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| 18:16 Uhr

Filmfestival Cottbus
In karelischen Wäldern

Der Film „The Eternal Road“ erzählt eine Geschichte um Hoffnung, Utopie und den Schrecken der stalinistischen Diktatur.
Der Film „The Eternal Road“ erzählt eine Geschichte um Hoffnung, Utopie und den Schrecken der stalinistischen Diktatur. FOTO: Eyewell
Cottbus. Antti-Jussi Annila erzählt in „The Eternal Road“ ein lange verschwiegenes, finnisches Trauma. Großes Kino, unnachgiebig erzählt. Von Liesa Hellmann

Finnland 1931: Die Sommeridylle auf dem Hof von Jussi Ketola (Tommy Korpela) wird abrupt gestört. Männer in Anzügen beobachten – gut sichtbar für die Familie Ketola – das Bauernhaus. Die bedrohliche Musik verdeutlicht: Hier wird nichts Gutes geschehen. Mit dieser Eingangsszenerie startet „The Eternal Road“ von Antti-Jussi Annila in eine Geschichte um Hoffnung, Utopie und den Schrecken der stalinistischen Diktatur vor dem Zweiten Weltkrieg.

Kurze Zeit später wird Jussi in der Nacht von finnischen Nationalisten entführt, die ihn für einen Kommunisten halten, und soll in einem Wald an der Grenze zur Sowjetunion ermordet werden. Angeschossen gelingt ihm die Flucht über die Grenze. Dort pflegt man ihn zwar gesund, lässt ihn jedoch nicht zu seiner Familie nach Finnland zurückkehren. Er trifft auf Kallonen (Hannu-Pekka Björkman), einen ehemaligen finnischen Polizisten, der nun für die sowjetische Lokalregierung immigrierende Finnen, von denen es Anfang der 1930er Jahre Tausende gab, überwacht, erpresst und schließlich ermorden lässt. Jussi soll eine kleine Kolchose „Hopea“ überwachen, die von amerikanischen, kanadischen und finnischen Immigranten gegründet wurde. Seine erfolglosen Fluchtversuche ziehen Konsequenzen die Bauerngemeinschaft nach sich, sodass Jussi sich schließlich in sein Schicksal fügt. Er bleibt in Hopea, gründet mit der Witwe Sara (Sidse Babett Knudsen) eine Familie und nimmt bald einen wichtigen Platz in der Gemeinschaft ein.

Hopea ist das Ergebnis des idealistischen Glaubens an eine sozialistische Utopie. Die amerikanischen und finnischen Immigranten sind überzeugt von der Idee, eine gleichberechtigte Gemeinschaft zu gründen, die auf körperlicher Arbeit fußt, vieles teilt und demokratisch entscheidet. Viele solcher Gemeinschaften wurden in den dreißiger Jahren in der Sowjetunion gegründet, tausende Menschen aus aller Welt kamen in das Land, um ihre Ideen von sozialistischen und kommunistischen Gesellschaften zu verwirklichen. Was folgte, wurde lange verschwiegen: Millionen Menschen wurden Opfer des Stalinistischen Terrors. Menschen anderer Nationalität galten per se als Spione, in sogenannten ethnischen „Säuberungen“ werden ganze Gemeinschaften ermordet. Auch Hopea wird 1937 deportiert. In drei Trucks werden die Männer, Frauen und Kinder getrennt abtransportiert. Die Kinder werden in Waisenheime gebracht, ihre Eltern für vorgefertigte „Geständnisse“ gefoltert und schließlich, in einem Nadelwald irgendwo in Karelien einer nach dem anderen erschossen.

Regisseur Antti-Jussi Annila zeigt das schonungslos. Die Schüsse hallen durch die Kammerbühne, in der der Film am Mittwochabend gezeigt wurde, und lassen das Publikum wie die Figuren im Film zusammenzucken. Jussi wird in der sprichwörtlich letzten Sekunde von Kallonen von der Exekution weggezogen, während neben ihm die völlig apathische Sara erschossen wird. Er kommt in ein weiteres Lager, von wo ihm schließlich die Flucht zurück nach Finnland gelingt.

Die Geschichte klingt nach einem Roman und erscheint noch einmal umso schrecklicher, wenn man weiß: Alles ist wahr. Jussi Ketola hat tatsächlich gelebt, hat diese Geschichte überlebt. Der Film basiert auf dem letzten Teil einer Romantrilogie von Antti Tuuri, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat. Die Geschichte der während Stalins Herrschaft in die Sowjetunion immigrierten und in vielen Fällen schließlich dort ermordeten Finnen wurde lange verschwiegen, dann wenig beachtet und wird heute zumindest in Finnland diskutiert und erforscht.

Antti-Jussi Annila gibt ihnen und auch den amerikanischen Einwanderern mit seinem Film ein Gesicht. Er wirft keinen geschönten Blick auf die Ereignisse, blendet erst ab, wenn die Bilder fast unerträglich werden. Manchmal nicht einmal dann. Die Ermordung von Jussis und Saras kleinem Sohn Pauli geschieht so plötzlich, dass ein Wegsehen gar nicht möglich ist. Darum geht es Annila. Diese Geschichte soll erzählt werden, in ihrer ganzen Brutalität. Es geht dem Regisseur und den Drehbuchautoren nicht um Schockmomente und erst recht nicht um Provokation. Sondern darum, so nah an der Wahrheit zu bleiben, wie dies in einem fiktiven Film über eine reale Person eben möglich ist. Dazu gehören das Grauen, die Schreie, das Blut.

Tommy Korpela gibt Jussi Ketola als schweigsamen, innerlich zerrissenen und doch unbeugsamen Menschen, der bis zuletzt an dem Gedanken festhält, zu seiner Familie zurückzukehren. Jussi ist keine Figur, mit der man sich uneingeschränkt identifizieren kann, sondern ein durchaus ambivalenter Charakter. Er gibt dadurch, trotz der Zentrierung auf die Hauptfigur, den Blick auf die anderen Figuren frei. Heraus sticht die Leistung von Hannu-Pekka Björkman, der dem finnischen Opportunisten Kallonen höchst glaubhafte heiter-sadistische Züge verleiht, die den ganzen Irrsinn der stalinistischen Paranoia in seiner Figur zutage treten lassen.

„The Eternal Road“ ist ein aufwendiger Film geworden, der die visuelle Nähe zu amerikanischen Großproduktionen nicht scheut. Das kann kritisieren, wer meint, dass Erzählungen wie diese ihren Platz nur in kleinen Programmkinos haben. Die Macher des Films, so erzählt Produzent Ilkka Matila, wollten aber ein möglichst großes, am besten internationales Publikum erreichen. Das hat „The Eternal Road“ auch unbedingt verdient.

FOTO: LR / Janetzko, Katrin