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| 14:45 Uhr

Politisch wie nie
Die ambivalente Haltung des osteuropäischen Mittelstandes

Cottbus. Das Cottbuser Filmfestival hinterfragt Geschichtsbilder und stemmt sich gegen die zunehmende Polarisierung des politischen Diskurses. Von Peter Blochwitz

Das Cottbuser Filmfestival präsentiert die Vielfalt Osteuropas, hinterfragt Geschichtsbilder und stemmt sich gegen die zunehmende Polarisierung des politischen Diskurses unter dem wachsenden Einfluss des Populismus.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD)sagt in seinem Grußwort zum Festival: „Demokratie, Freiheit und Menschenrechte sind Werte, die das Fundament Europas bilden. Für diese Werte müssen wir uns stark machen und  Populisten und Euroskeptikern entschieden entgegentreten.“

Anknüpfungspunkte, von denen eine politische Diskussion ausgehen kann, prägen das gesamte Festival-Programm, das nach Einschätzung von Programmdirektor Bernd Buder so politisch wie nie ist. Die Filmemacher diskutieren drängende Fragen der Zeit vielstimmig und geben mit ihren Arbeiten Antworten, die manchen überraschen. So reflektieren etwa Filme aus Russland und der Ukraine den Konflikt im Donbass mit ähnlichem Entsetzen über die Eskalationen der militärischen Gewaltspirale. Gerade das ukrainische Kino, dem das Festival die Reihe „Close up UA“ widmet, gehört laut Buder gegenwärtig zu den interessantesten Osteuropas. Zwischen dem Krieg im Osten und der EU-Annäherung im Westen schärfen die ukrainischen Filmemacher mit ganz unterschiedlichen Arbeiten die Diskussion zwischen patriotischer Geschichtsinterpretation  und  zivilgesellschaftlichem Diskurs.

Der skandalöse Fall von Oleg Sentsov steht sinnbildlich für die Probleme der Region: Der ukrainische Regisseur wurde 2014 von der russischen Justiz zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt. Ukrainische Filmschaffende, aber auch Kollegen aus Deutschland sind noch immer schockiert und fordern seine Freilassung. Anna Palenchuk, die Sentsovs Theaterstück „Numbers“ produziert, ist in Cottbus Teil der Internationalen Jury des Wettbewerbs.Auffallend: Sechs der Beiträge im Wettbewerb Spielfilm, also die Hälfte, wurden von Frauen inszeniert. In „Abgelehnt“ etwa reflektiert die kasachische Regisseurin Zhanna Issabayeva  eine brutale patriarchalische Gesellschaft. „Via Carpatia“ von Studentenoscar-Preisträgerin Klara Kochanska aus Polen thematisiert die ambivalente Haltung des osteuropäischen Mittelstandes zur Flüchtlingskrise. Der ungarische Streifen „Ein Tag“ von Zsofia Zsilagyi wiederum dokumentiert den Alltagswahnsinn einer Frau mit drei Kindern und einem Mann, von dem sie sich entfremdet hat. Auch in „Ayka“, „Crystal Swan“ und „Irina“ stehen  Frauenschicksale im Mittelpunkt, und wer diese Filme in geballter Form gesehen hat, freut sich, wenn er kurz ins All entfliehen kann: „Müll auf dem Mars“ von Benjamin Tucek (Tschechien) ist eine Science-Fiction-Komödie – aber natürlich bleiben auch auf anderen Planeten zwischenmenschliche Konflikte nicht aus ...

Zwischenmenschliches in Zeiten des Kalten Kriegen hat der polnische Oscar-Preisträger Pawel Pawlikowski („Ida“) auf die Leinwand gebracht: „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ ist der Festival-Eröffnungsfilm heute Abend im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus. Er legt die Latte sicher schon mal recht hoch.