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| 17:05 Uhr

Lausitzer Geschichte
Ernst von Heynitz, ein Lausitzer Kolonialherr

 Deutsche Soldaten stehen im Ersten Weltkrieg bei der Sprengung einer Eisenbahnlinie in der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika in einer Wüstenlandschaft.
Deutsche Soldaten stehen im Ersten Weltkrieg bei der Sprengung einer Eisenbahnlinie in der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika in einer Wüstenlandschaft. FOTO: dpa
Cottbus/Windhoek. Vor 100 Jahren endete die kurze Geschichte der deutschen Kolonien. Einige Lausitzer schafften es dennoch, ihre Spuren in Übersee zu hinterlassen. Von Bodo Baumert

Als Ernst von Heynitz 1840 auf Gut Weicha bei Bautzen geboren wird, ist von deutschen Kolonien noch wenig zu sehen. Zwar ist der Wunsch nach Besitzungen in Übersee – wie sie Engländer und Franzosen längst haben – auch im deutschen Kaiserreich groß. Vorerst aber ist eine Realisierung nicht in Sicht.

 Ernst von Heynitz  in der Uniform der deutschen Schutztruppe. Am Hut trägt er das Johanniterkreuz.
Ernst von Heynitz  in der Uniform der deutschen Schutztruppe. Am Hut trägt er das Johanniterkreuz. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau

Ernst von Heynitz wird dennoch in einem Umfeld aufgewachsen sein, in dem das Phantasieren über neue deutsche Gebiete in Afrika, Asien oder Amerika dazu gehörte. Zumal familiäre Verbindungen in die Hamburger Kaufmannschaft bestehen. Dort hat sich bereits 1839 die Hamburger Kolonialgesellschaft gegründet, die versucht, Inseln bei Neuseeland zu erwerben und dort deutsche Auswanderer anzusiedeln. Ein Plan, der vorerst scheitert.

Als Sohn eines Gutsbesitzers und Mitglieds der sächsischen Ständekammer  wächst von Heynitz in der Oberlausitz auf, geht in Niesky und Liegnitz zur Schule und tritt dann in die sächsische Armee ein.

Offizier in Bautzen

Als Offizier beim Leibgrenadier-Regiment in Bautzen sammelt von Heynitz erste militärische Erfahrungen in den Feldzügen gegen Dänemark und Österreich. Als es 1870/1871 gegen Frankreich um die Einigung des Deutschen Reiches geht, ist der Ostsachse als Kavallerist dabei.

Nun ist Deutschland geeint, und die Propaganda für ein eigenes Kolonialreich nimmt Fahrt auf. Auch Reichskanzler Otto von Bismarck muss schließlich seinen Widerstand aufgeben, und aus einzelnen Stützpunkten werden nach und nach deutsche Kolonien.

Rückkehr in die Lausitz

Ernst von Heynitz ist da schon nicht mehr Mitglied des Militärs. Nach dem Tod seines Vaters nimmt er 1870 seinen Abschied und zieht sich auf sein geerbtes Gut Dröschkau bei Mühlberg zurück. 1880 zieht er weiter nach Neuhausen (Spree-Neiße), wo er die Leitung des Familienbetriebes übernimmt.

 Das Neuhausener Schloss war für Ernst von Heynitz Heimat, die er 1898 auf der Flucht vor Familienstreitigkeiten Richtung Afrika verließ.  
Das Neuhausener Schloss war für Ernst von Heynitz Heimat, die er 1898 auf der Flucht vor Familienstreitigkeiten Richtung Afrika verließ.   FOTO: Michael Helbig

All zu idyllisch scheint das Familienleben allerdings nicht gewesen zu sein, denn 1898 nimmt von Heynitz plötzlich Reißaus. Er flüchtet in die neue Kolonie Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia. Dort ist das Leben für einen Kolonialherren zunächst komfortabel. Von Heynitz kauft von einem lokalen Häuptling 20 000 Hektar Land und gründet seine eigene Farm: Breekhorn. Zum Vergleich: Lichtenstein bringt es nur auf knapp 17 000 Hektar.

Rund 250 Deutsche leben damals in Deutsch-Südwestafrika. Zu ihrer Sicherheit wird eine Schutztruppe aufgestellt. Zunächst 50 Mann umfasst die Einheit, mindestens ein Cottbuser ist dabei. Das belegt eine Gedenktafel in der Cottbuser Oberkirche. Ein Soldat mit Namen Albert Kretschmer ist dort mit dem Sterbedatum 25. 8. 1900 in Kubub verzeichnet.

 In der Cottbuser Oberkirche befindet sich heute eine Tafel, die der gefallenen Soldaten der Kolonialkriege aus Cottbus gedenkt.
In der Cottbuser Oberkirche befindet sich heute eine Tafel, die der gefallenen Soldaten der Kolonialkriege aus Cottbus gedenkt. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Ernst von Heynitz züchtet Pferde

Ernst von Heynitz züchtet auf seiner Farm Pferde, die er der Schutztruppe verkauft, wie Professor Leonhard von Dobschütz 2009 Schülern in Wriezen berichtete. Er ist ein Urenkel des Lausitzer Kolonialherren und selbst in Namibia geboren. Er berichtet auch vom Krankenhaus in Keetmanshoop, das Ernst von Heynitz gründete. Von Heynitz war noch in Sachsen dem Johanniterorden beigetreten. Später warb er in Deutschland Schwestern für das Hospital in Deutsch-Südwestafrika an. Unter diesen soll sich auch Emmy Surén, geborene Krigar, befunden haben, die später als  „Florence Nightingale Südwestafrikas“ lokale Berühmtheit erlangte und eine eigene Entbindungsklinik eröffnete.

Aufstand der Herero

Für von Heynitz verläuft das Abenteuer Afrika nicht ganz so erfolgreich. Im Januar 1904 kommt es zum Aufstand der Herero und Nama. Die Einheimischen fühlen sich von den Deutschen in die Enge getrieben und antworten mit Überfällen. Deutschland reagiert und schickt 500 zusätzliche Soldaten. Ernst von Heynitz übernimmt als Delegierter des Deutschen Roten Kreuzes die Versorgung der kaiserlichen Schutztruppe mit Feldhospitälern und Ärzten.

Deutschlands Truppenstärke wächst auf 15 000 Mann und unter  Generalleutnant Lothar von Trotha beginnt ein gnadenloser Rachefeldzug. Ein Großteil der Herero flüchtet daraufhin in die Wüste, wo Trotha und seine Soldaten sie von der Flucht und den Wasserlöchern abschneiden. Der Großteil der Herero verdurstet und stirbt. Deutschland hat Jahrzehnte gebraucht, die Ereignisse als Völkermord anzuerkennen.

Acht Cottbuser fallen im Nama-Aufstand

Das mahnende Beispiel der Herero vor Augen, beginnen bald darauf die Nama einen Guerillakrieg gegen die Deutschen, der sich bis 1907 hinzieht. Überfälle und Rückzüge gehören zum Charakter dieser Kämpfe, die auch zahlreiche deutsche Soldaten das Leben kosten. Acht Cottbuser „Reiter“ mit Sterbedaten zwischen November 1904 und Sommer 1906 sind auf der Gedenktafel in der Cottbuser Oberkirche notiert. Die Zahl der getöteten Nama übersteigt 10 000.

Ernst von Heynitz, mittlerweile für die komplette Organisation der Krankenpflege der Schutztruppe zuständig, verlässt 1904 kurz nach Ausbruch der Kämpfe mit seinen Töchtern das Land und kehrt zurück in die Lausitz. Aus der Ferne organisiert er weiter die Anwerbung von Krankenschwestern für die Kolonien.

Ernst von Heynitz kehr noch einmal nach Afrika zurück

1907 kehrt von Heynitz noch einmal nach  Südwestafrika zurück. Seine Farm ist den Plünderungen zum Opfer gefallen. Doch seine Töchter wagen den Neuanfang. Omburu heißt ihre Farm, auf der später auch Urenkel von Dobschütz aufwachsen wird. Von Heynitz selbst kehrt 1909 zurück nach Deutschland. Drei Jahre später sirbt er in einem Krankenhaus in Berlin an Lungenkrebs. Die Fertigstellung seiner Klinik in Keetmanshoop wird er nicht mehr erleben. Erst 1913 ist es so weit. Heute zählt das Gebäude zu den historischen Sehenswürdigkeiten der namibischen Provinzstadt.

Deutsch-Südwestafrika überlebt den Lausitzer Kolonialherren nur kurz. Im Ersten Weltkrieg müssen  sich die deutschen Kolonialtruppen schon Anfang 1915 den haushoch überlegenen Engländern ergeben. Die deutsche Schutztruppe gerät in Kriegsgefangenschaft. Die Verwaltung der Kolonie übernimmt das südafrikanische Militär. Offiziell besiegelt wird das Ende der deutschen Kolonien mit dem Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919.