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| 18:24 Uhr

Reihe „Freund als Feind“
Die Welt des Verräters

Schriftsteller Sascha Anderson war einst eine Art Popstar des subkulturellen DDR-Untergrunds.
Schriftsteller Sascha Anderson war einst eine Art Popstar des subkulturellen DDR-Untergrunds. FOTO: Edition Salzgeber
Cottbus. Dokumentation über Sascha Anderson im Obenkino. Von Lydia Schauff

Ja, Dokus und Filme über die DDR, die Stasi, die Mitarbeiter, die Opfer gibt es zuhauf. Und dennoch ist „Anderson“ sehenswert, weil der Zuschauer diesem „Anderson“ am Ende vielleicht nicht gleich „du Drecksau“ zurufen will. Schriftsteller Sascha Anderson war einst eine Art Popstar des subkulturellen DDR-Untergrunds und ein äußerst auskunftsfreudiger Stasi-Spitzel, von dem all seine Freunde sicher waren: „Ein Stasi-Spitzel? Nein, der doch nicht!“

Doch Sascha war ein Verräter, das ist ab der ersten Minute der Doku – Teil zwei in der „Verräter-Trilogie“ von Annekatrin Hendel – klar. Und die Doku räumt dem Verräter viel Raum ein. Er wird nicht gedrängt, sondern es wird sorgsam nachgefragt: Warum? Und der Verräter erzählt. Und am Ende ist Anderson wie ein Fisch, der einem durch die Hände flutscht. Nicht recht zu fassen. Es ist nicht eindeutig, ob er ein „wirklich Böser“ oder aber nur „böse aus vermeintlich guter Absicht“ war. Auffällig ist aber doch, dass Anderson bei all dem vor allem um sich selbst kreist  und sich damals wohl irgendwie verloren hat, und er relativiert so viel, dass er selbst ein Relativum wird. Ernsthafte Gedanken darüber, wie es den anderen gegangen sein muss, finden nicht statt. Ja, dass dann mal einer kurz in den Knast musste wegen ihm, das war dann halt so. Aber die waren ja alle nicht unschuldig. Und so viel Ärger und ratloses Entsetzen im Zuschauer hochsteigt, am Ende lässt die Doku kein eindeutiges Gefühl zurück. Da mischt sich auch Mitleid hinein, ob Andersons spürbarem Drang, doch unbedingt jemand sein zu wollen. Dazu trägt auch bei, dass seine einstigen verratenen Freunde, die zu Wort kommen, sehr erwachsen, sehr sachlich auf den Verrat blicken. Und zwischendrin ist der Zweifel spürbar, die Frage: Hätten wir es nicht merken müssen?

Dass die Filmemacherin für den Dreh die Küche von Liedermacher Ekkehard Maaß nachbaut und Anderson dann in diese Kulisse setzt, ist ein großartiger Kniff. Da sitzt der Verräter nun also quasi wieder zwischen den gefühlt anwesenden Verratenen. Und wie die Kamera so von oben in die Kulisse filmt, wird der einstige Beobachter zum Beobachteten.

FOTO: LR / Janetzko, Katrin