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| 19:50 Uhr

28. Cottbuser Filmfestival
Zwischen kasachischer Provinz und Mars

Ab 6. und bis 11. November stehen das Gebäude des Cottbuser Staatstheaters und die Stadt Cottbus wieder unter dem Stern des Filmfestivals. Zum 28. Mal lädt das Festival des osteuropäischen Films in die Stadt in der Lausitz. Thema diesmal: „Cottbus baut Brücken.“
Ab 6. und bis 11. November stehen das Gebäude des Cottbuser Staatstheaters und die Stadt Cottbus wieder unter dem Stern des Filmfestivals. Zum 28. Mal lädt das Festival des osteuropäischen Films in die Stadt in der Lausitz. Thema diesmal: „Cottbus baut Brücken.“ FOTO: dpa / Patrick Pleul
Cottbus. Insgesamt 220 Filme wird das Filmfestival Cottbus in diesem Jahr vorstellen, so viele wie noch nie. Und es ist nach eigener Einschätzung so politisch wie noch nie.

Das Cottbuser Filmfestival ist und bleibt nicht nur eine Präsentations-Plattform für den osteuropäischen Film, sondern auch eine Plattform der Diskussion. „Wer miteinander spricht, beginnt das eben noch Fremde zu verstehen“, sagt Bernd Buder, Programmdirektor des Filmfestivals Cottbus. Und: „Eine der ganz großen Stärken des osteuropäischen Films ist es, zwischen den Zeilen zu diskutieren, gesellschaftliche Gewissheiten infrage zu stellen und in neue Zusammenhänge zu bringen. Das greifen wir in unseren Kinos auf, sie sind ein öffentlicher Raum, wo Meinungsvielfalt jenseits der eigenen Filterblase erfahrbar wird.“

Die Festivalmacher verweisen darauf, dass das Programm in diesem Jahr so politisch wie nie sei. „Es erzeugt Neugierde auf das Fremde. Hier werden Vorurteile wegdiskutiert, hier wird auf Augenhöhe über Ähnlichkeiten und Unterschiede aus Ost und West geredet. Von der mazedonisch-griechischen Grenze über die kasachische Provinz bis auf dem Mars werden existenzielle zwischenmenschliche Geschichten verhandelt.“

Besonders im Blickpunkt stehen die zwölf Beiträge im Wettbewerb Spielfilm, die Stimmungen und Tendenzen in Osteuropa regelrecht seismografisch aufnehmen. Mit Spannung erwartet wird dabei „Jumpman“, der neue Film des erst 29-jährigen Russen Ivan I. Tverdovskij. Er hat mit „Zoologie“ 2016 und „Lenas Klasse“ 2014 den Hauptpreis in Cottbus gewonnen. In „Jumpman“ verhandelt Tverdovskij die Beugung des russischen Rechtssystems.

In der mazedonischen Populismus-Farce „Das Jahr des Affen“ (Regie: Vladimir Blaževski) flüchtet ein Affe aus dem Zoo. Das Tier wird zum Liebling der Bevölkerung und zum Symbol, mal der albanischen, mal der mazedonisch-slawischen Bevölkerungsgruppe. Sergey Dvortsevoys „Ayka“ (Russland) widmet sich dem Schicksal einer illegalen Migrantin, „Via Carpatia“ der polnischen Studentenoscar-Preisträgerin Klara Kochanska reflektiert die ambivalente Haltung des mitteleuropäischen Mittelstandes zur Flüchtlingskrise.

Auch jenseits des Spielfilm-Wettbewerbs gibt es zahlreiche Ansatzpunkte zur politischen Diskussion. Filme aus Russland und der Ukraine reflektieren den Konflikt im Donbass. Dem ukrainischen Kino widmet das Festival die Reihe „Close up UA“. Zwischen dem Krieg im Osten und der EU-Annäherung im Westen schärfen die ukrainischen Filmemacher die Diskussion.

Nicht minder interessante Perspektiven offenbaren die Beiträge im deutsch-polnisch-tschechischen U18-Wettbewerb Jugendfilm. Robert Glinski, Bruder des derzeitigen polnischen Kultusministers Piotr Glinski, legt mit „Sei wachsam“ eine Metapher auf die rechtspopulistische Regierung Polens vor. Esther Niemeier erörtert in „Tracing Addai“, einem der deutschen Beiträge, warum der Islamische Staat für Jugendliche so anziehend ist und welche bittere Enttäuschung sie vor Ort erwartet.

Historisch und politisch gleichermaßen interessant, da beängstigend aktuell, werden doch vielerorts wieder Ängste und Misstrauen in Privat- und Berufsleben geschürt: die Festival-Reihe „Freund als Feind“. Sie geht der Frage nach, wie totalitäre politische Systeme Menschen zum Verrat an ihren Liebsten treiben.

Mit „Regio Silesia“ erkundet das Festival Oberschlesien. Also eine Region, die – wie die Lausitz – mit dem Ende des Bergbaus umgehen und neue ökonomische Perspektiven finden muss. Der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch in seinem Festival-Grußwort: „Für mich war und bleibt es wichtig, dass das blaue Band des Filmfestivals durch Cottbus/Chósebuz nicht, wie bei anderen Festivals, auf den roten Teppich der Show führt, sondern auf den blauen Teppich der Verständigung des europäischen Ostens bis hin zum Austausch über lokale und regionale Herausforderungen.“

 Für neue Ein-und Ausblicke in die Lausitz will die Reihe „Heimat/Dowownja/Domizna“ sorgen. „Die Sektion folgt in jedem Jahr einer Art Leitmotiv. Nach Industrie, Muttersprache und Tradition ist es in diesem Jahr der Strukturwandel, der in der Lausitz allgegenwärtig ist“, erläutert Kuratorin Grit Lemke. Mit dem Blick auf die Geschichte der Kärntner Slowenen greift das Festival zudem ein geschichtliches Thema auf, das auch für die Lausitz von großem Belang ist. Es geht um das Schicksal einer ethnischen Minderheit während des Nationalsozialismus.

Es werden insgesamt 220 Filme aus 45 Ländern zu sehen sein. Festival-Geschäftsführer Andreas Stein: „Obwohl wir nicht auf Rekordjagd gehen, das sind so viele Filme wie noch nie.“ Darunter acht Europa- und zehn Weltpremieren. Eine davon ist die RBB-Märchenverfilmung „Die Galoschen des Glücks“, die am 11. November in der Stadthalle Cottbus zu sehen ist. Das Märchen nach Motiven von Hans Christian Andersen läuft im Weihnachtsprogramm 2018 im Ersten.

Eröffnungsfilm des Festivals ist „Cold War – Breitengrad der Liebe“. Regisseur Paweł Pawlikowski erzählt eine von der Lebensgeschichte seiner Eltern beeinflusste Geschichte während des Kalten Krieges. Dafür gewann er bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes den Preis für die Beste Regie. Mit dem Streifen „Ida“ war Pawlikowski 2015 der erste polnische Filmschaffende, der den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film gewann.