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| 13:17 Uhr

Filmfestival Cottbus
Kaputtes Auto, kaputtes System

Nicht nur das Auto ist kaputt, das merkt man im Film "Die Delegation" schnell.
Nicht nur das Auto ist kaputt, das merkt man im Film "Die Delegation" schnell. FOTO: Art Film shpk
Cottbus. Mit einem Roadmovie der anderen Art zeigt Bujar Alimanis „Die Delegation“ den politischen Zeitenwechsel in Albanien um 1990.

Ein Auto hält auf einer einsamen Straße irgendwo in den Bergen Albaniens. Der Motor des Wagens raucht beträchtlich, mit Sorgenfalten in seinem Gesicht steigt der Fahrer aus: Weiter wird es hier so schnell nicht gehen, verkündet er seinen drei Mitfahrern. Nicht nur der überzeugte Parteifreund Asllan (Xhevdet Ferri) ist darüber nicht glücklich. Auch Genosse Spiro (Ndriçim Xhepa), ein Politfunktionär, wie er im Buche steht, wird unruhig: Schließlich soll er den regierungskritischen Professor Leo (Viktor Zhusti), seit 15 Jahren Insasse des berüchtigten Gefangenenlagers Spac, pünktlich nach Tirana zu bringen, damit der einen EU-Abgeordneten und alten Studienfreund bei dessen Besuch in Albanien gnädig stimmen kann. Der Erfolg des Treffens könnte schließlich über das Schicksal der alten Machteliten entscheiden.

Nicht nur das Auto ist kaputt, das merkt man im Film "Die Delegation" schnell. Viel mehr wird die Geschichte eines ganzen Staates erzählt, dessen Fassade zwar noch steht, aber längst unaufhaltsam zu bröckeln begonnen hat. Und das vor allem anhand der drei Hauptcharaktere: Sie alle, der politische Gefangene, der regimefreundliche Hardliner und der berechnende Parteifunktionär müssen sich in dieser ungewohnten Lage zurechtfinden, in der alte Hierarchien sich langsam auflösen und ein jeder seine Position neu finden muss. Wie auch in der Realität geschehen wird hier im Kleinen der Konflikt zwischen den Parteien unausweichlich.

Regisseur Bujar Alimani und dem Ende 2015 verstorbenen Drehbuchautor Artan Minarolli ist damit ein spannungsreiches und mitunter sarkastisches Kammerspiel gelungen. Zunächst entwickelt sich die Geschichte gemächlich: Lange wird der Zuschauer wie der Gefangene selbst im Ungewissen gelassen über die Hintergründe der Fahrt. Doch erst dadurch, dass die Motive der Akteure Stück für Stück ans Licht kommen und damit die Atmosphäre vor allem zwischen dem fanatischen Asllan und Leo immer mehr aufladen, entfaltet der Film seine Stärke. Viel mehr als die Dialoge der Hauptpersonen braucht es dafür nicht - mit wohltuend ruhigen Bildern und fast ohne Musik kann der Zuschauer der Handlung folgen. Die einsame Landstraße und die nordalbanische Berglandschaft dienen dabei als stimmige Hintergrundkulisse. Zwischendrin kommt in der Geschichte auch immer wieder Situationskomik zum Vorschein - etwa dann, wenn sie am Zielort Tirana zeigt, wie der auf Propaganda geschulte Staatsapparat kläglich daran scheitert, den vermeintlichen Wohnort des Professors authentisch einzurichten.

Ein wenig Geduld ist nötig, um sich mit dem Film "Die Delegation" vertraut zu machen. Wer diese mitbringt, sieht eine hochkarätige filmische Auseinandersetzung mit einer Zeit, die noch heute in Albanien und vielen anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks nachklingt.

FOTO: LR / Janetzko, Katrin