Es war einmal . . . eine ungezogene Göre, die einen gewaltigen Affentanz aufführt, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf sich zu ziehen - die in stummem Tanz unter der Wäscheleine erstmal alle Hände voll zu tun hat. Und dann auch noch die alte Großmutter besuchen! In dem Aufzug, mit roter Mütze! "Wann sprechen die endlich?", will der genervte Achtjährige an der Seite der Rezensentin wissen. Weil im Zweifelsfall natürlich genau das gemacht wird, was Mama sagt, wird der Bengel im Publikum zur Ruhe ermahnt und das Gör auf der Bühne wie ein störrischer Esel in die Spur gebracht, sprich: samt Kuchen und Wein Richtung Großmutter geschoben. Vielstimmiges Glucksen im Zuschauerraum verrät: Man kennt das. Und spätestens jetzt "hat" sie sie. Gut und Böse hinterfragenChoreografin Golde Grunske hatte schon seit einigen Jahren die Idee, ein Märchen in Tanz zu übersetzen. Dass sie sich dafür "Rotkäppchen" aussucht, habe sich eher so ergeben, sagt sie. Die Rollenverteilung von Gut und Böse zu hinterfragen - das fand sie spannend. In Deutschland kennen wir Rotkäppchen hauptsächlich in der Grimmschen Fassung, doch gehört es zu den am häufigsten interpretierten Märchen überhaupt: die Geschichte von dem kleinen naiven Mädchen, das vom Wolf hinters Licht geführt und schließlich gefressen wird . . . Die Nazis haben sich des Stoffes bedient, Comedians und Feministinnen, fast immer hatte die Interpretation mit Sexualität zu tun. Das Märchen hat sich mit dem Aufstieg des Bürgertums und der Emanzipation der Frau verändert. Ein ihrer selbst sehr bewusstes Rotkäppchen dürfen wir nun auf der piccolo-Bühne erleben. Mit Liebe zur Pointe inszeniert Golde Grunske ein fröhlich-freches Märchen für ebensolche Kinder. Mit vier Tänzerinnen und fantastischen szenischen Einfällen schafft sie Räume für Märchenrezeption anno 2010. Licht markiert Rotkäppchens Weg durch den Wald. Die Wäscheleine vom Anfang findet ihre Fortsetzung in Drahtseilen an der Decke, die die sparsame Dekoration tragen: grün changierende Tüllstreifen mit Tänzerbeinen - mehr braucht es nicht, um uns "Wald" zu erzählen. Großmutters Häuschen ist eine schlichte Leinenbahn, der verbrecherische Rest ein Schattenriss: Plötzlich fliegt ein Häubchen, dann Federn. "Der hat die Großmutter gefressen, ha ha!", so der - gar nicht mehr frustrierte - Achtjährige neben mir. Der Wolf macht ein Bäuerchen, den Bäumen werden die Knie weich. Der herbeigeeilte Jäger zwitschert den Grauburgunder, der bei der Oma nie ankam. In des Jäger-Meisters Rausch wechselt die Musik von Saint-Saëns zu Till Brönner . . . und zu dessen Jazzbesen skandieren nun selbst die zartesten Kinder: "Erschieß ihn!". Großmutter imponiert mit Kara te posen, und der Wolf wird mit einem Tritt in den Hintern von der Bühne befördert. Ein Spaß auch für Ungeübte Ein kurzweiliger Tanz- und Theaterspaß, auch für Ungeübte. Nur dass der Wolf irgendwie doch aussieht wie zuvor Rotkäppchens Mutter. Das bleibt ein Fall für Hobbypsychologen.