eine Straßenbahn, das Theater, ein Abwasser- und Trinkwassersystem. So etwas muss man sich schon leisten können. Und das war eben auch mit dem Deutschen Kaiserreich verbunden, während das Ende des Kaiserreichs nicht nur einen Zusammenbruch des politischen, sondern auch des wirtschaftlichen Systems mit sich brachte. Hunger und Arbeitslosigkeit, Inflation, das machte sich im Alltag bemerkbar. 1923, auf dem Höhepunkt der Teuerung, kostete ein Brot im Juli noch 9000, ein paar Wochen später dann schon 28.000 Mark. Und es gab natürlich enorme politische Widersprüche. Die linken Parteien standen den Rechten gegenüber, wie 1920 beim Kapp-Putsch.

Das war der nach Wolfgang Kapp benannte Umsturzversuch gegen die Demokratie ab 13. März 1920, den rechte Freikorps-Offiziere und rechtsextreme Politiker anführten. Was passierte in Cottbus?

Krestin Die Einheit des Garnisonsältesten Bruno Ernst Buchrucker sollte gemäß dem Versailler Vertrag aufgelöst werden, der Militär-Flugplatz in Cottbus war schon geschlossen. Buchrucker führte hier den Putschversuch an, und es gab Tote, als die putschenden Soldaten am Spremberger Turm auf Gegendemonstranten trafen.

Also war Cottbus damals ein rechtes Zentrum?

Krestin Den Putschisten stand die über die Region hinaus gut organisierte Arbeiterschaft mit ihrer roten Armee gegenüber. Zwar übernahmen Buchruckers Truppen für einige Tage die Macht, aber man darf nicht vergessen, dass auch das Industrierevier der Lausitz nicht schlecht bestückt war mit teils bewaffneten Gegnern der Putschisten, darunter viele, die in nicht so gut bezahlten Jobs tätig waren.

Letztlich blieb Cottbus demokratisch, jedenfalls vorerst bis 1933.

Krestin Man darf das nicht überbewerten. Die Novemberrevolution hatte schon gravierende Auswirkungen. Nach 1919 waren das bürgerlich-konservative und das linke Lager insbesondere in Cottbus etwa gleich stark. Mit dem Frauenwahlrecht bekamen dabei erstmals Frauen echte politische Teilhabe. Das war eine neue Qualität.

Der 9. November steht nicht nur für die Revolution 1918. Der Beauftragte Berlins zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Tom Sello, hat vorgeschlagen, das Datum wegen des Mauerfalls 1989 zum Feiertag zu machen – und zugleich der Opfer der Pogrome gegen Juden 1938 zu gedenken. Was halten Sie davon?

Krestin Ich finde Staatsfeiertage an sich schwierig. Sehen Sie sich nur die fehlende Akzeptanz für den 3. Oktober als Tag der Einheit an. So ein Tag ist einfach nur da. Wie in der DDR am 7. Oktober...

:.. das war der Tag der Republik mit Militärparade in Berlin und Pflicht-Demonstrationen.

Krestin Da sind wir erst zur Demo gegangen, danach war einfach frei. Aber für den 9. November, da möchte ich die Reden nicht schreiben müssen. Ein Tag mit drei historischen Ebenen, zwei davon weisen in Richtung Demokratie, 1938 dagegen steht als Warnung vor den Folgen des Nationalsozialismus. Das macht mich sehr nachdenklich. Der 9. November ist zu vielschichtig für einen Feiertag.

Was bleibt von der Novemberrevolution von 1918?

Krestin Diese Geschichte lässt sich nicht einfach abhaken. Das Jubiläum steht für ein neues Demokratieverständnis, das in der Weimarer Verfassung mündete und 1933 mit Gewalt abgeschafft wurde. Damals gab es verglichen mit heute zwar extreme politische Strukturen. Wie in Cottbus bestanden linke Parteien wie die neue KPD, USPD und SPD nebeneinander, und es gab weiterhin treue Monarchisten. Dennoch entstand so erstmals eine moderne Parteienlandschaft. Ein großer Teil der Bevölkerung, die Arbeiterschaft, war anders als noch zu Kaisers Zeiten wirklich repräsentiert. Insofern sehe ich den 9. November 1918 als wichtiges Datum in der Entwicklung der Demokratie.

Mit Steffen Krestin sprach
Oliver Haustein-Teßmer