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| 20:47 Uhr

Interview Dr. Simone Ladwig-Winters
„Die Wertheims waren eine Größe in Berlin“

 Georg Wertheim auf einem Porträt von 1930.
Georg Wertheim auf einem Porträt von 1930. FOTO: Jüdisches Museum Berlin
Wer war die Warenhaus-Familie Wertheim? Und welche Rolle spielte sie bis 1933 in der deutschen Hauptstadt? Von Bodo Baumert

Georg Wertheim und seine Brüder waren Gründer des gleichnamigen Warenhauses. Welche Bedeutung hatten sie in Berlin?

Simone Ladwig-Winters Sie waren als Warenhaus-Besitzer eine Größe in der Stadt, obwohl ihnen lange Zeit das Leben schwer gemacht wurde. Selbst als an der Leipziger Straße schon die ersten Bauabschnitte standen, gab es noch vehemente Ressentiments gegenüber Warenhäusern. Und es gab zum Beispiel das Verbot für Offiziere, in Warenhäusern einzukaufen. Alle Versuche, den Aufbau der Warenhäuser zu boykottieren, haben nicht funktioniert. Im Gegenteil: Die Versuche waren sogar sehr erfolgreich. Und damit war die Familie Wertheim auch ein wichtiger Steuerzahler.

Welche Rolle spielte die Familie gesellschaftlich in Berlin?

Ladwig-Winters Aus den gesellschaftlichen Verhältnissen haben sie sich weitgehend zurückgezogen. Das änderte sich ein wenig, als Georg Wertheim heiratete. Wobei Georg Wertheim besonders stolz war, dass er auch Kontakt zum Kaiser hatte.

Welche Beweggründe hatte Georg Wertheim, ausgerechnet in Saßleben ein Schloss zu kaufen? War das eine Flucht aus der Großstadt?

Ladwig-Winters Na ja, man muss wissen, dass er 1905 Ursula Gilka geheiratet hatte. Die Familie war damals sehr bekannt, Gilka-Kümmel war ein ganz berühmter Schnaps. Und das Rittergut der Familie Gilka befand sich nicht weit weg von Saßleben. Um eng am Gut der Familie seiner Frau zu sein, hat Georg Wertheim dann Saßleben gekauft.

Welche Bedeutung hatte das Schloss für die Familie?

Ladwig-Winters Immerhin war es so wichtig, dass sie dort geheiratet haben – und nicht in Berlin. Die Familie hat praktisch jede freie Minute dort verbracht, Gesellschaften gegeben und Gäste empfangen.

Was geschah mit der Familie nach der Machtübernahme Hitlers?

Ladwig-Winters Nach 1933 gab es sofort vehemente Maßnahmen gegen die angeblich jüdischen Warenhäuser – als ob ein Kaufhaus jüdisch, katholisch oder sonst irgendetwas sein könnte. Man muss dazu sagen, dass sich Georg Wertheim mit der Eheschließung 1905 taufen ließ. Das spielte für die Nazis aber keine Rolle. Für die war er Jude. 1934 übergab er deshalb seine Anteile und den Großteil der Anteile seiner Brüder an seine „arische“ Ehefrau Ursula. Er selber durfte das Warenhaus nicht mehr betreten, hat sich aber immer noch von der Chefsekretärin die täglichen Umsatzzahlen vorbeibringen lassen. 1939 folgte dann die endgültige Enteignung. Das war im Übrigen kein Einzelfall. Die Warenhausfamilie Tietz beispielsweise wurde sehr schnell aus den Unternehmen herausgedrängt.

Und wie ging es mit der Familie Wertheim weiter?

Ladwig-Winters Georg Wertheim ist 1939 an einer Lungenentzündung gestorben. Seine Tochter hat einen Amerikaner geheiratet und ist mit ihm in die USA gegangen. Sein Sohn Albrecht Wertheim ist in Berlin geblieben, hat aber den letzten Winter des Krieges auf seinem Boot auf dem Wannsee verbracht, weil nicht sicher war, dass er als sogenannter „Mischling“ nicht vielleicht doch noch in die Fänge der Verfolger geraten wäre. Und Ursula Wertheim hat dann später den Syndikus der Firma geheiratet und ist mit ihm in die USA übersiedelt.