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| 22:08 Uhr

Porträts des Schlesischen Kohlebergbaus
„Diese Arbeit nicht mehr machen, ist keine Option“

Eine der Protagonistinnen des Films „Die Kohlegrube“ in der Waage der Kohlenwäscherei
Eine der Protagonistinnen des Films „Die Kohlegrube“ in der Waage der Kohlenwäscherei FOTO: ATM Grupa S.A.
Cottbus. Ein einfühlsames Porträt von drei Arbeiterinnen in Polen und eine selbst-gefilmte Dokumentation der letzten Schicht eines tschechischen Arbeiters zeigen den Wert der Arbeit im Bergbau, ohne dessen Härte zu verklären. Von Daniel Roßbach

Kryztyna ist die Krebserkrankung, die sie überlebt hat, deutlich anzusehen. Die Frau hat die Krankheit, von der sie, wie sie sagt, nie geheilt sein wird, zwar überlebt. Doch sie sieht viel älter aus, als ihre 36 Jahre vermuten lassen. Damit ist sie eine der jüngsten Arbeiterinnen in der polnischen Zeche Rydułtowy-Anna. Kryztyna ist eine der drei Protagonistinnen des Films „Die Kohlegrube“ (“Gruba“ im polnischen Original) von Maria Zmarz-Koczanowicz, der drei Frauen bei ihrer Arbeit in der Kohlenwäsche des Bergbaus in der Nähe von Katowice zeigt.

Als ihre Krebserkrankung diagnostiziert wurde, riet ihr der Arzt, sofort aufzuhören, im Bergbau zu arbeiten. Doch „diese Arbeit nicht mehr zu machen, ist keine Option“, entgegnet sie ihm. Diese Einstellung weist auf den zentralen Konflikt in Zmarz-Koczanowiczs Film hin: Die Protagonisten haben schon ökonomisch keine andere Wahl, als in der Zeche zu arbeiten. Und der Bergbau prägt die eigene Kultur und das Leben in dieser Region tief. Der älteste Schacht des Bergwerkes stammt von 1792. „Für eine Dokumentarfilmerin ist es ein sehr reichhaltiger Stoff: Die Menschen stecken in einer Falle“, sagt die Regisseurin.

„Die Kohlegrube“ zeigt sexistische Strukturen plakativ und hintergründig

Die Auswahl der Protagonisten des Dokumentarfilmes, der auf dem Filmfestival Cottbus in einer Reihe zur Region Schlesien lief, verweist aber auf gesellschaftliche Verwerfungen, die über den Strukturwandel der schrumpfenden Kohle-Industrie hinaus gehen. Denn die je eigenen Schicksale der drei Frauen, die Zmarz-Koczanowicz porträtiert, zeugen auch vom Sexismus der Gesellschaft, in der sie leben.

Der Film zeigt das plakativ, wenn er immer wieder die von der Gewerkschaft in Auftrag gegebenen Kalender mit pin-ups in Szene setzt. Und er macht es hintergründig deutlich, wenn klar wird, dass die Frauen für ihre ebenso harte Arbeit sehr viel schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen unter tage. Auch deshalb trug die Filmemacherin, die sich in ihrem bisherigen Schaffen immer wieder mit politisch Unterprivilegierten und Engagierten in Polen befasst hat, die Idee zu einer Dokumentation über die Arbeiterinnen im Bergbau seit Jahrzehnten mit sich, bevor sie schließlich im vergangenen Jahr realisiert wurde.

Ein unauthorisiertes Dokument einer zu Ende gehenden Industrie

Während Zmarz-Koczanowicz ihre Protagonistinnen über ein Jahr begleitet hat, stammt das Filmmaterial, das in „Die Letzte Schicht von Tomáš Hisem“ aus den ersten beiden Stunden eben jener Schicht. Allerdings ist auch der knapp halbstündige Film Teil eines längerfristigen Projekts. In dieser, noch nicht abgeschlossenem, Dokumentation (“New Shift“) zeigt ein Team von Studenten der Filmakademie FAMU in Prag, wie ein Kumpel die Zeche verlässt und zu einem IT-Spezialisten umgeschult wird.

Eine Drehgenehmigung in der Zeche bekamen die jungen Filmemacher dafür aber nicht. Also bot der Held ihres Films an, seine letzte Schicht am vorletzten Betriebstag des Werkes einfach ohne Erlaubnis selbst zu filmen, wie Produzentin Augustina Micková berichtet. Die Betreibergesellschaft des Bergwerkes informierten die Filmemacher erst, bevor der Film auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in Jihlava erstmals öffentlich gezeigt wurde. Dort gewann „Die Letzte Schicht von Tomáš Hisem“ einen Sonderpreis.

Dass er alle Auszeichnungen verdient, verdankt der Film den Aufnahmen, die oft nur von Hisems Grubenlampe ausgeleuchtet werden. Sie transportieren eindrucksvoll die klaustrophobe Enge und umgebende Dunkelheit der Arbeit unter tage, bei der sich die Kumpel allerdings offenbar sehr viel besser orientieren können als das Publikum. Es kann verfolgen, wie der Sicherheitstechniker Hisem und seine Kollegen eine gebrochene Förderkette reparieren und aus großer Nähe erleben, wie sie dabei miteinander umgehen. So entsteht ein lebendiges Bild einer scheidenden Industriekultur.

Für „Tomas Hisem“
Für „Tomas Hisem“ FOTO: LR / Janetzko, Katrin
Für „Kohlegrube“
Für „Kohlegrube“ FOTO: LR / Janetzko, Katrin