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| 16:17 Uhr

Weltgeschichte geschrieben in Guteborn
Die letzte Prinzessin und der Sachsenkönig

 Eine historische Aufnahme von Schloss Guteborn. König August III. von Sachsen hat hier während der Novemberrevolution seinen Thronverzicht erklärt. Das Herrschaftshaus hatte den Zweiten Weltkrieg schadlos überstanden. Zwei Jahre später wurde es auf Anweisung des Hoyerswerdaer Landrates gesprengt.
Eine historische Aufnahme von Schloss Guteborn. König August III. von Sachsen hat hier während der Novemberrevolution seinen Thronverzicht erklärt. Das Herrschaftshaus hatte den Zweiten Weltkrieg schadlos überstanden. Zwei Jahre später wurde es auf Anweisung des Hoyerswerdaer Landrates gesprengt. FOTO: Privat
Guteborn. Auf Schloss Guteborn hat König Friedrich August III. von Sachsen seinen Thronverzicht erklärt. Die Schlossherrin gewährte dem letzten sächsischen Monarchen in schwerer Zeit ihre Hilfe und Gastfreundschaft – und ist auch deshalb unvergessen. Von Kathleen Weser und Catrin Würz

Sachsens letztem König, Friedrich August III., werden viele legendäre Zitate zugeschrieben. Eines hat der Volksmund dem Monarchen, der hemmungslos sächselte, aber angedichtet. Das hat Pauline Prinzessin von Schönburg-Waldenburg (geb. Prinzessin zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg), die letzte Schlossherrin zu Guteborn, bis zu ihrem Tode eisern betont. Das Grab der als liebenswert und sehr sozial in Erinnerung gebliebenen Prinzessin ist eine Pilgerstätte – vor allem für Sachsen aus Dresden.

Auf Schloss Guteborn in der Oberlausitz ist Weltgeschichte geschrieben worden. Aber mit dem Satz „Macht doch Eiern Drägg alleene“ (Macht doch euern Dreck alleine), wie oft und gern zitiert, hat der Sachsenkönig im November 1918 den Thron nicht kampflos den Arbeiter- und Soldatenräten aus Dresden überlassen, die ihm in Guteborn die Abdankungspapiere abforderten.

 König Friedrich August III. von Sachsen ist der letzte Herrscher des Fürstenhauses der Wettiner.
König Friedrich August III. von Sachsen ist der letzte Herrscher des Fürstenhauses der Wettiner. FOTO: privat

Fakt ist indes: Friedrich August III. von Sachsen hat mit dem Satz „Hiermit verzichte ICH auf den Thron“ unter dem Druck der Novemberrevolution sein Amt als höchster monarchischer Würdenträger des souveränen Landes Sachsen abgegeben – die deutsche Monarchie aber damit nicht aktiv mit beerdigt. Denn „er schrieb dies im eigenen Namen, um keinem eventuellen Nachfolger den Weg zu versperren“, hat Theophana Prinzessin von Sachsen Herzogin zu Sachsen nochmals erklärt, als sich der Thronverzicht ihres Ur-Urgroßvaters im vergangenen Herbst zum 100. Mal jährte.

Das legendäre Zitat soll sich übrigens, zeithistorisch individuell leicht angepasst, 1989 dann auch Erich Honnecker, Parteichef der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und mächtigster Politiker der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), zu eigen gemacht haben. Bevor er die Politbüro-Tür in Berlin bei seinem, ebenfalls vom Volk erzwungenen Abgang, von außen zuschlug, soll er gesagt haben: „Macht euren Mist alleine.“ Contenance soll da zu vermissen gewesen sein. Dies ist allerdings nicht belegt.

Zeugen der Abdankung berichten von wahrhaft königlichem Benehmen

Der Sachsenkönig indes hat Fassung und Haltung bewahrt. So ist es überliefert. Graf Ernst-Georg zu Münster, auf dem Herrensitz der Familie im sächsischen Linz ist der alleinerziehende König mit seinen Kindern oft zu Gast gewesen, wies energisch zurück, dass Friedrich August III. der Ausspruch über die Lippen gekommen ist. Er schreibt dazu: „Während der König in Guteborn seine Abdankungsurkunde ausfertigte, wartete im Vorraum sein Gefolge, unter dem sich auch mein Vater befand. Als der Minister nach vollzogener Unterschrift in das Vorzimmer trat, sagte er zu den dort anwesenden Herren, tief beeindruckt von dem Geschehen: Seine Majestät haben sich wahrhaft königlich benommen.“

Das ist während der Regentschaft des letzten Herrschers der Wettiner nicht immer der Fall gewesen. Friedrich August III. war volkstümlich-sächselnd unterwegs. Das hat seinen öffentlichen Auftritten den Pathos genommen, aber rührende Geschichten machten die Runde. Auch diese: Friedrich August sei bei einem Besuch in einem Feldlazarett auf Soldaten mit einem Kessel voll dunkler Brühe getroffen. „Löffel her“, soll der König verlangt haben. Der begleitende Arzt protestierte. Aber Majestät setzte sich mit den Worten „Löffel hab ich gesaacht, das geniegt doch“ durch. Er bekam das Besteck, verkostete die Brühe und spuckte gehörig aus. „Pfui Deiwel, das schmegkt ja wi Uffwaschwasser. Was soll’n das sein?“, fragte Friedrich August. Die Soldaten antworteten wahrheitsgemäß: „Aufwaschwasser, Majestät“.

Auch zu seiner Abdankung haben Anekdoten kursiert. Kurz nach der Novemberrevolution habe Friedrich August im Exil auf Schloss Sibyllenort in Schlesien seinen Förster entlassen müssen. Wochen später habe er den Mann aber bei der Arbeit im Wald angetroffen und gefragt: „Was mach´n Sie denn noch hier, Brausewäddr? Sie sinn doch längksd endlass`n“. Der erwiderte, ihm sei nicht ordnungsgemäß gekündigt worden. Der Ex-König soll das so kommentiert haben: „Glohm Sie filleichd, dass mir ordnungsgemäs geginndjd wordn iss?“ (Glauben Sie vielleicht, dass mir ordnungsgemäß gekündigt worden ist?)

Auch Ortrander Chronisten berichten von der Volksnähe des letzten Sachsenkönigs

„Unvergessen ist seine Nähe zu den Menschen in Sachsen, seine unkomplizierte Art sich unter seine Sachsen zu mischen und an dem Leben in der Stadt (Dresden – d.R.) teilzunehmen, seien dies seine häufigen, unangekündigten Gasthausbesuche, die Spaziergänge zu Fuß, das Schlittschuhfahren mit seinen Kindern und die zahlreichen Begegnungen mit sächsischen Menschen“, schreibt Ur-Ur-Enkelin Theophana Prinzessin von Sachsen.

Solche Begegnungen sind auch in der Stadthistorie von Ortrand dokumentiert. Friedrich August III. war auf Durchreise nach Linz öfter in der Stadt und kehrte dann gewöhnlich auch in der Bahnhofswirtschaft und am Marktplatz im „Deutschen Haus“ ein. Den Gastwirt, den der König Papa Schulze nannte, soll er eines Tages um eine Zigarre gebeten haben. Doch der musste passen, sagte nur: „Die gibt‘s bei Hellwigs“. Worauf der König seinen Mantel ergriff und sich auf den Weg zu eben diesem noch heute existierenden Geschäft in der Bahnhofstraße aufmachte.

Hier soll König Friedrich August III. an der Ecke auch genüsslich die erworbene Zigarre geraucht haben, als dem Spediteur Böhme vom Güterbahnhof her die Pferde durchgingen. Beherzt griff der König ein und brachte das Gespann, das Waren und Rohstoffe vom Bahnhof zu den Handwerkern am Marktplatz brachte, tatsächlich zum Stehen. Der dankbare Böhme, dem der Schrecken noch in den Gliedern steckte, erkannte die Majestät nicht und dankte mit den Worten: „Du bisst wohl och een Pferdejoglich?“ (Pferdehändler, einer, der den Umgang mit dem Gaul versteht – d.R.) Worauf der König antwortete: „Nee, ich seh‘ bloß so aus.“

Die Ortrander Zigarre schrieb danach übrigens Werbegeschichte. Am nächsten Tag verkündete ein Schild am Hellwig‘schen Laden: „Königlich-sächsischer Hoflieferant“.

Die Flucht aus Dresden nach Guteborn und das Ende der sächsischen Monarchie

Der gutmütige Monarch und treusorgende Vater seiner Kinder aus der Ehe mit der untreuen Prinzessin Luise von Österreich Toskana, die durch die katholische Kirche aufgehoben wurde, war für heutige Verhältnisse betrachtet als Politiker beneidenswert beliebt. Das hat auch Dorothea Luise Pauline zur Lippe-Weißenfeld, Prinzessin von Schönburg-Waldenburg (gestorben 2000), aus den Erzählungen der Mutter Prinzessin Pauline zu Schönburg-Waldenburg immer wieder erzählt. „Meine Sachsen tun mir nichts“, soll Friedrich August III. selbst gesagt haben, als er vor den Unruhen in Dresden und der Revolution gewarnt wurde.

Anfang November erreichte die Revolution Sachsen. Den Vorschlag, die Aufstände mit den letzten königstreuen Truppen niederzuschlagen, lehnte der Sachsenkönig ab. Friedrich August III. sagte, er werde den gerade zu Ende gehenden Krieg (1. Weltkrieg) nicht auf der Dresdener Schlossstraße fortsetzen. Der einzige gewaltfreie Ausweg: Der König verließ das Residenzschloss. Er ließ sich nach Moritzburg bringen, reiste über Schloss Schönfeld zum Schloss Linz weiter. Auch hier war die Familie nicht sicher. Doch der Schlossherr, mit dem den König eine Freundschaft verband, fand in Pauline Prinzessin von Schönburg-Waldenburg, deren Gatte Ulrich Georg Prinz von Schönburg-Waldenburg im Krieg kämpfte, eine warmherzige und couragierte Frau, die ihn auf Schloss Guteborn als Gast aufnahm – obwohl die Schönburgischen Herrschaften 1835 fest von Sachsen übernommen worden waren.

Prinzessin Pauline aus Guteborn ist unvergessen

 Die Grabstätte auf dem Guteborner Friedhof: Prinzessin Pauline von Schönburg-Waldenburg liegt vorn rechts. Sie ist im April 1945 in Miltitz/Sachsen gestorben und hierher umgebettet worden. Die Grabstätte des Ulrich Georg von Schönburg-Waldenburg befindet sich links.
Die Grabstätte auf dem Guteborner Friedhof: Prinzessin Pauline von Schönburg-Waldenburg liegt vorn rechts. Sie ist im April 1945 in Miltitz/Sachsen gestorben und hierher umgebettet worden. Die Grabstätte des Ulrich Georg von Schönburg-Waldenburg befindet sich links. FOTO: Steffen Rasche

Mit dieser selbstverständlichen Hilfe ist der Name der letzten Prinzessin, die auf Schloss Guteborn lebte, verbunden. In den Herzen vieler Sachsen bis heute. Als vor einigen Jahren offensichtlich das Interesse von Sachsen aus dem Ballungsraum Dresden wuchs, Hinterbliebene auf dem Friedhof Guteborn zur letzten Ruhe zu betten, ist dahinter der Wunsch vermutet worden, dass die Lieben in der Nähe der Prinzessin aus dem Hause Schönburg-Waldenburg begraben werden sollten. Die Nachfrage hat nachgelassen, bestätigt die Amtsverwaltung Ruhland, die den Friedhof inzwischen verwaltet.

Und auch die Legende vom „Drägg“, den die Revolutionäre „allene“ machen sollten, ist nochmals widerlegt. Ortschronist Peter Gajda hat dafür eine verlässliche Quelle:  Die Enkelin des einstigen Güterdirektors Ernst Habekuß, Renate Fischer. Der Großvater hatte vor 100 Jahren die Wirtschaft auf Schloss Guteborn geführt und war in jenen Novembertagen ein Augenzeuge der Geschehnisse rund um die Abdankung des Sachsenkönigs. Seine Erinnerungen hat er in einer Festschrift festgehalten, die er seiner Herrschaft – dem Ehepaar Ulrich Prinz von Schönburg-Waldenburg und Pauline Prinzessin von Schönburg-Waldenburg – im Jahr 1925 zur Silberhochzeit überreicht hatte. Demnach ist der legendäre Satz „ein Schwindel mit wohlweislicher Berechnung für die Masse“.