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| 08:53 Uhr

Lausitzer Geschichte
Gut Kirschen essen mit Kollege RAF

Ralf Korpjuhn hat im Syntheswerk Schwarzheide jahrelang mit Manfred Janssen alias Werner Lotze zusammengeabeitet. In einem verblichenem Heftchen zeigt Korpjuhn einen Eintrag aus dem Jahr 1987. Demnach ist Janssen damals mit der Auszeichnung „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ geehrt worden. 70 DDR-Mark Prämie, die hier akkurat protokolliert sind, gab es dafür.
Ralf Korpjuhn hat im Syntheswerk Schwarzheide jahrelang mit Manfred Janssen alias Werner Lotze zusammengeabeitet. In einem verblichenem Heftchen zeigt Korpjuhn einen Eintrag aus dem Jahr 1987. Demnach ist Janssen damals mit der Auszeichnung „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ geehrt worden. 70 DDR-Mark Prämie, die hier akkurat protokolliert sind, gab es dafür. FOTO: Jan Augustin / LR
Senftenberg/Cottbus. Mit Blut an den Händen sind Mörder einer linksextremen Guerilla aus dem Westen in der DDR untergetaucht, drei in der Lausitz. Vor nunmehr 20 Jahren hat die Rote Armee Fraktion (RAF) ihren Terror schließlich für beendet erklärt. Von Jan Augustin und Kathleen Weser

August 1981: Ralf Korpjuhn kommt nach drei Monaten von seinem Armee-Reserve-Dienst zurück. Als Meister in der Produktion des Synthesewerkes Schwarzheide soll er eine Mannschaft für eine neue Anlage ausbilden. Ein Arbeitsgespräch findet statt. Im Raum sitzt ein neuer Mitarbeiter: Manfred Janssen, vor Kurzem eingestellt als Kraftfahrer. „Ich wusste, dass er aus der BRD rübergekommen war“, erinnert sich der heute 68-Jährige. Mehr Details sind dem jungen Ralf Korpjuhn zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt.

Manfred Janssen ist Werner Lotze, der ein gutes Jahr zuvor mit sechs weiteren RAF-Mitgliedern in die DDR eingereist ist. Im Forsthaus Briesen bei Frankfurt/Oder, dem Objekt 74 des Ministeriums für Staatssicherheit, sind sie mehrere Wochen lang von Stasi-Experten für das Leben im Arbeiter- und Bauern-Staat geschult worden. Im Vokabular der offiziellen Parolen bis zum korrekten Sächseln. Von den gefälschten Schulzeugnissen bis zur Geburts- und Heiratsurkunde. Wohnungen und Arbeitsplätze haben die kampfmüden Terroristen Werner Lotze und Christine Dümlein, seine Frau, nun als biedere neue Ostbürger Katharina und Manfred Janssen nach Senftenberg geführt. Sie beginnt als Sekretärin in der Berufsschule des Synthesewerkes Schwarzheide zu arbeiten.

Auf dem Wohnzimmertisch des Einfamilienhauses in Arnsdorf von Ralf Korpjuhn liegen aufgeschlagen zwei Originalausgaben vom Spiegel und vom Stern. Vom Juni 1990. „Familienglück in der DDR-Nische“ titelt der Stern. Es ist einer der ersten Artikel nach der Verhaftung von Werner Lotze in Senftenberg. Ein privates Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn in Jeans und kariertem Hemd - wie er mit einem Bierglas in der Hand den Feierabend in seiner Wohnung zu genießen scheint. Genau so hat ihn auch Ralf Korpjuhn bis dahin gekannt und noch immer vor Augen, nur unter anderem Namen. „Das war eine gewisse Fassungslosigkeit, dass mein Kollege Janssen der international gesuchte Terrorist Lotze gewesen sein soll. Ich konnte das nicht begreifen“, beschreibt Ralf Korpjuhn den Moment, als die große Lüge aufflog.

Das undatierte Archivbild zeigt Werner Lotze. Er hat der zweiten RAF-Generation angehört. Zehn Terroristen sind ab 1980 in der DDR untergetaucht. Sie haben mit Hilfe der Stasi ein bürgerliches Leben geführt. Am 14. Juni 1990 wurde Lotze er in Senftenberg festgenommen.
Das undatierte Archivbild zeigt Werner Lotze. Er hat der zweiten RAF-Generation angehört. Zehn Terroristen sind ab 1980 in der DDR untergetaucht. Sie haben mit Hilfe der Stasi ein bürgerliches Leben geführt. Am 14. Juni 1990 wurde Lotze er in Senftenberg festgenommen. FOTO: dpa / picture-alliance / dpa

Die hat eine mörderische Vorgeschichte: Werner Lotze war zwar erst im August 1978 zur zweiten Generation der RAF gestoßen. Im September wurde er mit den RAF-Mitgliedern Angelika Speitel und Michael Knoll in einem Wald bei Dortmund bei Schießübungen erwischt - und zum Mörder. Bei einem Schusswechsel mit Polizeibeamten wird der Polizeimeister Hans-Wilhelm Hansen getötet. Lotze entkommt. Im Juni 1979 verübt er gemeinsam mit Susanne Albrecht und Rolf Clemens Wagner im belgischen Obourg einen Sprengstoffanschlag auf den Wagen des Nato-Oberbefehlshabers Alexander Haig. Der bleibt unverletzt.

Auch die RAF-Terroristin Susanne Albrecht wird 1980 in die DDR eingebürgert. Unter dem Namen Ingrid Jäger zieht sie nach Cottbus - in eine Plattenbauwohnung an der Leninallee in Sachsendorf. Sie arbeitet an der Ingenieurhochschule als Englisch-Übersetzerin. Drei Jahre sind da seit ihrer Beteiligung an der misslungenen Entführung des Chefs der Deutschen Bank in Oberursel bei Frankfurt/Main vergangen.

Am 30. Juli 1977 hatte Susanne Albrecht an der Tür des Hauses von Jürgen Ponto geklingelt, der mit den Eltern der Anwaltstochter aus Hamburg gut befreundet war. Der arglose Mann öffnete mit dem lieben Gast Susanne auch den Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Als er sich gegen seine Entführung wehrte, wurde er mit fünf Schüssen niedergestreckt.

Unerkannt und unbehelligt lebt Susanne Albrecht zwei Jahre in Cottbus. Sie heiratet hier, bekommt ein Kind und zieht mit ihrem Mann nach Köthen. Dort wird sie 1985 erkannt. Denn das Fahndungsplakat mit den RAF-Terroristen wurde in den Nachrichten des Westfernsehens gezeigt. Ingrid Jäger findet am Folgetag einen Zettel im Briefkasten mit der Frage, wie sie mit dieser Vergangenheit leben könne. Die Familie wird von der Stasi nach Berlin umgesiedelt.

Im Lausitzer Tal der Ahnungslosen mit denkbar schlechtem Westempfang indes geht das Leben normal weiter. „Ich kannte nur Manfred Janssen, nicht aber Werner Lotze“, betont Ralf Korpjuhn, der über die Jahre ein „freundschaftliches Verhältnis“ mit seinem Kollegen aufbaut. Janssen kommt mit seinem Moped oft in den Schrebergarten der Korpjuhns nach Schwarzheide gefahren. Sie plaudern über die richtigen Anbaumethoden, trinken ein Bierchen zusammen und pflücken Kirschen. „Schattenmorellen hat er besonders gemocht“,  erinnert sich Ralf Korp­juhn. Er ist überzeugt: Sein neuer Kollege ist ein Mensch, der aus Überzeugung in die DDR gekommen ist. „Er war der westdeutsche Flüchtling, mit dem man klarkam“, sagt  Korpjuhn. Politik wird zum Streitthema der beiden. Korpjuhn kritisiert das System. Janssen nicht. „Nach so kurzer Zeit hast du nicht das Recht zu sagen, dass hier alles besser ist“, habe er seinem Kollegen gesagt. Nachtragend seien aber beide nicht gewesen. „Der Streit war Grundlage für die freundschaftliche Beziehung.“

Manfred Janssen alias Werner Lotze und Katharina Janssen alias Christine Dümlein wohnen zunächst in Schipkau, später ziehen sie in eine Plattenbauwohnung nach Senftenberg. Das Paar heiratet. Tochter Jenny wird 1982 geboren. Dass ausgerechnet Irka Korpjuhn, die Ehefrau von Ralf Korpjuhn, als Hebamme bei der Entbindung dabei ist, ist ein Zufall. Bis auf diese Begegnung entsteht zwischen den Korp­juhns und Katharina Janssen keine persönliche Beziehung. Wie Christine Dümlein damals ihr neues Leben im Osten führte, kann Ralf Korpjuhn deshalb nicht sagen. Manfred Janssen aber soll sich gut und unauffällig in die Gesellschaft integriert haben. Beim Polizeiruderclub Dynamo in Senftenberg ist er als Trainer engagiert. Und unter Korpjuhn arbeitet Janssen sich zum stellvertretenden Schichtleiter hoch. „Er konnte 500 Leute im Saal unterhalten. Er war lustig und ein sehr intelligenter Mensch“, sagt Korpjuhn. Manchmal aber soll es auch seltsame Momente gegeben haben. Janssen, der sich mit Korpjuhn ein Büro teilte, habe dann den ganzen Tag lang nichts gesagt. „Er war sehr introvertiert, bis hin zu maulfaul“, erinnert sich Ralf Korpjuhn. Warum das so war, erfährt er erst im Jahr 1997. Da kommt Werner Lotze, der 1991 wegen Mordes, Mordversuches in mehreren Fällen, zweier Banküberfälle und eines Sprengstoffanschlages zu einer elfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt und vorzeitig aus dem Berliner Gefängnis in Moabit entlassen wurde, nach Schwarzheide zurück.

Es gibt ein Wiedersehen der beiden Männer. In einer Kneipe in Schwarzheide fragt der wissenshungrige Korpjuhn seinen Ex-Kollegen Janssen aus. Zwei, drei Bier haben sie getrunken. Die Unterhaltung war angenehm, erinnert sich Korpjuhn. Die stillen Momente im Büro soll Werner Lotze mit den zuvor geführten Gesprächen mit der Staatssicherheit erklärt haben. Es ist das letzte persönliche Treffen. Danach telefonieren beide noch ein paar Mal. Die Verbindung ist jetzt abgerissen. Was Werner Lotze heute macht, wo er wohnt und was aus Christine Dümlein und Tochter Jenny geworden ist, beschäftigt Ralf  Korpjuhn mehr denn je.

Christine Dümlein alias Katharina Janssen vor der Berufsschule des Synthesewerks Schwarzheide, wo sie als Sekretärin gearbeitet hat. Sie blieb wegen Verjährungsfrist straffrei.
Christine Dümlein alias Katharina Janssen vor der Berufsschule des Synthesewerks Schwarzheide, wo sie als Sekretärin gearbeitet hat. Sie blieb wegen Verjährungsfrist straffrei. FOTO: Hr/Weltz / picture-alliance / obs