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Lausitzer Geschichte
Das neue Bild der Machbuba

Im Branitzer Schloss sind die wenigen Zeugnisse gesammelt, die an Machbuba erinnern: Bilder, eine Statue, ihre Totenmaske. Fotos (2): Michael Helbig/mih1  Im Branitzer Schloss sind die wenigen Zeugnisse gesammelt, die an Machbuba erinnern: Bilder, eine Statue, ihre Totenmaske. ArchivFoto: Michael Helbig/mih1
Im Branitzer Schloss sind die wenigen Zeugnisse gesammelt, die an Machbuba erinnern: Bilder, eine Statue, ihre Totenmaske. Fotos (2): Michael Helbig/mih1 Im Branitzer Schloss sind die wenigen Zeugnisse gesammelt, die an Machbuba erinnern: Bilder, eine Statue, ihre Totenmaske. ArchivFoto: Michael Helbig/mih1 FOTO: Michael Helbig/mih1
Bad Muskau. Machbuba, die exotische Sklavin an der Seite des Fürsten Pückler, beflügelt bis heute die Fantasien. Gerade einmal sechs Wochen hat sie in der Lausitz gelebt und ist doch bis heute in aller Munde. Zeit, ein neues Bild der jungen Frau zu zeichnen. Von Bodo Baumert

In Bad Muskau wird derzeit am neuen Bild der Machbuba gearbeitet. In Pücklers ehemaligem Bergpark in Schlossnähe wird die Villa „Pückler“ saniert. In ihr soll dann eine neue Dauerausstellung über die Nilreise des Weltreisenden Fürst Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871) gezeigt werden. Im Fokus: seine exotische Begleiterin, Machbuba.

Ihr Lebensweg führt die beiden 1837 zusammen, aber wohl nicht, wie von Pückler kolportiert in Kairo. Der Fürst kauft das junge, damals vermutlich elf Jahre alte Mädchen auf einem Sklavenmarkt, allerdings vermutlich in Karthum im heutigen Sudan. Das war nicht unüblich zu dieser Zeit. Auch andere europäische Adlige bedienten sich auf dem Sklavenmarkt.

Machbuba stammte wie viele andere Sklaven aus Äthiopien. Über Sklavenkarawanen gelangte sie nach Karthum. Wo genau ihre Heimat liegt, lässt sich nicht mehr genau verorten. „Die massive Entwurzelung von Tausenden im eigenen Land und ansonsten durch muslimische Händler versklavten Kindern, Jungen, Frauen und Männern in Äthiopien im 19. Jahrhundert hat zu einer großen Vermischung der Bevölkerung geführt“, erklärt die Ethnologin Kerstin Volker-Saad, die derzeit im Auftrag der Fürst-Pückler-Stiftung Nachforschungen für die geplante Ausstellung in Bad Muskau unternimmt.

Aufgrund der Ausführungen Pücklers gehen einige Forscher davon aus, dass Machbubas Heimat Amhara im Hochland Äthiopiens war. Die Ethnologin hat aber noch andere Spuren gefunden. „Der Sprachforscher Carl Tutschek traf sie im Jahre 1840 und sprach mit ihr Oromo. Er erfuhr von ihr, dass ihr wirklicher Name Birilele sei – und er legte ihre Herkunft für das Königreich Guumaa im Süden Äthiopiens fest“, so Kerstin Volker-Saad.

 Die Totenmaske Machbubas. Der Abdruck wurde nach ihrem Tod am 27. Oktober 1840 hergestellt.  Die Totenmaske Machbuba. Der Abdruck wurde nach ihrem Tod am 27. Oktober 1840 hergestellt.
Die Totenmaske Machbubas. Der Abdruck wurde nach ihrem Tod am 27. Oktober 1840 hergestellt. Die Totenmaske Machbuba. Der Abdruck wurde nach ihrem Tod am 27. Oktober 1840 hergestellt. FOTO: Michael Helbig/mih1

Auch der weitere Weg Machbubas ist nur schwer im Detail zu klären. Fest steht, dass Pückler mehrere Sklaven kaufte: Machbuba, Ajiamé, Aisha und eine weitere unbekannte Sklavin. Im Lauf seiner Reise durch das Heilige Land nach Europa wird aus Ajiamé dann in den Erzählungen des Fürsten Machbuba. Kerstin Volker-Saad nennt es einen „literarischen Kunstgriff“. Aus zwei Frauen wird eine. Nach dem Aufenthalt in Palästina taucht nur noch Machbuba auf. Was mit den anderen geschieht, verrät Pückler nicht.

Wer war diese Dame, deren Schönhheit der Fürst in seinen Erzählungen preist? Wer sich ein Bild von ihr machen will, kann auf die Gipsabdrücke blicken, die nach ihrem Tod von ihr angefertigt wurden. „Da ich längere Zeit am Horn von Afrika gelebt habe und mit äthiopischen Gesichtern aus verschiedenen Regionen vertraut bin, sehe ich Machbuba eher in der Sandsteinbüste von Willy Menzner, die im Schloss in Bad Muskau ausgestellt wird“, sagt Ethnologin Kerstin Volker-Saad. Das berühmteste Bild, angefertigt von einem unbekannten Maler aus Sorau, zeigt Machbuba mit Dolch und Turban, ist aber wohl idealisiert und verrät mehr über die Fantasie des Malers als über Machbuba selbst.

Um mehr über die junge Frau zu erfahren, muss man auf andere Quellen zurückgreifen. Kerstin Volker-Saad tut dies, indem sie Archive in Wien und anderen Orten entlang der fürstlichen Reise aus dem Orient durch Europa zurück nach Muskau durchstöbert. Stück für Stück setzt sich dabei ein neues Bild der Machbuba zusammen. „Aus seinen Aufzeichnungen und aus den Berichten anderer Zeitzeugen, bei denen sie allein zu Gast war, entnehme ich, dass Machbuba Menschen für sich einnehmen konnte und deutliche Spuren hinterließ“, so die Ethnologin. „Sie war eine sehr eigenständige, charismatische Persönlichkeit, die offensichtlich Oromo, Arabisch und Italienisch sprach – und vielleicht sogar noch eine andere äthiopische Sprache.“ Schon Fürst Pückler hatte ihr Talent, sich Sprachen anzueignen, gerühmt.

In europäischen Adelskreisen war man an Afrikaner schon gewöhnt. Dennoch erregte „Pücklers Abyssinierin“ überall, wo sie auftauchten, großes Interesse. Zeitungen waren voll mit Nachrichten über die Exotin, die sich in der für sie doch fremden Welt gut zu bewegen wusste. „Sie muss in einem Alter gewesen sein, in dem sich die tradierte Frauenrolle noch nicht als ausschließliches Handlungsmuster ausgeprägt hatte, sodass sie in der Öffentlichkeit sowohl in eine Knaben- als auch eine Mädchenrolle schlüpfen konnte“, berichtet Kerstin Volker-Saad. So sei sie zugleich auch Mittlerin der Kulturen gewesen, eine „junge Frau, die ihre schmerzhafte Entwurzelung meisterte und ihr schweres Schicksal in die eigenen Hände genommen hat“, so die Ethnologin.

Zwischen den Frauen: Zeit seines Lebens war Fürst Pückler dem schönen Geschlecht zugetan. Machbuba (l.), eine zeitgenössische Darstellung, und Lucie von Hardenberg gehörten zu seinen „Herzensangelegenheiten“. Repro: Michael Helbig/mih1
Zwischen den Frauen: Zeit seines Lebens war Fürst Pückler dem schönen Geschlecht zugetan. Machbuba (l.), eine zeitgenössische Darstellung, und Lucie von Hardenberg gehörten zu seinen „Herzensangelegenheiten“. Repro: Michael Helbig/mih1 FOTO: -

Und wie war das nun mit der Liebesbeziehung zwischen Fürst und Sklavin? Die Ethnologin kann diese Frage nicht mehr hören. „Ich habe mich immer darüber gewundert, warum die Beziehung von Machbuba und Pückler auf diese Frage reduziert wird: Sklavin und Geliebte?“ Das führe zu völlig falschen Vorstellungen von einer Art Lolita oder Ähnlichem, was den damaligen Verhältnissen gar nicht gerecht werde. „Ich gehe davon aus, dass ihre Beziehung platonisch war“, sagt die Forscherin.

Ganz anders sah das der im vergangenen Jahr verstorbene Hermann Graf Pückler. In einem Leserbrief schrieb der Urgroßneffe des Fürsten 2015 an die RUNDSCHAU: „Natürlich war es eine Liebesbeziehung reinsten Wassers.“ Pücklers Affinität zur Damenwelt sei dafür ebenso ein Beleg wie die Eifersucht der Fürstin, „die sich sicher so abweisend nicht gegenüber einem Pflegekind verhalten hätte“. Der Graf verweist auf „in meinem Eigentum befindliche – ausdrücklich nicht zur Veröffentlichung bestimmte – Schriftstücke“, die der Fürst hinterlassen habe und die eindeutige Hinweise enthalten. „Eine so schöne Frau wie Machbuba stößt man als Gentleman, und das war Fürst Pückler ohne Einschränkung, nicht von der Bettkante.“

Enthüllung eines äthiopischen Kreuzes am Grab von Machbuba
Enthüllung eines äthiopischen Kreuzes am Grab von Machbuba FOTO: Regina Weiß / Medienhaus Lausitzer Rundschau

Kerstin Volker-Saad verweist auf weiteren Forschungsbedarf. „Den bisherigen Quellen entnehme ich, dass Pückler und Machbuba eine intensive, sich gegenseitig schätzende und respektierende Beziehung hatten.“ Sie warnt jedoch davor, die literarischen Ausschmückungen des Fürsten selbst als bare Münze zu nehmen. „Pückler zieht hier alle Register seiner literarischen Künste, mit den entscheidenden Reizbegriffen der orientalischen Erotik, die in den Augen einer unter der Zensur stehenden preußischen Gesellschaft wie eine Waffe gewirkt haben müssen: Mätresse, Harem, Konkubinen.“ Auch die Eifersucht der Fürstin, die Pückler schließlich gestattet, nach Muskau zurückzukehren, sieht die Forscherin als „ein facettenreiches emotionales Eifersuchtsdrama mit einer großen Portion Standesdünkel“.

Lucie gestattet schließlich, dass Machbuba mit dem Fürsten 1840 nach Muskau kommt. Sie selbst reist allerdings ab. Der Fürst folgte ihr. Machbuba bleibt in Muskau zurück. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon schwer erkrankt. Sechs Wochen nach ihrer Ankunft in Muskau stirbt sie. Professor Dr. Hans Schweisfurth, ehemaliger Chefarzt am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus und Mitglied des Fördervereins Fürst Pückler in Branitz, hat sich mit der Todesursache beschäftigt und berichtet: „Aufgrund der geschilderten Symptome wie Gewichtsabnahme, Unterleibsbeschwerden, länger bestehender Husten und unter Beachtung des Sektionsbefundes verstarb Machbuba mit großer Wahrscheinlichkeit an den Folgen einer damals unheilbaren Darm- und Lungentuberkulose.“

Die Muskauer nehmen großen Anteil an ihrem Tod und begleiten den Trauerzug – anders als der Fürst – in großer Zahl. Bis heute wird ihr Grab in Muskau gepflegt. Seit dem vergangenen Jahr ziert ein neues Kreuz das Grab. Es ist ein Geschenk von Prinz Asfa-Wossen Asserate aus Äthiopien. Auch dort ist das Interesse an Machbuba bis heute groß.