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| 16:26 Uhr

Kino aus Russland
Filmtrip in den Punk-Rock-Untergrund

Wiktor (Teo Yoo, l.) und Mike  (Roman Bilyk) wollen nicht „nur spielen“.
Wiktor (Teo Yoo, l.) und Mike  (Roman Bilyk) wollen nicht „nur spielen“. FOTO: Hype Film Kinovista
Cottbus. Die Reihe „Russkiy Den“ präsentiert „Leto“ des unter Hausarrest stehenden Regisseurs Kirill Serebrennikow. Von Christina Wessel

Dieser Film nimmt den Zuschauer mit auf einen alkoholschwangeren Trip in die Welt der 80er-Jahre. Ein Universum mit Sprengkraft, zumal Regisseur Kirill Serebrennikow sein Publikum mit dem Musikmärchen „Leto“, Sommer, in den Punk-Untergrund der Sowjetunion versetzt. Eine gefährliche Zeit. Nicht nur für die jungen Wilden, die unter Beobachtung der Funktionäre in den Rockklubs Sankt Petersburgs nur mit List spielen dürfen.

Dabei umrankt diese Produktion eine Leichtigkeit und Nostalgie unter der Patina des Schwarz-Weiß-Films, die so gar nicht zu den  Produktionsbedingungen passen mag. Regisseur Serebrennikow musste unter der Last des Vorwurfs der Veruntreuung von Millionen Euro an dem Projekt arbeiten. Sechs Tage vor Ende der Dreharbeiten in Sankt Petersburg wurde er festgenommen. Unter Hausarrest und mit dem Mobiltelefon als einzige Verbindung zu seinem Team schnitt er die Szenen zu der außergewöhnlich verspielten Produktion.

In der Kraft und Energie seiner Hauptfiguren, den Rockmusikern Mike Naumenko (Roman Bilyk) und Wiktor Zoi (Teo Yoo), liegt die Verheißung einer freien Welt ohne Restriktionen, mit denen sich die jungen Konzertbesucher in diesen Jahren konfrontiert sehen. Während auf den Bühnen Europas und der USA die Sex Pistols, Blondie und David Bowie den Massen jede Hemmung, jede Anpassung nehmen, dienen sie den Rockmusikern im damaligen Leningrad als heimliche Komplizen. Dabei haben es Mike Naumenko und vor allem Wiktor Zoi in der Sowjetunion zu Kult-Rockern gebracht. Ihre wahre Geschichte zählt zu den tragischen Biografien, die sie mit zahlreichen Popgrößen teilen. Ihr Leben wurde eingeholt vom Klischee des kurzen, aber intensiven Rauschs: Beide starben Anfang der 90er-Jahre jung.

Bowie, Blondie und Co. sind in der Kommunalwohnung von Musiker Mike allgegenwärtig: als Cover an der Wand, Tonträger auf dem Plattenspieler und Inspiration für die eigene Musik. Die enthemmte Atmosphäre eines Rockklubs mit wütenden Musikern und trunkenem Publikum bleibt verwehrt. Stattdessen himmeln die Fans ihre Idole unter Beobachtung der Funktionäre wie erstarrt an. Ein vorsichtiges Klatschen, ein leichtes Zucken im Bein und schüchternes Lächeln im Gesicht. Mehr ist nicht drin. Denn sobald ein Plakat mit einem Herz in die Höhe gereckt wird, sind die Aufpasser zur Stelle. Doch die Hinweise auf politische Sanktionen, Restriktionen und Schrecken bleiben im Hintergrund. Sie werden im Film angedeutet: Ein Bandmitglied wird nach Afghanistan eingezogen.

Zentral ist dagegen eine Liebesgeschichte, die zugleich auch eine Reflexion über die Kraft der Freundschaft und Kunst enthält. Denn Mike Naumenko, der mit seiner Band „Aquarium“ lange vor dem jüngeren Wiktor Erfolge feiert, entdeckt das Talent des Nachwuchsmusikers. Er nimmt ihn in seine Familie auf, stellt ihm seine Frau Natascha (Irina Starshenbaum) vor, die bald mehr als Zuneigung für Wiktor empfindet. Daneben verschwindet der Alltag in der Sowjetunion des Kalten Krieges hinter traumähnlichen Sequenzen. Die Mühsal und Entbehrungen der Zeit kleidet er in Comic- und Pop-Elemente der Musikvideos, wie es sie in den 80er-Jahren auf MTV gab. So intonieren etwa die Fahrgäste in einer Straßenbahn-Szene den Iggy-Pop-Klassiker „The Passenger“. Allein der „Skeptiker“ klärt in diesen Sequenzen mit einem Schild auf: „Das hat es nie gegeben“.Mit „Leto“ hat Serebrennikow eine kraftvolle Hymne auf die entfesselnde Energie der Kunst und Jugend vorgelegt. Ein Film, der wie ein Pop-Märchen daherkommt und die Kreativität feiert. Er hatte am Donnerstag seinen deutschen  Kinostart.

Eine Auswahl russischer Filme, die sich auch den aktuellen Problemfeldern der Ukraine und Krimfrage widmen, wird in der Sektion „Russkiy Den“ in Cottbus gezeigt. Produktionen, die aufgrund ihrer Kritik in Russland oftmals ein Schattendasein führen.

„Leto“: Sonntag, 11. November, um 17.30 Uhr im Weltspiegel.

FOTO: LR / Janetzko, Katrin