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| 15:08 Uhr

Interview Dieter Birr
„Ich fand die Reaktion von BAP echt bescheuert“

 Ex-Puhdys-Sänger Dieter "Maschine" Birr 2018.
Ex-Puhdys-Sänger Dieter "Maschine" Birr 2018. FOTO: dpa / Jens Kalaene
Cottbus. 1984 mussten die Puhdys für BAP einspringen und deren Konzert in Berlin springen. 15 Jahre später hat hat Sänger Dieter Birr in einem RUNDSCHAU-Interview deutliche Worte dazu gefunden. Hier noch einmal das Interview von damals: Von Wolfgang Swat

Mit den Rolling Stones wolltet ihr immer einmal gemeinsam auf einer Bühne spielen. Habt Ihr die Hoffnung, daß das noch klappt?


Dieter Birr Man soll nie etwas für ausgeschlossen halten.

Die Puhdys werben für Bier, Einbauküchen und Opel oder spielten bei Wahlkampfveranstaltungen sowohl für die PDS als auch für die SPD. Zumindest in Sachen Selbstvermarktung braucht Ihr euch hinter den Stones nicht zu verstecken!


Birr Wir spielen einfach für die Leute und nicht aus politischen oder sonstigen Gründen. Und durch die genannten Firmen bekommen wir einfach die Möglichkeit, günstig für unsere Konzerte zu werben. Es würde uns ein Vermögen kosten, wenn wir zum Beispiel die Rundfunkspots oder Großplakate selber schalten müßten. Dazu gibt"s ja Sponsoren.


Schon in der DDR galten die Puhdys als clevere Truppe, was manche Anfeindung hervorrief. Zu Unrecht?


Birr Da spielte bei manchen Leuten wohl auch der Neid eine Rolle. Ich denke aber, daß die Leute inzwischen mitbekommen haben, daß wir keineswegs vom Staat bevorzugt wurden. Wir waren schon immer eine selbständige Firma und haben eigentlich stets gemacht, was wir wollten. Außerdem war es in der DDR ja nicht so, daß sich das Publikum durch die Stasi oder den Staat in die Konzerte oder Plattenläden treiben ließ.


Warum seid Ihr dann 1988 auf "Good-bye"-Tour gegangen?


Birr Wir wollten einfach auf dem Höhepunkt unserer Karriere abtreten, denn mehr konnte man in der DDR nicht erreichen, als wir geschafft haben. Zumal die älteren Bands auch nicht mehr so gefragt waren wie früher. Allerdings wollten wir ja nur als Live-Band aufhören und ansonsten schon noch im Studio Musik machen, für Soloplatten, auch Songs für andere schreiben.


Im Nachhinein betrachtet hättet Ihr keinen günstigeren Zeitpunkt für euren Rücktritt wählen können. So blieb euch der für alle etablierten Ostkünstler obligatorische Wendeknick erspart, und Ihr konntet pünktlich zur Ostalgiewelle wieder auferstehen.


Birr Zunächst dachten wir überhaupt nicht an ein Comeback, sondern wie die meisten Kollegen, daß sich mit der Wende sowieso alles erledigt hätte. Natürlich auch für uns, schließlich mochte doch niemand mehr etwas mit Ostprodukten aller Art zu tun haben. Andererseits merkten wir, daß uns die Leute auf der Straße weiter viel Sympathie entgegenbrachten. Ich kann mich erinnern, wie mal zwei Glatzköpfe kamen, als ich gerade an einer Imbißbude stand. Mein erster Gedanke war: Wenn die dich jetzt erkennen, gibt's bestimmt 'nen dummen Spruch. Stattdessen meinten die: Ey cool, wann spielt Ihr denn wieder? Das haben wir kurz darauf dann gemacht, nach einem heimlichen Test im Westen, ob wir's noch bringen. Dann meldete sich auch die Plattenfirma, und irgendwie wollten wir"s wieder wissen.


Inzwischen wisst Ihr es, die Puhdys sind nicht nur die Dinosaurier des Ostrocks, sondern auch die erfolgreichste Band der Ostalgiewelle. Stört euch das Etikett?


Birr Im Prinzip ist mir das egal. Letzlich zählt doch allein, daß die Leute überhaupt in unsere Konzerte kommen oder unsere Platten kaufen. Natürlich gibt es viele Fans, die sich gern daran erinnern, uns schon früher gehört zu haben. Eigenartig finde ich allerdings, daß ihre Kinder ebenfalls in unsere Konzerte kommen und mitsingen. Sowas konnte ich mir nie vorstellen. Auf keinen Fall hätte ich mir früher die gleiche Musik angehört wie meine Eltern. Da muß wohl mehr als nur Ostalgie hinterstecken. Vielleicht sind manche ja auch ein bißchen stolz, daß es eine Band aus ihrem alten Land nochmal geschafft hat.


Bewertet Ihr euren Erfolg heute höher als den in der DDR, wo kaum internationale Stars spielten?


Birr Natürlich. In der DDR waren wir im wesentlichen konkurrenzlos. Deswegen haben wir uns zwar über den Erfolg damals gefreut, aber ihn auch nicht überbewertet, ganz ehrlich. Daß wir immer noch so ankommen, freut uns viel mehr. Noch dazu, wenn man sieht, daß einige unserer anfänglichen Vorbilder wie Uriah Heep mittlerweile in bedeutend kleineren Sälen spielen als wir.


Oder wenn man als Support für Rod Stewart mehr gefeiert wird als der Hauptact, wie im Rostocker Ostseestadion geschehen?


Birr Na ja, die Leute konnten halt unsere Texte alle mitsingen. Sowas schafft schon ein gewisses Selbstvertrauen. Wirklich wichtig ist doch nur: Wenn man auf der Bühne steht, muß was passieren. Da interessiert nicht, ob du aus Norwegen oder Amerika kommst.


Apropos, Ihr wart 1981 auf einer Promo-Tour in den USA, wie seid Ihr dort angekommen?


Birr Gespielt haben wir da gar nicht, das war im Grunde ein Geschenk unserer westdeutschen Plattenfirma Hansa. Weil die ja nicht sagen konnten, daß wir nur zum Urlaub in Amerika sind, wurde das Promotiontour genannt, um uns bei einigen Plattenfirmen vorzustellen. Wir waren also bei Hansa International und bei so einem kleinen Label in Los Angeles, das Platten aus der ganzen Welt, von ägyptischem Schlager bis afghanischer Volksmusik, aufkaufte. Die haben dann von uns auch ein paar genommen. In England waren wir zuvor wirklich in einem Studio, um das Album "Far From Home" für den internationalen Markt zu produzieren. Das ist jedoch ziemlich geflopt.


Dafür war eure Musik zu Hause um so beliebter. Ihr habt nicht nur unzählige Male Publikumswahlen als beliebteste Band gewonnen, sondern auch hohe Auszeichungen bis hin zum Nationalpreis. War dafür ein Spagat nötig?


Birr Über solche Dinge zerbrachen wir uns überhaupt nicht den Kopf. Wir haben immer die Musik gemacht, an die wir glauben. Die offiziellen Preise bekamen wir doch nur, weil die Funktionäre sahen, daß die Leute uns mögen. Wir haben nirgendwo gesagt, daß wir jetzt gern mal den Nationalpreis hätten. Generell haben wir nie etwas getan, das uns aufgezwungen wurde oder wohinter wir nicht stehen konnten.


Hattet Ihr tatsächlich nie Ärger mit den Funktionären, oder redet Ihr nur nicht darüber?


Birr Klar wurde von uns auch mal ein Text verboten, aber wen interessiert denn das?! Unsere Fans hatten doch viel größere Probleme, ein Arbeiter durfte ja noch nicht mal auf der Betriebsversammlung Dinge ansprechen, über die wir gesungen haben. Kurz nach der Wende wurden zwar plötzlich alle zu Widerstandskämpfern, aber auch die meisten progressiven Bands hatten vorher stets aufgepaßt, in offiziellen Äußerungen bloß nicht zu viel zu sagen, um nicht verboten zu werden. Konsequent waren doch nur ganz wenige wie der Biermann. So konsequent wie der wollte ich aber nie sein, weil für mich ein Verlassen der DDR nie in Frage kam. Als Band versuchten wir immer durch unsere Musik und nicht durch aufmüpfige Sprüche das Publikum zu erobern. Wir wollten eben nur das machen, was wir können, das aber so gut wie möglich.


Als BAP wegen der Zensur ihres Programms 1984 kurzfristig ihr Konzert im Palast der Republik absagten und Ihr dafür einsprangt, standet Ihr als diejenigen da, die den Kulturapparatschiks aus der Klemme helfen. Warum habt Ihr trotzdem gespielt?


Birr Wir hatten natürlich unsere Bedenken, aber letztlich war es für uns eine Herausforderung. Außerdem fand ich die Reaktion von BAP - die doch wußten, was in der DDR los war - echt bescheuert und unfair dem Publikum gegenüber. Wir haben dann auch gespielt, um den Abend zu retten. Übrigens hatten sich etliche Bands um den Auftritt beworben, was hinterher wieder keiner zugab.


Das Konzert war in jeder Hinsicht brisant, ging aber für euch mehr als glimpflich aus.


Birr Es war eines unserer aufregendsten Konzerte, denn die Besucher wußten im wahrsten Sinne nicht, was auf sie zukommt. Das rechnete ja bis zu unserem Erscheinen mit BAP. Als stattdessen wir aufkreuzten, war das für die Zuschauer eine Riesenenttäuschung und für uns ein direkter Vergleich mit einer Westband. Das hatte bei uns enormen Kampfgeist geweckt, ohne irgendwelche politischen Hintergünde. Nach einigen Pfiffen zu Anfang wurde es ein gigantisches, umjubeltes Konzert.


Euer 3000. Konzert am 19. Juni in der Berliner Waldbühne ist ausverkauft. Ärgert es euch, daß die Puhdys von vielen Kritikern trotzdem nicht ernst genommen werden?


Birr Nee, viel schlimmer wäre doch, wenn unsere Musik gar keinen interessieren würde. Je mehr Freunde du hast, desto mehr Kritiker eben auch. In dem Punkt geht es uns ja ähnlich wie Pur oder Wolfgang Petry. Wobei ich jedoch glaube, daß wir musikalisch mit denen nicht vergleichbar sind.


Wieviele Jahre wollt Ihr noch als Band auftreten?


Birr Solange es geht und es uns natürlich Spaß macht. Zur Zeit macht es jedenfalls sehr viel Spaß, denn wir sind auch das erste Mal mit einem Album, der CD "30 Jahre Puhdys", in die Charts gelangt.


Verstehen sich die Puhdys-Mitglieder auch über die Band hinaus noch als Freunde?


Birr Klar sind wir Freunde, wenn auch mit unterschiedlichen Charakteren. Anders würde man es wohl kaum dreißig Jahre miteinander aushalten.


Gilt das auch für euren ehemaligen Bassisten Harry Jeske, mit dem Ihr im Streit liegen sollt?


Birr Wir haben uns keineswegs mit Harry überworfen, sondern ihn ebenfalls zum Jubiläums-Konzert eingeladen. Ich glaube, daß Harry sein Ausstieg aus der Band leid tut und ihm etwas fehlt. Wir können jetzt zur Jubiläumstour aber nicht einfach unseren jetzigen Bassisten Peter "Bimbo" Rasym von der Bühne schicken.

Das Interview führte Wolfgang Swat.