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| 11:59 Uhr

Interview Prof. Sylvia Heilmann
„Solange der Mensch handelt, erzeugt er Brandgefahr.“

Prof. Dr.-Ing. Sylvia Heilmann, Brandschutzexpertin aus Pirna.
Prof. Dr.-Ing. Sylvia Heilmann, Brandschutzexpertin aus Pirna. FOTO: Sylvia Heilmann / Sylvia Heilmann:
Cottbus/Pirna. Prof. Sylvia Heilmann ist Prüfingenieurin für Brandschutz und hat ein Buch zur Entwicklung des Brandschutzes geschrieben. Von Bodo Baumert

Was waren die häufigsten Ursachen, für Stadtbrände?

Sylvia Heilmann: Das Brandrisiko ist untrennbar mit dem menschlichen Leben verbunden. Es hat seinen Ursprung im menschlichen Handeln. Solange der Mensch handelt, erzeugt er Brandgefahren. Für die verheerenden Stadtbrände gibt es zwei Ursachen: Das Feuer war Quelle des Lebens, der Herd Mittelpunkt des Hauses. Die Brandentstehung wurde einerseits durch den Umgang mit offenem Feuer am Herd, in Laternen und im Ofen innerhalb des Hauses und andererseits durch das externe Handwerk bestimmt. Wesentlich war aber die Brandausbreitung durch brennbare Stoffe.

Welche waren das?

Sylvia Heilmann: Neben der Holzkonstruktion der mittelalterlichen Häuser waren die brennbaren Außenwände, die brennbaren Dämmstoffe aus Stroh und Geflecht, vor allem die brennbaren Dachdeckungen, Holzverschläge, Holztüren und Holztreppen sowie entflammbare Feuerstätten Ursache für die rasante Brandausbreitung. So zerstörten die rasant verlaufenden Stadtbrände nicht nur Privateigentum, sondern ruinierten vor allem das Gemeinwesen und vernichteten Produktionsmittel, ohne die ein Stadtaufbau erschwert oder unmöglich wurde.

Wie haben Städte darauf reagiert?

Sylvia Heilmann: Die Reaktion der Menschen auf Feuersbrünste war im Spätmittelalter verschieden. Wo der Klerus, Demut und Verzweiflung der Betroffenen ausnutzend, strikten Gehorsam und uneingeschränkten Gottesglauben einforderte und die Brandkatastrophe als Strafe Gottes für die menschlichen Sünden in das christliche Weltbild einordnete, war es den weltlich-pragmatischen Denkern ein Anliegen, die Vernichtung der städtischen und privaten Ressourcen durch Vorsorge zu verhindern.

Wie geschah das?

Sylvia Heilmann: Die Prävention im Späten Mittelalter umfasste vor allem christliches und magisches Handeln, in der Frühen Neuzeit zunehmend auch weltlich-pragmatisches Handeln und wandelte sich erst in der Moderne zu einem bewusst vorbeugenden Handeln.

Wie muss man sich die Brandbekämpfung in einer mittelalterlichen Stadt vorstellen?

Sylvia Heilmann: Die im Späten Mittelalter üblichen Brandbekämpfungsmaßnahmen sind aufgrund der mangelnden Erkenntnisse über den Verbrennungsvorgang, aufgrund der gelebten Erfahrungs- und Wahrnehmungsbasis der Menschen und aufgrund der praktischen und technischen Möglichkeiten auf bescheidenem Niveau. Wasser ist bis zu Ende des 18. Jahrhundert das einzige Löschmittel, mit dem das Feuer bekämpft wurde. Die einzigen Löschhilfen im Kampf gegen das Feuer waren: Wassergefäß, Hausleiter und Schürhaken. Diese „Feuerlöschhülfen“ waren für die tägliche Hauswirtschaft notwendige Geräte, die aus der Not geboren auch im Brandfall ihren Einsatz fanden. Sie waren keineswegs zweckmäßig, bestenfalls benutzungsfähig.

Ab wann gibt es die ersten organisierten Feuerwehren?

Sylvia Heilmann: Zunächst war es die mittelalterliche Bürgerwehr, deren Aufgaben detailliert in Feuerordnungen beschrieben wurde. Diese Feuerordnungen verpflichteten die Stadtbürger bei gleichzeitiger Strafandrohung zur Brandabwehr. Jeder Handwerker und Bürger bekam die seinen Fähigkeiten oder seinen Möglichkeiten entsprechende Aufgabe zugewiesen. Der Bürgermeister hatte die Befehlsgewalt, die Stadträte koordinierten. Es waren zumeist kostenlose Hilfsdienste, so dass man von einer Hilfsfeuerwehr sprechen kann. Frauen wurden ebenso zur Brandbekämpfung herangezogen wie Männer. Die Qualität und die Motivation der so verpflichteten Bürgerwehr ließen allerdings zunehmend nach, so dass in der Folge ein Belohnsystem (das so genannte Trinckgeld) und Pflichtfeuerwehren eingeführt wurden, um überhaupt noch aktive Brandbekämpfung durchführen zu können. Nachdem aber Moral und Diensteifer der Pflichtfeuerwehr nach anfänglichen Erfolgen nachließen, die Bezahlung nicht auskömmlich war, den Löschhilfen gesellschaftliche Reputation verweigert wurde und schließlich der technische und finanzielle Vorsorgeaufwand für die Städte immer größer wurde und nicht mehr beherrschbar war, begann der Zerfall der bezahlten Pflichtfeuerwehren. So war dann Mitte des 19. Jahrhundert die Zeit reif für die Bildung einer militärisch organisierten, uniformierten und professionellen, öffentlichen Feuerwehr, die meist aus Turnvereinen rekrutiert wurden..

Mit Prof. Sylvia Heilmann
sprach Bodo Baumert

Prof. Sylvia Heilmann ist Prüfingenieurin für Brandschutz und vereidigte Sachverständige für baulichen Brandschutz. An der TU Dresden hat sie einen Lehrauftrag für Brandschutz/Fire Protection. Sie hat sich ausführlich mit der Geschichte der Stadtbrände befasst. mehr zu ihrem Buch „Entwicklung des Brandschutzes in Deutschland vom Späten Mittelalter bis zur Moderne“ finden Sie hier.