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| 22:00 Uhr

Lausitzer Geschichte
Forster Film-Star: Das tragische Ende des schönen Bruno

 Bruno Kastner auf einer Fan-Postkarte. Mehr Bilder gibt es auf www.lr-online.de/geschichte.
Bruno Kastner auf einer Fan-Postkarte. Mehr Bilder gibt es auf www.lr-online.de/geschichte. FOTO: Archiv Bodo Baumert
Forst. Ein Filmstar aus der Lausitz? Doch, den gab es. Bruno Kastner war in den 1920er Jahren der Liebling der (weiblichen) Fans. Als „schöner Bruno“ bestach der gebürtige Forster in zahlreichen Stummfilmen. Doch sein Leben endete tragisch. Von Bodo Baumert

Wer nach Bruno Kastner sucht, wird auch heute noch schnell fündig. Auf Internetbörsen gibt es zahllose Post- und Autogrammkarten mit seinen Fotos. Kastner als jugendlicher Held, als Mann von Welt, als Dandy, der es versteht, die Herzen der Frauen zum Schmelzen zu bringen. Die Karten sind ein Beleg für die Beliebtheit, die der schöne Bruno Anfang des 20. Jahrhunderts beim Filmpublikum genießt.

Seine Leidenschaft sei eigentlich die Zoologie gewesen

Bruno Kastner, ein Lausitzer Stummfilmstar FOTO: Archiv Bodo Baumert

Der Stummfilm der Weltkriegszeit und der goldenen Zwanziger ist seine Welt. Dabei war der Aufstieg des gebürtigen Forsters zum Filmstar wenige Jahre zuvor kaum abzusehen. Kastner wird am 3. Januar 1890 – so belegt es seine Geburtsurkunde –  in der aufstrebenden Textilindustrie-Stadt geboren. Sein Vater ist Beamter beim Königlich-Preußischen Steueramt. Über die Kindheit des kleinen Bruno ist wenig bekannt. Bereits mit 14 Jahren verlässt er die Stadt. Sein Vater wird nach Fürstenwalde versetzt.

Kastner beendet dort die Schule und versucht, den Berufsweg des Schauspielers einzuschlagen. Später wird er einmal sagen, dass er das nie wollte. Seine Leidenschaft sei eher die Zoologie gewesen. Und vielleicht wäre er auch dort besser aufgehoben gewesen.

Denn mit dem Schauspielen läuft es zunächst gar nicht gut. Nach dem Besuch einer Schauspielschule in Berlin erhält er ein erstes Engagement am Stadttheater in Harburg. Es folgen zwei Jahre mit einer Wandertruppe in Süddeutschland, ehe eine der Wendungen in seinem Leben eintritt, die zumeist mit Frauen zu tun haben. Die damals bekannte Schauspielerin Gertrud Eysold vermittelt ihm ein Engagement als Chorsänger in Berlin. An den Bernauerschen Bühnen arbeitet sich Kastner nach oben, bis hin zu größeren Schauspielrollen.

Und wieder tritt eine Frau in sein Leben: Asta Nielsen. Die dänische Schauspielerin, neun Jahre älter als Kastner, ist der Star des damals noch jungen Stummfilms, das erste Sexsymbol der Kino-Geschichte. Im damals 24 Jahre alten Kastner – groß gewachsen, stets elegant gekleidet, mit seinem verwegenen Blick – sehen sie und ihr Mann, der Regisseur Urban Gad, den idealen Filmpartner.  1914 entsteht ihr erster gemeinsamer Film: „Engelein“. Für Kastner ist es der erste Kontakt mit dem Medium Film – und gleich ein durchschlagender Erfolg. Mit „Engeleins Hochzeit“ wird rasch eine Fortsetzung gedreht, die allerdings aufgrund des beginnenden Ersten Weltkriegs erst 1916 in die Lichtspielhäuser kommt.

Er spielt, was er ist: den charmant-eleganten Dandy

Der Krieg ist für Kastner ein Glücksfall. Denn während alle anderen potenziellen jungen Schauspieler zur Armee herangezogen werden, ist Kastner fein raus. Er hat seinen Militärdienst schon hinter sich: Nach der Schule hatte er in einem Artillerie-Regiment gedient, wo er nach 17 Tagen als untauglich entlassen wurde.

Für den „schönen Bruno“ hat die Stunde geschlagen. Der Erfolg von „Engelein“ führt rasch zu weiteren Filmangeboten: „Die Tochter der Landstraße“ (wieder mit Asta Nielsen), „Ein kluges Herz“, „Das Schicksal der Gabriele Stark“, „Die Stimme des Toten“. Kastner spielt, was er ist: den charmant-eleganten Dandy und Bonvivant, meist jungenhaft-verspielt. An der Seite damals bekannter Schauspielerinnen wie  Dorrit Weixler, Mia May und Lotte Neumann steigt Kastner rasch zum Liebling des weiblichen Publikums auf, umschwärmt bei jedem Auftritt in der Öffentlichkeit.

Beim männlichen Publikum kommt das weniger gut an. Als „schöner Bruno“ und „Kleiderständer“ ist Kastner mit seinem blendend weißen Lächeln verschrien, was seinem Erfolg aber keinen Abbruch tut. Auch in Detektivfilmen wie der Joe Deebs-Reihe feiert Kastner Erfolge.

Fritz Lang, der spätere Erschaffer des Kultfilms Metropolis, schreibt Drehbücher für Kastner-Filme. Ein großer Erfolg wird auch „Die Fürstin von Beranien“ mit Stella Harf. Kastner versucht sich zudem selbst als Drehbuchautor und Produzent – gemeinsam mit seiner großen Liebe, der Theaterschauspielerin Ida Wüst. Die beiden heiraten, gründen eine eigene Produktionsfirma und drehen weiter fleißig Filme. Über 100 werden es am Ende sein, in denen Kastner mitgewirkt hat.

Kastner ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens. 1921 wird er von den Zuschauern zum besten Schauspieler Deutschlands gewählt.

Dann geschieht der Unfall und die Tragödie nimmt ihren Lauf

Dann allerdings beginnt der Abstieg. 1923 kommt es zu einem schicksalhaften Unfall. Kastner stürzt mit seinem Motorrad in der Schweiz. Die Verletzungen sind schwerwiegend, manche Biografen berichten, er habe seine Männlichkeit eingebüßt. Seine zweite Ehefrau, Lisl Tirsch-Kastner schreibt in einem Brief an die Redaktion des „Stern“ 1956 von „Leiden, die der Öffentlichkeit nie bekannt geworden sind und auch der besonders gelagerten Körperverletzungen wegen nie bekannt werden durften“.

Ein Jahr ist der Filmstar nach dem Unfall außer Gefecht gesetzt. Seine Ehe mit Ida Wüst zerbricht. Mehrere Operationen folgen. Parallel sinkt Kastners Stern. Die Rollen werden kleiner.

Und das Medium Film wandelt sich. Die Zeit des Stummfilms geht zu Ende. Kastner hat noch einmal Rollen in zwei großen Produktionen, Luther (1927), in dem er den Reichsritter Ulrich von Hutten spielt, und Angst (1928). Hauptrollen sind das allerdings schon nicht mehr.

Den Sprung zum Tonfilm – der auch vielen anderen Stummfilm-Darstellern nicht gelingt – schafft Kastner nicht. Zahlreiche Artikel über ihn verweisen auf einen Sprachfehler. Angeblich stotterte Kastner. Vergeblich habe er nach neuen Rollen gesucht. Doch keiner wollte den alternden Schönling mehr besetzen. Zwei letzte Filmprojekte 1930  fallen in der Kritik durch. „1932 tourte er mit dem Engagement des Künstlernoteinsatzes in kleinen Theatern der Kurbäder. Kaum jemand kannte ihn noch“, schreibt Hans-Joachim Langer in einer Biografie.

Die Tour wird Kastners letzte. Nach einem Auftritt in Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz) nimmt sich Kastner in seinem Hotelzimmer das Leben. Man findet ihn am nächsten Morgen erhängt am Fensterrahmen. Einen Abschiedsbrief hat er angeblich hinterlassen, in dem er von einem verfehlten Beruf spricht.

Kastner, der gescheiterte Schönling, der Stotterer, der es nicht ertragen konnte, von seinen weiblichen Fans nicht mehr vergöttert zu werden. Solche hämischen Nachrufe findet man in den Folgejahren zahlreiche. „Bruno Kastner spielte immer mit dem Herzen eines Casanovas; der schöne Bruno des deutschen Stummfilms galt als der eleganteste aller Stars. Deshalb konnte er es nicht verwinden, dass sein Image nach 1930 vom Alter angekränkelt wurde und man ihm die Rollen verweigerte, die er am liebsten spielte: den Bonvivant in Frack und Zylinder, eine liebenswert unschuldige Künstlerpostkarte für Fans“, heißt es etwa im Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars von 2000.

Betäubungsmittel wegen der ständigen Schmerzen

Doch neu aufgetauchte Briefe seiner zweiten Ehefrau, der Schauspielerin und Kabarettistin Lisl Tirsch-Kastner, werfen ein anderes Licht auf Kastner. In Briefen an Zeitungsredaktionen versuchte sie noch Jahre nach Kastners Tod, dessen Vermächtnis ins rechte Licht zu  rücken. Sie berichtet von „laufenden Nachoperationen“, die Kastner nach seinem Unfall sehr zugesetzt hätten. Er sei auf einem Ohr völlig taub gewesen und habe aufgrund der ständigen Schmerzen Betäubungsmittel nehmen müssen. Dennoch habe er weiter zahlreiche Filmangebote bekommen, die er aber aufgrund seiner Gesundheit nur noch zum Teil wahrnehmen konnte. In seinen späten Filmen habe er dennoch sein Talent bewiesen, als er statt des „lächelnden schönen Kastner“ die Rolle des „bösen und gemeinen Intriganten“ zeigte. Beim Publikum kam das allerdings nicht mehr an.

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