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| 12:33 Uhr

Lausitzer Geschichte
Das waren die fünf Tschechen

Fahndungsplakat von 1953: Die Gebrüder Masin und Milan Paumer im Fokus der DDR-Sicherheitskräfte.
Fahndungsplakat von 1953: Die Gebrüder Masin und Milan Paumer im Fokus der DDR-Sicherheitskräfte. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Luckau. Fünf Tschechen machten sich 1953 auf die Flucht durch Ostdeutschland nach West-Berlin. Wer waren sie? Von Bodo Baumert

Josef Masin (geboren 1932): Sein Vater, der tschechoslowakische Offizier Josef Masin, kämpfte im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis und wurde posthum zum General befördert. In seinem Testament rief er seine Söhne dazu auf, stets gegen Fremdherrschaft und Diktatur zu kämpfen. Das taten Josef jr. und sein Bruder Ctirad ab Anfang der 1950er im Kampf gegen die stalinistische Führung der CSR. Freunde und Bekannte waren den Schauprozessen zum Opfer gefallen. Mit Gleichgesinnten überfielen die Masin-Brüder daraufhin Polizeistationen und einen Geldtransport, versuchten einen Brandanschlag gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft, der allerdings scheiterte. Dabei wurden mehrere Personen, unter anderem auch Polizisten, erschossen. 1953 reifte dann der Plan, in den Westen zu fliehen, um sich den USA anzuschließen. Die Masins rechneten mit einer Invasion der Amerikaner, bei der sie an vorderster Front mitkämpfen wollten. Da die Grenze nach Deutschland stark bewacht war, entschlossen sich Josef und seine Gefährten zur Flucht durch die DDR nach West-Berlin.

Nach der Ankunft in Berlin schloss sich Joe, wie er sich jetzt nannte, tatsächlich den US-Streitkräften an. Der erhofft große Kampf gegen den Kommunismus blieb allerdings aus. Nach dem Ende seiner Militärzeit zog Joe nach Köln und widmete sich dort unter anderem der Fliegerei. Der tschechoslowakische Geheimdienst versuchte mehrfach, ihn zu entführen oder zu ermorden, was allerdings misslang. Heute lebt Joe Masin in Kalifornien.

Sein Einsatz bleibt in seiner Heimat bis heute umstritten. 2005 erhielten Joe und sein Bruder die Medaille des Premierministers der Tschechischen Republik. Die Auszeichnung wurde allerdings heftig kritisiert.

Ctirad Masin (1930 - 2011): Der ältere der beiden Masin-Brüder ging wie sein Bruder Anfang der 1950er Jahre in der Tschechoslowakei in den Widerstand, nachdem ihm der Zutritt zur Militär-Akademie verweigert wurde. Eher zufällig wurde er nach einem Überfall auf eine Polizei-Station verhaftet. Lose Pläne zu einer Flucht in den Westen waren verraten worden. Ctirad (Radek) wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, die er in einer Uranium-Mine verbüßte. Nach seiner Entlassung machten sich die Brüder 1953 tatsächlich auf den Weg in den Westen. Ctirad war bei der Flucht häufig der Scout, der sich immer wieder großen Gefahren aussetzte. Nach der Ankunft im Westen schloss er sich der US-Armee an. Er trat aber 1959 aus der Armee aus, nachdem sich keine neuen Ziele für seinen anti-kommunistischen Bestrebungen fanden. Ray, wie er sich nun nannte, wurde US-Bürger und betrat Zeit seines Lebens nicht mehr die alte Heimat. Wie er später erfuhr, wurde seine Mutter nach ihrer Flucht verhaftet. Sie starb im Gefängnis. Auch seine Schwester wurde zeitweilig verhaftet.

Milan Paumer (1931 - 2010): Der gelernte Maschinenschlosser schloss sich früh der Widerstandsgruppe der Brüder Masin an, verübte mit ihnen mehrere Anschläge auf Polizeistationen. 1952 wurde er zum Wehrdienst eingezogen, floh dann aber mit den Masins in den Westen. Dort schloss er sich der US-Armee an und kämpfte unter anderem in Korea. Nach seiner Entlassung wurde er Taxifahrer in Miami. Nachdem 1995 ein tschechisches Berufungsgericht die Taten der Masin-Gruppe für verjährt erklärt hatte, ging Paumer 2001 zurück nach Tschechien. Dort engagierte er sich unter anderem für die konservative Partei, kandidierte auch (erfolglos) für das EU-Parlament. 2010 starb er nach langer Krankheit in Prag.

Zbynek Janata (1932 - 1955): Als Jugendlicher war er befreundet mit den Masin-Brüdern. Josef beschreibt ihn später als rebellischen Zeitgeist. Zbynek schloss sich der Widerstandsgruppe der Masins an und floh mit ihnen 1953 in den Westen. Nach dem Schusswechsel im Bahnhof von Uckro wurde er von der Gruppe getrennt. Einen Tag später konnte ihn die Volkspolizei am Ortseingang von Pelkwitz nördlich von Luckau verhaften. Janata wurde verhört und lieferte den Sicherheitskräften die Namen der anderen Gruppenmitglieder. So entstanden die Fahndungsplakate, die bald überall in der Region rund um Luckau zu sehen waren. Zbynek blieb in Haft und wurde schließlich an die Tschechoslowakei ausgeliefert. Dort wurde ihm der Prozess gemacht und Janata zum Tode verurteilt, obwohl er selbst für keinen der Toten während der Flucht oder zuvor verantwortlich war. Seine Familie wendete sich nach der Verhaftung von ihm ab, um nicht selbst Repressionen ausgesetzt zu werden.

Vaclav Sveda (1921 - 1955): Vasek, wie ihn die Freunde nennen, war zehn Jahre älter als der Rest der Gruppe. Im Gegensatz zu seinen Freunden war er bereits verheiratet und Vater von zwei Kindern, als er sich dem Widerstand anschloss. Bei der Machtübernahme der Kommunisten wurde er als Klassenfeind identifiziert und sein Bauernhof konfisziert. Die Kleinfamilie fand Unterschlupf bei den Masins. 1953, nach der Freilassung Ctirad Masins aus dem Gefängnis, entschloss sich Sveda zur Flucht mit seinen Freunden. Bei der Schießerei in Waldow, nördlich von Luckau, wurde er angeschossen und blieb zurück. Sveda wurde verhaftet. Ihm sollte ein Schauprozess in der DDR gemacht werden. Aber auch die Tschechen wollten ihn und setzten sich schließlich durch. 1955 wurde Sveda zum Tode verurteilt. Seine Abschiedsbriefe aus der Todeszelle wurden seinen Söhnen erst 40 Jahre später zugestellt.