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| 12:43 Uhr

Lausitzer Geschichte
Gold, Burgen und die mysteriösen Skythen

Eine Rekonstruktionszeichnung der Burganlange von Malitschkendorf, zu sehen auf einer Ausstellungstafel am Ort.
Eine Rekonstruktionszeichnung der Burganlange von Malitschkendorf, zu sehen auf einer Ausstellungstafel am Ort. FOTO: LR / Bodo Baumert
Cottbus. Früheisenzeitliche Burganlagen, ein rätselhafter Goldschatz und das geheimnisvolle Volk der Skythen – das sind die Zutaten für den vorletzten Teil unserer Geschichtsserie in diesem Jahr. Von Bodo Baumert

Die Burganlagen: Die Slawenburg Raddusch ist ein gut sichtbares Aushängeschild der Lausitz an der A15. Die älteste Burg der Lausitz ist sie aber nicht. Schon vor den Slawen gab es ein System von Burganlagen in der Region. Die Menschen der Lausitzer Kultur in der Bronze- und frühen Eisenzeit, also zwischen 1300 und 500 vor Christus hatten in der Region eine Vielzahl von Wehranlagen errichtet. „Zwischen Sachsen-Anhalt und Großpolen sind etwa 150 eisenzeitliche Burgen bekannt“, berichtet Dr. Louis Nebelsick von der Universität Warschau. Meist in sumpfigem Gelände gelegen, haben sich zahlreiche der Burgen bis heute erhalten, wenngleich von der Öffentlichkeit weithin unbeachtet.

So muss man beispielsweise schon genau wissen, wonach man sucht, wenn man zwischen Schlieben und Malitschkendorf in Elbe-Elster an einem kleinen Wäldchen vorbeifährt. Erst, wenn man aussteigt und die Wallanlage einmal umrundet, erkennt man, dass hier eine solche Burg erstaunlich gut erhalten zu finden ist. Die Erdwälle stehen noch, wenngleich sie heute von Bäumen überwuchert sind. 120 mal 200 Meter misst der Wall, der Wehranlage, die früher vermutlich privilegierten Stammesangehörigen als Wohnort diente und im Angriffsfall bis zu 450 Menschen Schutz bieten konnte.

Ähnliche Anlagen findet man überall in der Region. Neuere Ausgrabungsergebnisse liegen beispielsweise für Biehla im Kreis Bautzen vor. Hier wurden die im sumpfigen Gelände gut erhaltenen Holzreste der Wallanlage auf 620 vor Christus datiert. Der Bau ist typisch für die damalige Zeit: Massive Wälle aus mit Erde gefüllten Holzkästen, darauf Palisaden und im Inneren eine dicht gedrängte, geplant angelegte Besiedlung.

Bedeutende Burganlagen gab es auch in Burg und Odro, erhalten ist auch noch eine Anlage bei Lieberose.

Was trieb die Menschen damals dazu, so viele Burganlagen anzulegen? Und was führte zu ihrem Ende? Dazu müssen wir auf den zweiten Teil des Rätsels blicken:

Der Goldschatz von Vettersfelde: Nur wenige Kilometer von Guben entfernt machte 1882 ein Bauer im heutigen Witaszkowo, damals Vettersfelde, einen erstaunlichen Fund in seinem Acker. Die verzierten Goldteile, die der Regen aus einer Entwässerungsrinne spülte, stellten sich als einer der bedeutendsten Funde der Eisenzeit in Europa heraus. Dank der umsichtigen Arbeit der damaligen Historiker am Königlichen Museum in Berlin, wohin der Schatz von Vettersfelde kam, ist der Goldhort heute sehr gut dokumentiert – und gibt dennoch Rätsel auf.

Unter den zahlreichen Goldobjekten des Hortes befanden sich Waffen, Schmuck und ein besonders auffälliger Fisch, 41 Zentimeter lang und etwa 600 Gramm schwer. Wie sich herausstellte, ist es die Zier eines Wehrgehänges. Nur wem gehörte die Rüstung einst? Aus der Lausitz ist sie definitiv nicht. Ausführung und Art der Verarbeitung lassen nur einen Schluss zu. „Es handelt sich um den nordwestlichsten Fund eines skythischen Goldschatzes und den reichhaltigsten frühskythischen Goldfund überhaupt“, so Louis Nebelsick.

Hergestellt wurde das Wehrgehänge 1000 Kilometer entfernt am Schwarzen Meer von einem skythischen Handwerker.

Nur, wie kam ein solcher Fund um 500 v. Chr. in die Lausitz? Drei Theorien gibt es seit der Entdeckung: Als Handelsobjekt, als Kriegsbeute oder als Grabbeigabe eines in der Region gefallenen skythischen Adligen. Louis Nebelsick hat eine weitere Theorie: „Meine These ist, dass es sich um ein diplomatisches Geschenk der Skythen an einen lokalen Herrscher handelt, der den Göttern gewidmet wurde.“ Das könnte zum Fundort passen.

Nebelsick vermutet, dass das kostbare Geschenk vom Empfänger den Göttern in der sumpfigen Landschaft geopfert wurde. Entsprechende Vorgänge lassen sich auch bei anderen Funden aus dieser Epoche dokumentieren.

Nur, was wollten die Skythen mit diesem Geschenk erreichen? Das führt uns zum dritten Teil des Rätsels.


Der Archäologe Louis Nebelsick zeigt 2007 bei einem Vortrag in Görlitz den berühmten Goldfisch von Vettersfelde. Das prägnante Stück ist heute im Alten Museum in Berlin zu sehen.
Der Archäologe Louis Nebelsick zeigt 2007 bei einem Vortrag in Görlitz den berühmten Goldfisch von Vettersfelde. Das prägnante Stück ist heute im Alten Museum in Berlin zu sehen. FOTO: Menschner Uwe

Die Skythen: Das nomadische Reitervolk umweht bis heute ein Hauch des Geheimnisvollen. Der Name Skythen ist aus griechischen Quellen überliefert, stammt jedoch wohl aus dem nord-iranischen Sprachraum. Die Zuordnung, welche Nomadenstämme den Skythen zuzurechnen sind, ist nicht ganz einfach.

Fest steht, dass sich die Reitervölker irgendwann nach 1000 v. Chr. aus Südsibirien in Bewegung setzten. Über Kasachstan führten ihre Raubzüge sie ans Schwarze Meer, von wo sie bis nach Ägypten und Mesopotamien vordrangen und die dortigen Hochkulturen angriffen. Um 600 v. Chr. ließen sich Skythen in der Steppe des heutigen Ungarn und Rumänien nieder – etwa zur gleichen Zeit, als in der Lausitzer Kultur das Burgenbauen boomte.

Ob die Skythen bis in die Lausitz vorgedrungen sind, ist bis heute umstritten. Fest steht, dass es eine Reihe von Burganlagen in Polen und an der Neiße gibt, die im späten 6. Jahrhundert v. Chr. zerstört wurden. Entsprechende Brandfunde belegen das. In einigen Anlagen wurden zudem die typischen dreiflügeligen Pfeilspitzen gefunden, die charakteristisch für die skythischen Krieger sind. Ein Beispiel ist die Burganlage von Witzen, heute Wicina, 20 Kilometer südwestlich von Vettersfelde, wo bei Grabungen mehr als 60 skythische Pfeilspitzen und Streitäxte gefunden wurden.

Die Stärke der Skythen, denen die Kontrahenten meist wenig entgegenzusetzen hatten, beruhte auf dem schnellen Angriff der berittenen Bogenschützen, die vor dem Feind wenden und im Rückzug ihre berüchtigten Pfeile abschießen konnten. Die dreiflügeligen Spitzen, die besonders große Wunden rissen, in Kombination mit weitreichenden Bögen und der Geschwindigkeit auf dem Schlachtfeld, sorgten für eine militärische Überlegenheit – allerdings nur dort, wo die Bedingungen einen solchen Kampfstil ermöglichten. “

„Durch die langanhaltende intensive Besiedlung Polens und Ostdeutschlands entstand eine Agrarsteppe, die den Einfall der Steppenkrieger begünstigte“, vermutet Louis Nebelsick. Weiter nördlich, wo dichte Wälder eine solche Kriegsführung unmöglich machten, hatten die Skythen keine Chance. Der westlichste Fund skythischer Pfeilspitzen findet sich in Zützen (Dahme-Spreewald).

Offenbar versuchten die Eindringlinge dort, wo sie nicht weiterkamen, auf diplomatische Mittel zu setzen. Das zumindest deutet Louis Nebelsick aus dem Goldhort von Vettersfelde. „Vielleicht machten innere Streitereien und Dissens die erfolgreichen Einfälle der Skythen erst möglich.“ Der Goldschatz könnte ein Versuch gewesen sein, einen lokalen Herrscher auf die Seite der Invasoren zu ziehen.

Genau lässt sich das heute nicht mehr sagen. Fest steht, dass es etwa 500 v. Chr. einen deutlichen Einbruch in den Funden gibt. Während im nördlichen Bereich die Menschen der Lausitzer Kultur in späteren germanischen Stämmen aufgingen, ist für die Oberlausitz ein Abbruch der Besiedlungsstrukturen zu erkennen. Dies könnte auf kriegerische Zerstörung, aber auch auf klimatische und soziokulturelle Veränderungen zurückzuführen sein.

Die Zeichnung zeigt die Rekonstruktion eines Pferdes und eines Kriegers aus dem Volk der Skythen, basierend auf Funden aus der Mongolei.
Die Zeichnung zeigt die Rekonstruktion eines Pferdes und eines Kriegers aus dem Volk der Skythen, basierend auf Funden aus der Mongolei. FOTO: picture alliance / Handout/D. V. / Handout