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| 15:52 Uhr

Filme aus der Ukraine auf dem FilmFestival Cottbus
„Wir wollten einen Film machen, um den Krieg zu beenden“

Obwohl diese, lang ausgeführte, Abschiedsszene nicht Anastasiia Starozhytska selbst zeigt ist die Filmemacherin in „Der Krieg der Chimäre“ sehr persönlich präsent.
Obwohl diese, lang ausgeführte, Abschiedsszene nicht Anastasiia Starozhytska selbst zeigt ist die Filmemacherin in „Der Krieg der Chimäre“ sehr persönlich präsent. FOTO: Up UA Studio
Cottbus. In der Sektion „Close Up UA“ beim Festival des Osteuropäischen Films zeigen zwei ukrainische Filme, welche Entscheidungen, Traumata und Folgen der Kriegs im Osten des Landes mit sich bringt. Von Daniel Roßbach

„Es geht schlicht um einfache Leute in einem wirklichen Krieg, in dem echte Menschen sterben, ermordet werden.“ So fasst Anastasiia Starozhytska das Thema ihres Films „Krieg der Chimären“ zusammen, bei dem sie und ihre Mutter Mariia Starozhytska Regie geführt haben. Dieser Film erzählt zur Hälfte mit Filmmaterial aus dem Konflikt in der Ostukraine dokumentarisch und fast journalistisch von diesem Krieg. Und er befasst sich zur Hälfte in einer fiktional und fast mystisch überformten Weise mit der Geschichte einer jungen Frau, eines jungen Mannes, ihrer Liebe - und dem Krieg als weiterem Protagonisten. Weil diese junge Frau Anastasiia Starozhytska selbst ist, und es ihr Land ist, in dem dieser Krieg stattfindet, sei es für die Filmemacher unmöglich, eine neutrale oder unbeteiligte Position zum Thema ihres Films einzunehmen, wie die 30-jährige Regisseurin aus Kiev sagt: „Als wir begannen, diesen Film zu machen, dachten wir wirklich, wir machen ihn und irgendwie führt er dazu, dass der Krieg aufhört.“

Entscheidung zum Krieg

Die Frage, sich an diesem Krieg zu beteiligen, oder nicht, steht im Mittelpunkt von Oleksandr Soldatovs Kurzfilm „Kaffee im Kreis“ (Kava po Kolu). Der Reservist Taras soll eingezogen werden. Doch er hat nicht nur die finanziellen Möglichkeiten, sich diesem Ruf durch gut platzierte Bestechung zu entziehen. Sondern neben dem offensichtlichen Hang zur Selbsterhaltung auch eine Frau und Kinder, die er sichtlich liebt, und so auch persönliche Gründe, sich dem Sterben und Töten des Krieges zu verweigern. Dass er sich letztlich, eigentlich schon entlassen, doch entscheidet, sich freiwillig zu melden, lässt Soldatovs Kurzfilm zwar bildlich etwas offen, vor allem aber unerklärt stehen.

Taras, der Protagonist in „Kaffee im Kreis“, scheint sich für den Krieg und gegen seine Familie zu entscheiden.
Taras, der Protagonist in „Kaffee im Kreis“, scheint sich für den Krieg und gegen seine Familie zu entscheiden. FOTO: Letter to Fest Distribution

Den Krieg nicht nur überleben, sondern weiter leben

Die Hoffnung darauf, dass der Krieg aufhört sei notwendig, um weiter zu leben, meint Anastasiia Starozhytska. Was es bedeutet, den Krieg zu erleben, zu überleben und damit weiter zu leben, ist eins der zentralen Themen von „Krieg der Chimären“. Der Film zeigt wie Valera, der junge Mann, der sich nach den Majdan-Protesten 2014 freiwillig meldet, um in einem hastig aufgestellten Miliz-Bataillon zu kämpfen, vor dieser Herausforderung steht. Nachdem er einen Angriff auf sein Bataillon überlebt, bei dem unter anderem sein engster Vertrauter Vadim Antononov stirbt, trennt ihn eine Kluft von Nastja, wie er Anastasiia Starozhytska in dem Film nennt.

„Der Krieg der Chimären“ sollte ein gemeinsames Filmprojekt der beiden sein, um Valeras Kriegserlebnis aus zwei Perspektiven, seiner und ihrer, zu dokumentieren. Der Plan, Material der beiden dazu zu verwenden, scheiterte jedoch an der Realität des Krieges, als Valera die Speicherkarte mit seinen Aufnahmen wegwarf, während er versuchte, von seiner versprengten Einheit zurück nach Kiev zu kommen. Deshalb besteht der Film nun aus Filmmaterial anderer Soldaten in dem „Donbass-Bataillon“, das den Krieg auch aus großer Nähe zeigt, und aus stilisierten Aufnahmen, die Verwerfungen des Krieges symbolisch zeigen.

Unvermeidliche Genre-Überschreitung

So disparat wie diese Quellen ist dann auch die erzählerische Position des Films. Einerseits soll er quasi-journalistische Aufgaben erfüllen und mit Aufnahmen russischer Gefangener, die sich als angehörige regulärer Armee-Einheiten identifizieren, Fakten über den Krieg in der Ukraine dokumentieren. Andererseits bewegt sich der Film auch auf einer sehr persönlichen Ebene und nimmt sich erzählerische und kinematographische Freiheiten, die über das Genre Dokumentation hinaus gehen. Aber vielleicht ist das ganz allgemein in einem Film, der ein so zeitgenössisches und narrativ umkämpftes Sujet behandelt, unvermeidbar. Zumindest ist es das, wenn Protagonisten, Filmemacher und Schicksale so eng aneinander liegen wie in „Krieg der Chimäre“.

Für „Kaffee im Kreis“
Für „Kaffee im Kreis“ FOTO: LR / Janetzko, Katrin
Für „Krieg der Chimäre“
Für „Krieg der Chimäre“ FOTO: LR / Janetzko, Katrin