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| 10:00 Uhr

Interview
„Der Friede von Bautzen zeigt die Brückenfunktion der Lausitz“

Friedrich Pollack, Leiter der Abteilung Kulturwissenschaften beim Sorbischen Institut in Bautzen.
Friedrich Pollack, Leiter der Abteilung Kulturwissenschaften beim Sorbischen Institut in Bautzen. FOTO: Sorbisches Institut/Hana Schön
Bautzen. Von 1000 Jahren wurde in Bautzen ein Friedensvertrag geschlossen. Warum ist das heute noch bemerkenswert. Ein Interview mit Friedrich Pollack, Leiter der Abteilung Kulturwissenschaften beim Sorbischen Institut in Bautzen.

Herr Pollack, welche Bedeutung hatte der Friedensvertrag 1018 für die Lausitz und das Milzener Land?

Pollack: Der Friede von Bautzen war ein Friedensabkommen, zwischen dem römisch-deutschen König und Kaiser Heinrich II. auf der einen Seite und dem polnischen Herzog und späteren König Bolesław I. auf der anderen Seite. Er wurde am 30. Januar 1018, also vor ziemlich genau eintausend Jahren, in Bautzen, sehr wahrscheinlich auf der hiesigen Ortenburg unterzeichnet undbeendete einen äußerst langwierigen, blutigen Konflikt, den Heinrich und Bolesław über 15 Jahre lang miteinander ausgefochten hatten.

Worum ging es in dem Konflikt?

Pollack: Im Zentrum dieses Konfliktes, in dem es wie in jedem Krieg natürlich um viel mehr ging, aber im Zentrum dieses Konfliktes zwischen Heinrich und Bolesław stand das heutige Mitteldeutschland, stand die Mark Meißen und stand insbesondere das Gebiet der heutigen Ober- und Niederlausitz. Beide Herrscher, der deutsche und der polnische (und eine zeitlang auch der Herzog von Böhmen), kämpften zu Beginn des 11. Jahrhunderts um die Vorherrschaft in diesem Raum. Denn das Land zwischen (grob gesagt) Saale, Elbe und Neiße versprach doch einen beträchtlichen Machzuwachs für denjenigen, der es dauerhaft unter seine Herrschaft bringen konnte:

- hier lebten slawische Stämme, die Vorfahren der Sorben, die es noch zu christianieren galt (das war sozusagen das theologisch-heilsgeschichtliche Argument)

- hier gab es aber auch weit und breit fruchtbaren Lössboden, der sich zum Anbau und zur Besiedlung hervorragend eignete

- und hier führte mit der Via Regia eine der wichtigsten internationalen Fernhandelsstraßen lang.

Wie kam es dann zum Frieden?

Pollack: Nachdem sich Heinrich und Bolesław mehr als ein Jahrzehnt lang mit wechselndem Erfolg bekriegt und bekämpft hatten, schlossen sie im Januar 1018 zu Bautzen besagten Friedensvertrag und einigten sich miteinander auf die künftigen Machtverhältnisse in Mitteldeutschland – heute würde man sagen in Form eines Kompromisses: Bolesław wurde die Herrschaft über die beiden Lausitzen zuerkannt, während die Mark Meißen im Besitz der Ekkehardiner – also eines kaisertreuen Geschlechts – verblieb. Bekräftigt wurde dieser Friedensschluss übrigens nach der damals üblichen Sitte: man tauschte einige Geiseln miteinander aus und Bolesław vermählte sich mit Oda, einer Tochter des Meißner Markgrafen Ekkehard I.

Was macht diesen Vertrag in der Rückschau so wichtig?

Pollack: Im Prozess der mittelalterlichen Staatsbildung Polens spielt der Frieden von Bautzen –neben anderen Ereignissen – eine ganz zentrale Rolle, weil es Bolesław 1018 gelungen war, die Interessen seiner Herrschaft gegenüber dem römisch-deutschen Kaiser erfolgreich zu behaupten und zu einem guten Teil auch durchzusetzen.

Bolesław erhielt in der polnischen Geschichtsschreibung nicht ohne Grund den Beinamen Chrobry, d. h. der Tapfere. Ihm war es im Laufe seiner Herrschaft gelungen, aus dem Erbe seines Vaters, Mieszko I., ein mächtiges, souveränes Reich zu bilden, das sich zur Hochzeit der Herrschaft Bolesławs von der Oberlausitz, von Bautzen im Westen bis an die Kiewer Rus im Osten erstreckte.

Bolesław hatte seinen Machtanspruch also erfolgreich behauptet, er hat sein Reich (den jungen polnischen Staat) auf der europäischen Landkarte eingetragen und wird am Ende seines Lebens vom Papst ja schließlich sogar in den Königsstand erhoben – steigt also in die erste Riege des europäischen Hochadels auf.

Das spielt im Selbstbewusstsein der Polen, mit denen es die Geschichte bekanntlich nicht immer gut gemeint hat, eine wichtige Rolle. Wenn Sie heute nach Polen fahren, werden sie in nahezu jeder Stadt eine Bolesław-Straße finden. Oder denken sie an das monumentale Grabdenkmal Bolesławs und seines Vaters Mieszko im Posener Dom.

Woher wissen wir heute, was damals geschah und beschlossen wurde?

Pollack: Die einzige gesicherte Auskunft über den Frieden von Bautzen im Jahr 1018 liefert uns der Chronist Thietmar von Merseburg, der die Entwicklungen als Zeitzeuge – und Parteigänger Heinrichs – miterlebte. 1009 wurde Thietmar zum Bischof von Merseburg ernannt. Um 1012 begann er mit der Abfassung seiner Reichs- und Bistumschronik, die das Andenken der Ottonen (zu denen Heinrich zählte) bewahren sollte. Sie besteht aus insgesamt acht Büchern, die den Zeitraum von 908 bis 1018 (Thietmar starb am 1. Dezember 1018) behandeln.

Welche Auswirkungen hatte der Friedensvertrag für die weitere Geschichte der (Ober-)Lausitz?

Pollack: Der Frieden von Bautzen hielt natürlich nicht ewig. Bolesław saß als Landesherr über die Lausitz zwar fest im Sattel, aber bereits sein Sohn Mieszko II. verspielte die meisten Errungenschaften seines Vaters und büßte auch die Hoheit über die Lausitzen bereits im Jahr 1031 wieder ein. Insofern währte die polnische Herrschaft in den Lausitzen nur vergleichsweise kurz.

In der polnischen Erinnerungskultur spielt der Frieden von Bautzen, wie oben angedeutet, bis in die Gegenwart hinein eine größere Rolle als in Deutschland.

Warum lohnt es sich, das heute zu feiern?

Pollack: Aus meiner Sicht weist uns der Frieden von Bautzen heute ganz sinnbildlich auf die über eintausendjährige wechselvolle Beziehungsgeschichte von Polen, Deutschen und Sorben hin. Insbesondere illustriert er die besondere Brückenfunktion, die der zweisprachigen Lausitz im deutsch-polnischen Verhältnis seit über eintausend Jahren zukommt. Und das sollte meiner Ansicht nach auch die Botschaft dieses Jubiläums sein: dass es da etwas Verbindendes, eine gemeinsame Geschichte zu entdecken gibt und dass die Lausitz als historische Brückenlandschaft für die Verständigung zwischen, Deutschen, Sorben, Polen (und auch Tschechen) ein erhebliches Potential bereithält.

(bob)