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| 17:22 Uhr

Filmfestival Cottbus 2018 – Kino aus Osteuropa
Ein Regentropfen ist nicht teilbar

Der Film „Grenzen, Regentropfen“ kreist um drei Generationen einer Familie, die in einem Bergdorf in Bosnien und Herzegowina lebt.
Der Film „Grenzen, Regentropfen“ kreist um drei Generationen einer Familie, die in einem Bergdorf in Bosnien und Herzegowina lebt. FOTO: Balkan Kino
Cottbus. „Grenzen, Regentropfen“ von Nikola Mijović und Vlastimir Sudar wirft einen Blick auf die Auswirkungen von nationalen Grenzen auf die Menschen in der Balkanregion. Die übergeordnete Frage im Film: (Wie) Kann man wieder zusammenfinden? Von Liesa Hellmann

Ein Bergpanorama im Sommer so weit das Auge reicht, am Horizont ist das Meer erahnen, im Vordergrund eine junge Frau im Sommerkleid, die in jede Richtung Fotos macht – diese Szene könnte in eine Romanze passen. Doch dann sagt die ältere Begleiterin der jungen Frau: „Fotografier nicht da rüber, das sind die kroatischen Berge.“ Sie deutet in die entgegengesetzte Richtung: „Hier, das sind schöne Berge.“ Die junge Frau lacht – und knipst weiter. Die Szene ist exemplarisch für den Film „Grenzen, Regentropfen“ von Nikola Mijović und Vlastimir Sudar, der im Rahmen des Cottbuser Filmfestivals am Dienstagabend in der Kammerbühne gezeigt wurde.

Der Film kreist um drei Generationen einer Familie, die in einem Bergdorf in Bosnien und Herzegowina an der Grenze zu Kroatien irgendwann nach dem Jugoslawienkrieg lebt. Jagoda (Kristina Stevović), Philosophiestudentin aus Montenegro, besucht die Familie ihrer Cousins. In der ersten Hälfte des Films steht der Enddreißiger Zdravko (Vahidin Prelić) im Mittelpunkt, der nie geheiratet hat, weil alle gleichaltrigen Dorfbewohnerinnen die Region verlassen haben. Im zweiten Teil des Films folgt die Kamera dem zwölfjährigen Luka (Nedjeljko Neno Milović), der bei den gemeinsamen Großeltern aufwächst. Seine Mutter ist tot, der Vater arbeitet in Amerika und ruft nur zu Zeiten an, wenn Luka schläft. Jagoda knüpft zarte Banden zu beiden Cousins und verbindet beide Geschichten miteinander.

Während die älteste und die jüngste Generation nationalen Rivalitäten verhaftet ist, spielen für Jagoda Grenzziehungen verschiedener Art kaum eine Rolle. Sie verbreitet einen transnationalen Humanismus, der nach und nach auch auf die anderen Figuren übergreift. Schauspielerin Kristina Stevović gelingt es dabei, sowohl zupackend als auch verspielt, in Gegenwart von Zdravko mädchenhaft jung und bei Luka fast mütterlich zu wirken. Dabei strahlt sie eine Selbstsicherheit und Ruhe aus, die ihre Figur zu mehr als einer Vermittlerin macht. Sie erscheint vielmehr als Ankerpunkt, an den ihre Cousins ihre (wieder)entdeckten Träume heften können. Zdravko und Luka verbindet die Einsamkeit. Während der Ältere sich bereits in ihr eingerichtet hat, begegnet sie dem kindlichen Protagonisten in Alpträumen. Jagoda gelingt es nach und nach, die Übermacht der Einsamkeit ins Wanken zu bringen.

Musik und Landschaft sind zwei weitere Hauptfiguren des Films. Zahlreiche Volkslieder untermalen nicht nur die Panorama-Aufnahmen, sondern erzählen, worum es geht: Ob schmachtendes Liebeslied oder klagendes Volkslied, in allen geht es um die künstliche Trennung dessen, was zusammengehört. In den ausgedehnten Landschaftsaufnahmen ist die Ländergrenze zwischen Bosnien und Herzegowina und Kroatien fast unsichtbar. Eine europäische und eine kroatische Fahne markieren sie in wenigen Szenen, in all den anderen, in denen Luka damit beschäftigt ist, einen kroatischen Grenzsoldaten (Robert Budak) zu ärgern, ergibt sie sich einzig aus der Situation. Das Gestein, die Gräser, der Himmel sind auf beiden Seiten völlig gleich.

Die Künstlichkeit von nationalen Grenzen aufzuzeigen, ist ein zentrales Anliegen des Films. In den ersten Einstellungen des Films dominiert die Spaltsymbolik: Auf einer Baustelle wird ein Balken entzwei gesägt, ein Stein mit einem Meißel auseinander geschlagen. Einzig im Bild einer Betonmischmaschine wird deutlich, dass manches unteilbar ist. Die Doppelthematik aus Grenze und Unteilbarkeit spiegele sich im Titel des Films, „Grenzen, Regentropfen“, sagt Vlastimir Sudar, der bei der Vorführung in der Kammerbühne anwesend war. Die Grenze sei für die Menschen in der Balkanregion eine zum Teil unüberwindbare Realität. Einen Regentropfen aber könne man nicht teilen.

„Grenzen, Regentropfen“ ist ein Film bar jeder Hektik, der ohne viel Handlung auskommt. Die Tage fließen ineinander, sodass der Zuschauer schnell die zeitliche Orientierung verliert, was kein Manko ist, da Zeit auch für die Figuren kaum eine Rolle spielt. Allerdings gibt es Längen, ausgelöst durch ähnliche oder gar gleiche Kamerafahrten, sodass vor allem die eigentlich großartigen Landschaftsaufnahmen ihre Kraft durch die Wiederholung verlieren. Trotz der hintergründigen Thematik des Jugoslawienkriegs ist „Grenzen, Regentropfen“ kein schwerer oder erdrückender Film.

Vor allem Kristina Stevović schafft es, eine Leichtigkeit auszudrücken, die sich auf die Zuschauer überträgt. An so mancher Stelle lacht das Publikum wissend, etwa wenn es um Zdravkos Schwärmerei für Katarina Witt geht. Einige wenige Szenen wirken allerdings, als wären sie einzig für den humoristischen Effekt im Film: So sieht man Jagodas Großmutter den Computerspielerklassiker Snake aus den Neunziger Jahren auf einem ebenso alten Handy spielen – das bringt zwar das Publikum zum Lachen, trägt aber nicht weiter zur Handlung oder zur Atmosphäre bei. Nikola Mijović und Vlastimir Sudar verzichten angenehmerweise in ihrem Film auf Schuldzuweisungen oder Parteinahmen jedweder Art. Im Mittelpunkt stehen die Verständigung und das Zueinanderfinden über nationale Grenzen hinweg. „Grenzen, Regentropfen“ ist ein Film mit einem wichtigen Anliegen, der sich manchmal ein wenig in seinen Szenen verliert.

FOTO: LR / Janetzko, Katrin