ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 09:18 Uhr

Lausitzer Geschichte
Die totgeschwiegene Großfahndung Uckro

Der Bahnhof von Uckro heute.
Der Bahnhof von Uckro heute. FOTO: Bodo Baumert / LR
Luckau. Es war eine der größten Polizei-Aktionen der jungen DDR – und einer der größten Flops. Jahrzehntelang wurde die Großfahndung Uckro totgeschwiegen. Bis heute gibt die Flucht durch die Lausitz Rätsel auf. Von Bodo Baumert

Viel Verkehr ist selten am Bahnhof von Uckro, auch heute noch. Das Bahnhofsgebäude ist vernagelt, die Türen versperrt. Einmal allerdings war hier richtig was los, an jenem 10. Oktober 1953. Der lokale Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei, Hermann Grummini, hat einen nächtlichen Anruf erhalten. Fünf verdächtige Ausländer sollen sich im Zug nach Uckro befinden. Grummini quält sich aus dem Bett, informiert die Zentrale in Luckau und erhält Unterstützung. Als der Zug kurz nach vier Uhr den kleinen Bahnhof erreicht, stehen zehn Polizisten bereit, die Hälfte davon gerade erst in der Ausbildung, noch ohne Schusswaffen. Sie sichern den Bahnsteig und das umliegende Gelände.

Die fünf Männer, gesucht wegen eines bewaffneten Überfalls, befinden sich tatsächlich an Bord. Mit anderen Passagieren streben sie dem Ausgang des Bahnhofs zu. Erst kurz davor stoppt sie ein junger Volkspolizist. Was dann geschieht, lässt sich nicht mehr bis ins letzte Detail rekonstruieren. Es gibt unterschiedliche Versionen. Fest steht: In einem Feuergefecht stirbt Grummini, zwei weitere Volkspolizisten werden verletzt. darunter auch Helmut Strempel, der 2001 in einer Dokumentation für den SFB das Einschussloch in jenem FDJ-Ausweis zeigt, der ihm in jener Nacht das Leben gerettet haben soll.

Die fünf Tschechen entkommen. Der Beginn einer unglaublichen Verfolgungsjagd. Mehr als 10 000 Volkspolizisten und Soldaten jagen eine Handvoll Flüchtender – und werden am Ende gnadenlos scheitern.

Die Männer, die der jungen DDR diese peinliche Schlappe einbrocken, sind die Brüder Josef (später Joe) und Ctirad (Radek) Masin. Sie sind die Söhne von General Masin, einem tschechischen Widerstandskämpfer, der seinen Söhnen das Versprechen zum Widerstand gegen jede Fremdherrschaft und Diktatur auferlegt hat. Das versuchen die Jungen zunächst in der Tschechoslowakei. Sie überfallen Polizeistationen und einen Geldtransport. Dabei kommt es zu den ersten Toten. Ein geplanter Brandanschlag gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft scheitert. Ein weiterer Toter. Die Brüder entscheiden sich zur Flucht in den Westen. In Berlin wollen sie sich den USA anschließen und mit deren Hilfe das Regime in ihrer Heimat stürzen.

Gemeinsam mit drei Freunden, Zbynek Janata, Vaclav Sveda und Milan Paumer (alle Anfang 20), machen sich die Brüder Masin Anfang Oktober auf den Weg. Vier Pistolen, ein wenig Proviant, Kompass und eine alte Karte sind ihre Ausrüstung. Der Grenzübertritt nach Sachsen gelingt im nächtlichen Nebel. Doch schon dabei geht die erste Pistole in einem Wasserloch verloren. Nach drei Tagen Kälte, Nässe und Schlafentzug entscheiden sich die fünf zu einer neuen Taktik. Sie wollen einen Wagen anhalten und stehlen, um damit schneller voranzukommen. Bei Freiberg in Sachsen versuchen sie ihr Glück. Der erste Schuss auf deutschem Boden fällt, doch der Raub misslingt.

Über Riesa gelangen die selbsternannten Freiheitskämpfer in die Lausitz. Ihr erster Kontakt ist allerdings nur kurz. Im Zug nach Elsterwerda pennen sie ein und wachen erst wieder auf, als der Zug zurück in Riesa ist. Stattdessen versuchen sie es zu Fuß und erreichen schließlich doch noch Elsterwerda. Dort kaufen sie sich von in Riesa erbeutetem Geld Fahrscheine Richtung Berlin. Der Zug fährt allerdings nur bis Uckro. Und der Fahrkartenverkäuferin kommen die fünf heruntergekommenen Männer verdächtig vor. Sie informiert die Transportpolizei, die dann den Hinweis an Kommissar Grummini in Uckro weitergibt.

Hinter Uckro nimmt das Abenteuer Fahrt auf. Nach dem Schusswechsel und ihrer Flucht aus dem Bahnhof geht der erste der fünf den Häschern ins Netz. Janata wird in Pelkwitz verhaftet. Die anderen vier umgehen die eilig errichteten Polizeikontrollen und verstecken sich in Reichwalde, unweit der heutigen A 13, in einem Stall. Die Sicherheitskräfte, durch das Verhör Janatas informiert, wen sie da vor sich haben, greifen zur ganz großen Keule. Polizisten aus der ganzen Region werden herangezogen, zusätzlich Soldaten und Sowjetkräfte. In Luckau werden die Kräfte zusammengezogen. Schlecht koordiniert gehen sie auf Jagd in der Region, errichten Sperren entlang der wichtigsten Straßen. Werner Illig, damals Kriminalpolizist, erinnert sich 2001 in einer Doku des SFB: „Besonders in der Nacht wurde aus allen Rohren geschossen. Man sagt ja auch Luckau-Krieg.“

Von all dem erfährt die Öffentlichkeit nichts. In der Lausitzer RUNDSCHAU tauchen erst neun Tage später erstmals Nachrichten auf. Darin werden die zu Tode gekommenen Polizisten als Helden geehrt und ihr mit großem Aufwand begangenes Begräbnis in Cottbus gewürdigt. Den Masins und ihren Gefährten war es nämlich gelungen, aus dem Kreis der Sicherheitskräfte zu fliehen. Zwei weitere Polizisten haben sie dabei erschossen, auf einem Feld bei Waldow, nördlich von Luckau. Ein weiterer Polizist wurde vermutlich von Polizeikugeln getötet. Ihn erklärt die Propaganda kurzerhand zu einem weiteren Opfer der „faschistischen Banditen“.

Dass die Masins ihren Verfolgern immer wieder entkommen können, ist dem teils dilettantischen Einsatz der Sicherheitskräfte geschuldet. Wolfgang Mittmann, ein ehemaliger Volkspolizist aus Elbe-Elster, hat die Geschichte, die von den Behörden zu DDR-Zeiten totgeschwiegen wurde, nach der Wende detailliert aufgearbeitet. Seine Beschreibung der Suchaktion bei Reichwalde: „Neben uniformierten Gruppen stiefelten Kriminalisten in Zivil durch den Wald. Mitunter wusste einer vom anderen nicht, zu welcher Einheit er gehörte. Und die Männer wussten auch nichts von der tödlichen Entschlossenheit der Flüchtlinge, auf die sie Jagd machen sollten.“ So kamen zu den drei durch die Flüchtenden erschossenen Polizisten vier weitere, die durch „friendly fire“, wie der Amerikaner sagt, starben – also durch Kugeln der eigenen Leute.

Mit Sveda ging den Fahndern zwar ein weiterer der Flüchtenden hinter Waldow angeschossen ins Netz. Die restlichen drei schafften es aber tatsächlich nach Berlin, teils zu Fuß, teils in Kartoffeln vergraben auf einem Güterwaggon – immer unter den Augen der vorgeführten DDR-Sicherheitskräfte.

In den westlichen Medien sorgten die großflächigen Truppenbewegungen zwischen Cottbus und Berlin für wilde Spekulationen. Von Hunderten tschechischen, polnischen und ostdeutschen Partisanen im Kampf mit den Sowjets fantasierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter der Überschrift „Unruhen bei Cottbus“. Eine wachsende Untergrund-Armee im Widerstand wollte die Neue Zeitung in Berlin ausgemacht haben. Eine „Volkspolizei-Razzia im Spreewald“ verkündete die Süddeutsche Zeitung ihren Lesern.

In der Lausitzer RUNDSCHAU spielte hingegen nur das Begräbnis der vier Polizisten eine Rolle. Für mehrere Tage bestimmten sie die Schlagzeilen: „Das Opfer, das die Genossen Hoffmann, Lehmann und Sunkel brachten, verpflichtet uns, die Wachsamkeit gegenüber allen Anschlägen auf unsere stolze Republik noch um ein Vielfaches zu erhöhen und den Kampf gegen die Feinde des neuen Deutschland zu verstärken.“

Unklar ist im Detail auch, wie die Tschechen die letzten Kilometer nach Berlin zurücklegten. Barbara Masin, die Tochter eines der beiden Brüder, hat die Spuren der Flucht nach der Wende verfolgt und in einem Buch veröffentlicht. Eine Familie, die den Flüchtenden damals Unterschlupf gewährte, hat sie getroffen. Polizei-Experte Mittmann vermutet weitere, die sich – verärgert über die Kollektivierung der Landwirtschaft – mit den Gesuchten solidarisierten.

Fest steht: Die Flucht gelang. Nur zurück in ihre Heimat kehrten die Masins nicht, weder mithilfe der USA noch nach der Wende. In Tschechien ist ihr Einsatz bis heute umstritten.