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| 12:03 Uhr

Lausitzer Geschichte
Ein Haus der Kunst für Cottbus

Historische Aufnahme des Stadttheaters am Schilelrplatz.
Historische Aufnahme des Stadttheaters am Schilelrplatz. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. 110 Jahre ist es her, dass das Cottbuser Stadttheater – heute Staatstheater – seine Eröffnung erlebte. Wie mag es damals, im Oktober 1908 gewesen sein? Versuch einer Rekonstruktion entlang überlieferter Fakten. Von Bodo Baumert

Cottbus ist in Aufregung. Am Mittag soll das neue Theater eröffnet werden. Am Abend ist die erste Premiere angesetzt. Wo bis vor wenigen Monaten noch Vieh gehandelt wurde, ragt jetzt der neue Prachtbau am Schillerpark empor. Kein königliches Bauwerk, kein Hoftheater, auch noch kein Staatstheater, hier haben die Bürger sich selbst einen Tempel der Kunst errichtet. Drei Jahre ist es her, dass der Magistrat und die Stadtverordneten den entsprechenden Beschluss gefasst hat.

Ein Theater der Bürger ist es. Viele haben dazu beigetragen. Hoffotograf Carl Heinrich von Wieland hatte schon 1873 in seinem Testament 1000 Taler für den Bau eines Theaters hinterlassen. Clemens Ruff stiftete die Marmorplastiken der Venus und der neun Musen im Kuppelfoyer. Fabrikant Max Grünebaum ließ in seiner Fabrik den großen Bühnenvorhang herstellen. Dazu die vielen kleineren und größeren Spenden der Cottbuser Bürger.

Gut, die geplanten Baukosten von 800 000 Mark sind nicht eingehalten worden. 120 000 mehr waren es am Ende. Dafür wurde der Bau in gerade einmal 16 Monaten fertiggestellt.

Da kann man schon stolz sein, wenn nun so ein prächtiges Bauwerk, ganz im Stil des modernen Jugendstils, in die Höhe ragt. Erbaut vom Architekt Bernhard Sehring, der ja immerhin auch schon das Theater des Westens im mondänen Berlin verantwortet hat.

Das Hotel "Goldener Ring" auf einer Postkarte. Hier wurde bis 1908 in Cottbus Theater gespielt.
Das Hotel "Goldener Ring" auf einer Postkarte. Hier wurde bis 1908 in Cottbus Theater gespielt. FOTO: sammlung petzold

Wahrlich ein Tempel der Kunst, mit seinen Obelisken und Löwen. Kein Vergleich zum Gasthof zum Goldene Ring am Altmarkt, wo man bisher Darbietungen reisender Theatergruppen verfolgen konnte. An Oper oder andere große Aufführungen war dort nicht zu denken. Nein, das war einer wachsenden Stadt wie Cottbus nicht mehr zuzumuten.

Zumal, wenn man sich umschaut. Guben beispielsweise hat schon längst einen eigenen Theaterbau, prachtvoll, klassizistisch, vom Berliner Architekten Oskar Titz. Und wir Cottbuser? 46 000 Einwohner zählt die Stadt mittlerweile. Da muss doch endlich auch etwas für die Bildung, für die Kunst getan werden. Ein Glück, dass Oberbürgermeister Paul Werner das genau so sieht. Im Theaterverein ist er ja auch aktiv.

Um so besser, dass es nun endlich losgeht, im schicken neuen Bauwerk. „Minna von Barnhelm“ wird am Abend gegeben, ein Lustspiel in fünf Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing, ein Klassiker. Max Berg-Ehlert, der neue Theaterdirektor hat das nötige Schauspielpersonal und den Fundus aus Berlin mitgebracht. Unter 92 Bewerbern hat er sich durchgesetzt. Ein schneidiger junger Mann, gerade einmal 33 Jahre alt. Man darf gespannt sein, was er seinem neuen Publikum in Cottbus bieten wird.

Zuvor soll es am Mittag aber erst einmal feierlich werden. Die Eröffnung ist für 12.45 Uhr  angesetzt. Das Orchester der Stadtkapelle wird spielen, unter Leitung von Musikdirektor Heinrich Paudler. Dann natürlich die üblichen Reden und Dankesworte. Dann soll Mary Werner-Schumann einen Prolog von Wildenbruch vortragen. Die Schauspielerin gehört zum Ensemble, das Direktor Berg-Ehlert mitgebracht hat. Man darf gespannt sein.

Wer sind diese Köpfe des Cottbuser Theaters? FOTO:

Und am Abend dann folgt die erste Premiere. Mary Werner-Schumann wird wieder dabei sein. Otto Werther gibt den Major von Tellheim. Alles unter der Leitung von Oberregisseur Oskar Maximilian.

 Der Spielplan ist auch schon prall gefüllt. 14 Theaterstücke soll es in den kommenden sechs Wochen geben, darunter auch Schillers „Wallensteins Lager“, dazu noch sieben Operetten. Berg-Ehlert selbst will den Hussarenleutnant im „Veilchenfresser“ geben.

Und was der Direktor für Schauspieler mitgebracht hat? Der junge Max Gülstorff ist darunter. Und die Batori. Ilona von Batori. Die Cottbuser Männerwelt ist entzückt.

So oder so ähnlich mag das Stadtgespräch vor 110 Jahren in Cottbus geklungen haben. Fest steht: Der Start wird ein Erfolg. 148 000 Zuschauer zählt das Stadttheater – erst 1992 wird es offiziell zum Staatstheater – in seiner ersten Spielzeit. Rasch wird es zur Institution, die über die Grenzen der Stadt hinausstrahlt (siehe unten). Manch Schauspieler schafft von hier den Absprung – wie eben jener Max Gülstorff aus dem Ensemble der ersten Stunde, der uns heute noch als Oberschulrat aus der „Feuerzangenbowle“ bekannt ist.

Die Lösung zu unserem Bilderrätsel gibt es hier.

Ein Luftbild des Staatstheaters heute
Ein Luftbild des Staatstheaters heute FOTO: Staatstheater Cottbus / Ron Petraß