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| 12:07 Uhr

Lausitzer Geschichte
Von Cottbus in den Wahnsinn

FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Vor 220 Jahren wurde Karl Blechen in Cottbus geboren. Er gehört zu den größten Künstlern der Stadt. Warum? Eine Künstlerbiografie ohne Kunstwerke. Von Bodo Baumert

Die Kunstkritik feiert Carl Blechen neben Caspar David Friedrich als bedeutendsten Landschaftsmalers des frühen 19. Jahrhunderts. Ein Vorreiter der Impressionisten soll er gewesen sein – so zumindest spätere Vertreter der Zunft. Seinen Zeitgenossen in Berlin war Blechens Kunst teilweise suspekt, gleichzeitig hatte er aber auch bedeutende Fans und Unterstützer wie etwa Karl Friedrich Schinkel. Wer aber war der Mann dahinter? Wer war Carl Eduard Ferdinand Blechen?

Geburt und Kindheit in Cottbus: Für die Lausitz ist Blechen vor allem deshalb interessant, weil er in Cottbus geboren wurde. Seiner Heimat verbunden blieb er allerdings kaum. Das mag an seinem Elternhaus liegen. Blechen wurde am 29. Juli 1798 in der Luckischen Gasse geboren. Das Haus steht heute nicht mehr. An seiner Stelle erhebt sich das Rathaus. Eine glückliche Kindheit war es wohl nicht gerade. Glaubt man Forschungen früherer Stadthistoriker, dann führten Blechens Eltern keine glückliche Ehe. Der Vater, ein Zugereister aus Regensburg, erwarb sich als Steuereinnehmern und Verantwortlicher des Salzlagers zwar gewisses Ansehen, war jedoch privat eher ein leichtlebiger Mensch und mehr als einer Frau zugetan. Als Carl acht Jahre alt war, bekam er einen unehelichen Halbbruder. Sein Vater scheitere allerdings auch mit dieser zweiten Beziehung. 1821 nahm er sich schließlich das Leben. Die Cottbuser Stadtchronik vermerkten dazu: „Den 6. Februar 1821 ersäufte sich der Offizier Blechen bei Fehrow mit Vorbedacht. Er hatte ein sehr liederliches Leben geführt, war aber sonst ein sehr gescheiter Mann.“

Carls Mutter war das genaue Gegenteil. Aus einer offenbar begüterten Schneiderfamilie aus dem Cottbuser Umland stammend, galt sie als bodenständig und sorbisch-wendisch geprägt. Eine künstlerische Begabung hat aber auch sie offenbar nicht an ihren Sohn weitergegeben. Für die geistige Bildung des jungen Carl war schon eher ein Onkel, der Bruder seiner Mutter, einflussreich. Jener Johann Gottlieb Happatz war Pfarrer in Madlow und nahm den jungen Carl, der zudem die Lateinschule an der Oberkirche besuchte, in seinem Haus auf, wenn es bei den Eltern mal wieder krachte.

Seinen ersten Zeichenunterricht erhielt Carl bei dem Cottbuser Buchbinder Lemmerich. Irma Emmrich schreibt in einer Biografie über Blechen von „braven Bildchen“, die „wenig von künftiger Größe ahnen lassen“.

Nein, die Kunst war damals noch nicht als Lebensweg des Jungen vorgezeichnet, wenngleich Irma Emmrich zumindest auf gewisse Einflüsse aus seiner Cottbuser Jugend verweist. So sollen die Fenster der Oberkirche  Blechens spätere Begeisterung für gotische Bauten und Ruinen in seinen Gemälden vorgeprägt haben.

Carl sollte eher Jura und Theologie studieren wie der Onkel aus Madlow. Dafür reichte aber das Geld der Eltern nicht. Also musste was bodenständiges her. Carl wurde Banklehrling und zog mit 17 Jahren nach Berlin. Interesse an einer Rückkehr nach Cottbus scheint wenig bestanden zu haben. „Er scheint später keine Bindung an seine engere Heimat verspürt zu haben, denn es ist ein Besuch in Cottbus weder durch ein schriftliches noch durch ein bildliches Dokument bezeugt“, schreibt Iris Berndt in der 2017 erschienenen Blechen-Biografie „Innenansichten eines Genies“.

Der Sprung ins Ungewisse: Blechen sucht stattdessen sein Glück in der Großstadt. Er findet aber zunächst eher ein solides Auskommen in der Bank. Bis 1821 geht das gut, dann platzt das Streben nach seiner Kunst, nach seinem Wunsch, sich auszudrücken, aus ihm heraus. Der Selbstmord des Vaters in der fernen Lausitz mag ein Auslöser gewesen sein. Blechen schmeißt seinen Job hin und will sich nun ganz der Kunst widmen. Er beginnt ein Studium an der Akademie der Künste in Berlin.

Schon bald merkt er allerdings, dass er auch dort nicht das findet, was ihn umtreibt. In der Klasse des anerkannten Landschaftsmalers und Professors Lütke findet Blechen die klassische, an der niederländischen Landschaftsmalerei orientierte Schule. Was er vor seinem geistigen Auge sieht, ist aber etwas anderes. Statt dem Unterricht zu folgen, reist Blechen nach Dresden und trifft dort auf ähnlich denkende und fühlende Geister. Im Haus des norwegischen Malers Johan Christian Dahl trifft Blechen wohl auch auf  Caspar David Friedrich, seinen großen Zeitgenossen, der ähnlich wie Blechen zu Lebzeiten von seiner Kunst kaum leben konnte, später aber um so höher geachtet wurde.

Ein Genie auf Reisen: Blechen ist in dem, was er malt, für seine Zeit revolutionär. Das ist Fluch und Segen zugleich. Schon früh sorgt Blechen bei Ausstellungen für Aufsehen, gewinnt so Förderer wie Schinkel, der ihm zu einer Anstellung als Bühnenmaler am neuen Königstädtischen Theater verhilft.

Sein privates Glück findet Blechen in dieser Zeit ebenfalls. 1824 heiratet er die zehn Jahre ältere Henriette Charlotte Dorothee Boldt. Anders als ihr adretter Ehemann ist sie von eher unscheinbarem Äußerem. „Die Ehe hatte Blechen eher aus Dankbarkeit als aus wirklicher Zuneigung geschlossen“, heißt es in einer Blechen-Biografie zum Bestandskatalog von 1993.

Die Theateranstellung ist für Blechen ein Broterwerb, den er allerdings nach einem lautstarken Streit mit der Diva des Theaters wiederum hinschmeißt.

Blechen stürzt sich einmal mehr in Ungewisse. Er rafft seine Ersparnisse zusammen und reist nach Italien, in das Land seiner Sehnsucht. Hier setzt sein künstlerisches Genie zum Höhenflug an. Was Blechen in und nach Italien malt, gehört zu den Höhepunkten seines Schaffens. „Blechens künstlerisches Genie entfaltete sich zu voller Blüte im Mühlental von Amalfi“ schreiben Iris Berndt und Helmut Börsch-Supan im jüngsten Werk über den Künstler Blechen. Der Autodidakt hat seinen Stil gefunden, nicht mehr romantisierend sondern realistisch sind seine Werke, was manchen seiner Zeitgenossen irritiert und dem Künstler im vergleichsweise provinziellen Berlin ein Leben von seiner Kunst erschwert.

Angekommen als Professor: Wieder einmal ist es der Förderer Schinkel, der Blechen zur Seite springt. Als nach dem Tod Lütkes an der Akademie eine Professorenstelle frei wird, schlägt Schinkel Blechen vor, dessen Bewerbung 1831 tatsächlich von Erfolg gekrönt ist. Blechen, der von Zeitgenossen als gut aussehend und keinem Spaß abgeneigt beschrieben wird, ist nun ganz in seinem Element. Mit seinen Schülern unternimmt er häufig Ausflüge ins Berliner Umland, die bei jenen bleibenden Eindruck hinterlassen. 1882 berichtet Friedrich Eduard Pape über eine dieser Touren in der Rückschau: „Die Malfahrten waren zugleich Turn- und Vergnügungsfahrten. In genialer Weise, mit rascher, sicherer Hand zeichnete er alte Bäume, und wir folgten seiner Hand und seiner Technik und sahen es entstehen. Auf Autorität hielt er nicht ängstlich, weil sein Wesen und seine Kunst sie ihm von selber und ohne Anstrengung gaben.“

Diese Zuneigung, die Blechen von seinen Schülern erfährt, steht im Gegensatz zu seinen Kollegen und Kritikern, die ihm keineswegs immer wohlwollend gegenüber stehen. Blechen geht dennoch seinen Weg weiter. Für König Friedrich Wilhelm II. malt er zwei Gemälde zur Ausstattung des Palmenhauses auf der Pfaueninsel – und gerät darüber mit dem König ob der in seinen Augen zu geringen Bezahlung in Streit. Erneut muss Schinkel vermitteln.

Reisen in den Harz und an die Ostsee erweitern das Spektrum seiner Motive. Blechen wird schließlich 1835 zur ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste ernannt. Damit ist er endgültig als Künstler anerkannt. Das Glück währt allerdings nicht lange.

Krankheit und früher Tod: Blechen ist Ende 30 als sein  Geisteszustand zunehmend schlechter wird. Bereits 1836 lässt er sich an der Akademie krankschreiben. Seine erhoffte Rückkehr im folgenden Jahr scheitert. Bis zu seinem Tod 1840 wird Blechen nie wieder unterrichten. „Es ist nicht leicht, in wenigen Worten die Tragödie des physischen und psychischen Zusammenbruches, die Wirrnis von Hilflosigkeit, Verzweiflung, Fehlurteilen, gut gemeinten, aber ungeeigneten und schädlichen Heilungsversuchen darzustellen, die in den letzten Lebensjahren des Künstlers zu unablässiger Qual für ihn und seine Frau wurden“, schreibt Irma Emmrich in einer Biografie von 1989.

Klare und wirre Phasen bestimmen von nun das Leben Blechens. Zur Kunst ist er nur noch selten fähig. „Mit großer Mühe gelingt es wohl, ihn zur Arbeit an seinen Bildern zu bewegen. Dann sitzt er vor denselben, hält Pinsel und Palette in der Hand, pfeift Liedchen und macht dann und wann mal einige Pinselstriche, deren Resultat er jedoch fast immer wieder durch Abwaschen vernichtet“, berichtet Dr. Horn, der Leiter einer Nervenanstalt, in der Blechen 1836 vorübergehend behandelt wird.

Die letzten beiden Jahre erlebt Blechen in einem Dämmerzustand. Der Tod am 23. Juli 1940 erscheint da wie eine Erlösung. Sein künstlerischer Nachlass geht an den preußischen Staat, was seiner Witwe für die ihr verbliebenen sieben Jahre eine Rente und ein erträgliches Auskommen sichert. 1847 stirbt auch sie schließlich.