| 12:34 Uhr

Lausitzer Geschichte
Das waren die Opfer von Uckro und Waldow

Lausitzer Rundschau, Titelseite vom 20. Oktober 1953
Lausitzer Rundschau, Titelseite vom 20. Oktober 1953 FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Luckau. Bei ihrer Flucht durch die DDR lassen die Masin-Brüder 1953 mindestens drei tote Polizisten zurück. Weitere sterben um Kugelhagel der eigenen Kollegen. Wer waren die Opfer der „Großfahndung Uckro“? Von Bodo Baumert

Hermann Grummini (1906 - 1953): Als Abschnittsbevollmächtiger arbeitet der Kommissar 1953 für die Volkspolizei in Uckro bei Luckau. Der Polizei-Historiker und Schriftsteller Wolfgang Mittmann beschreibt ihn als „in seinem Wesen etwas unbeholfen und phlegmatisch“. In jener verhängnisvollen Nacht am 10. Oktober 1953 erfüllt er allerdings treu seine Pflicht, als nachts nach 3 Uhr das Telefon in seiner Wohnung klingelt. Grummini soll fünf Ausländer überprüfen, die in einer Stunde mit dem Zug aus Elsterwerda ankommen sollen. „Er gehörte keineswegs zu den ängstlichen Naturen. In seiner Dienstzeit hatte er schon so manches Gesindel, einmal sogar im Alleingang eine bewaffnete Diebesbande, unschädlich gemacht“, so Mittmann. Diesmal holt sich Grummini aber Verstärkung aus Luckau. Zehn Volkspolizisten an, zum Teil blutjung und unbewaffnet. Als der Zug hält, betritt Grummini die Abteile. Die gesuchten Tschechen sind allerdings schon in der Bahnhofshalle. Dort stoppt sie ein junger Polizist. Grummini eilt zur Hilfe, dann fallen die Schüsse. Der Kommissar stürzt, aus nächster Nähe getroffen, und ist sofort tot. Offiziell wird sein Tod erst Tage später, als weitere Polizisten den Kugeln der Tschechen zum Opfer fallen. Grummini wird dabei jeweils kurz mit erwähnt. Bestattet wird er in Luckau.

Heinz Sunkel: Der Hauptwachmeister, damals 23 Jahre alt, beteiligt sich am 16. Oktober an der Suche nach den drei verbliebenen Tschechen. Bei Waldow an der B115 werden sie auf einem Feld entdeckt. Die Polizei sichert das Gelände in dunkler Nacht. Die Brüder Masin liegen versteckt. Ctirad entschließt sich, einen der Polizisten auszuschalten. Seine Wahl fällt auf einen jungen Polizisten, der an seinem Gewehr lehnt. Der erste Schuss ist tödlich. Sunkel sinkt getroffen zu Boden. Sechs Tage später wird er in Cottbus mit großem Pomp zu Grabe getragen. In der RUNDSCHAU heißt es am 20. Oktober über ihn: „Der 23-jährige Sohn eines Landarbeiters arbeitete vor seiner Aufnahme in die Reihen der Volkspolizei als Ofensetzer, Landarbeiter, Bauarbeiter und im Bergbau. Vor zwei Jahren wurde er Volkspolizist und konnte trotz seiner Jugend schon als Abschnitssbevollmächtiger eingesetzt werden.“ Sunkel hinterließt zwei Kinder.

Martin Lehmann (1912 - 1953): Der Kommissar beteiligt sich ebenfalls an der Suchaktion von Waldow und wird wie Sunkel zur Zielscheibe für Ctirad Masin, der so seinen Freunden und sich selbst zur Flucht aus scheinbar auswegloser Lage verhilft. Ctirad berichtet später, Lehmann habe sich sich ihm am Waldrand mit der Pistole in der Hand genähert. Ctirad lässt ihn aus seinem Versteck heraus zunächst passieren und schießt ihm dann in den Rücken. Lehmann ist sofort tot. Seine Beisetzung erfolgt Tage später in Cottbus in einer öffentlichen Großveranstaltung. In der RUNDSCHAU steht am 20. Oktober über ihn zu lesen. „Als Holzarbeiter lernte er die kapitalistische Ausbeutung am eigenen Leibe kennen.“ Den Angaben zufolge kommt Lehmann in sowjetische Kriegsgefangenschaft und tritt nach seiner Rückkehr der Volkspolizei bei. Lehmann war Vater von sechs Kindern.

Herbert Hoffmann: Auch den Oberrat glaubt Ctirad Masin laut seinen späteren Erinnerungen erschossen zu haben. Offiziell wird Hoffmann auch als viertes Opfer der „faschistischen Mörder“ ausgeführt. Recherchen Mittmanns belegen allerdings etwas anderes. Demnach wurde Hoffmann von eigenen Kollegen erschossen. Laut Mittmann ereignete sich folgendes: Hoffmann, als Leiter der Mordkommisson in Zivil macht sich an die Verfolgung der entkommenden Tschechen. Mit einem Waffen rast er Richtung Waldow, gerät dabei aber unter Feuer. Hoffmann hält an und versucht, sich als Polizist zu erkennen zu geben. Als er in den Lichtkegel der Scheinwerfer tritt, trifft ihn eine Kugel. Hoffmann wird gemeinsam mit Sunkel und Lehmann in Cottbus zu Grabe getragen. Die RUNDSCHAU berichtet über ihn, er sei von Beruf Werkzeugmacher und seit 1946 Mitglied der SED gewesen. Der 31-Jährige sei „unermüdlich bestrebt“ gewesen, „neue Kämpfer für die Arbeiterklasse zu erziehen“.

Neben Hoffmann kamen beim „Krieg von Luckau“ wie die Fahndung im Volksmund genannt wurde, drei weitere Polizisten durch Kugeln aus den eigenen Reihen ums Leben. Den Recherchen Mittmanns zufolge waren es:

Der Soldat Alexander Streich geriet am 12. Oktober mit einem Unteroffizier in Streit. Ein Leutnant, der die Schlägerei bemerkte, hielt Streich für einen der Gesuchten und erschoss ihn.

Der Polizeianwärter Rolf Schmidt (damals 18) glaubte bei Hohenseefeld etwas bemerkt zu haben und schoss in ein Gebüsch. Neben ihm eröffneten weitere Schützen das Feuer. Eine verirrte Kugel tötete Schmidt an jenem 12. Oktober.

Am 14. Oktober wurden die Gesuchten angeblich in Karl-Marx-Stadt gesichtet. Bei der Durchsuchung eines Geländeabschnistts löste sich ein Schuss, der der Oberwachtmeister Siegfried Hoffmann tötete.