Von André Bochow

Fast genau ein Jahr nach Ausbruch der aktuellen Ebola-Krise im Kongo hatte jetzt der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf erneut schlechte Nachrichten zu verkünden. Tedros Adhanom Ghebreyesus sprach unter anderem über einen Ebola-Toten in Goma, einer Zwei-Millionen-Stadt an der Grenze zu Ruanda. Goma, im Osten der Demokratischen Republik Kongo, gilt als Tor zum Rest des riesigen Landes. „Der Mann, ein Pastor“, so der aus Äthiopien stammende Generalsekretär, „suchte ein Gesundheitszentrum auf, wo bei ihm Ebola diagnostiziert wurde“. Kurz darauf starb der Mann. Einige Tage später gab es einen weiteren Todesfall im Nachbarland Uganda. Für Tedros bedeutet das „eine besorgniserregende geografische Expansion des Virus“.

Dass die WHO nun die höchste mögliche Alarmstufe für eine ansteckende Krankheit ausgerufen hat, ist eine Reaktion darauf, dass die Epidemie bislang nicht zu stoppen war. Dabei sind die Voraussetzungen dafür viel besser als bei der Ebola-Krise von 2014 bis 2016 in Westafrika, der 11 000 Menschen zum Opfer fielen. 150 000 Menschen im Osten der Demokratischen Republik Kongo wurden seit dem neuerlichen Ebola-Ausbruch geimpft. Obwohl die zwei eingesetzten Impfstoffe offiziell noch nicht zugelassen sind, hat die WHO ihren Einsatz befürwortet. 97 Prozent der Geimpften erkrankten nicht. Und mittlerweile gibt es wirkungsvolle Medikamente. 70 von 100 Infizierten überleben, wenn sie rechtzeitig mit diesen Medikamenten behandelt werden. Ohne die Behandlung sterben 70 Prozent der Betroffenen. Es fehlt im Kongo grundsätzlich auch nicht an internationaler Unterstützung. „Ärzte ohne Grenzen“ sind vor Ort, das christliche Hilfswerk „Medair“, die „Welthungerhilfe“ und viele andere Organisationen. Das Bundesentwicklungsministerium hat auf Bitten der ugandischen Regierung gerade ein Experten-Team geschickt. Und die Weltbank hat gerade zugesichert, weitere 300 Millionen US-Dollar für den Kampf gegen Ebola zur Verfügung zu stellen. Auch die EU hat die Ebola-Mittel gerade aufgestockt. Darüber hinaus attestiert die WHO der kongolesischen Regierung „außerordentliche Transparenz“. Die Verantwortlichen in Kinshasa „tun alles, was sie können“, so der WHO-Chef. Es gehe darum, „der internationalen Ausbreitung der Krankheit vorzubeugen“.

Geld allein wird aber nicht helfen. Dass Ebola sich weiter ausbreiten kann, liegt in erster Linie an den extremen politischen und sozialen Verhältnissen im Ost-Kongo. Warlords, Milizen und Kriminelle kämpfen um Macht und Rohstoffe. Immer wieder flüchten Hunderttausende vor den bewaffneten Konflikten und kampieren oft für lange Zeit im Freien. Vergewaltigungen als Kriegsmittel sind nach wie vor an der Tagesordnung. Fast 200 Mal wurden Ebola-Helfer angegriffen. Sieben Helfer kamen dabei ums Leben. Hinzu kommen Gerüchte, Misstrauen der Menschen gegenüber allem, was nach staatlichen Behörden aussieht. Und oft sind die Wege zum nächsten Krankenhaus zu weit oder zu gefährlich.

Trotz allem hält auch die WHO die Wahrscheinlichkeit der Ausbreitung von Ebola weit über die kongolesischen Grenzen hinaus, für gering. Dass Ebola Europa erreicht, ist erst recht unwahrscheinlich. Unmöglich ist es nicht. Auch bei einem geringen Risiko sollten alle Beteiligten vorbereitet sein“, heißt es dazu aus dem Robert-Koch-Institut (RKI), das für solche Fälle zuständig ist. Ende Juni wurde ein neues WHO-Kooperationszentrum in Berlin eröffnet. „Krankheitserreger können sich in einer globalisierten Welt rasch ausbreiten, erklärte aus diesem Anlass RKI-Präsident Lothar H. Wieler. „Daher ist Zusammenarbeit in Netzwerken für den globalen Gesundheitsschutz unverzichtbar. Wie ernst man mögliche Gefahren nimmt, zeigt auch das 47 Seiten starke „Rahmenkonzept Ebolafieber“, das 2014 als Reaktion auf die damalige Krise erarbeitet und zuletzt im März dieses Jahres aktualisiert wurde.

Im Konzept ist detailliert beschrieben, wie Ebola entsteht, wie es übertragen wird, aber vor allem, wer welche Aufgaben hat, falls die Krankheit doch den Weg nach Deutschland findet.

„Das Rahmenkonzept Ebola ist auch Blaupause für andere virale hämorraghische Fieber (schwere infektiöse Fiebererkrankungen, die mit Blutungen einhergehen) wie Lassa oder Krim-Kongo und könnte bei Bedarf auch an andere Erreger angepasst werden“, sagt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher. Im Falle eines Falles stünden in Deutschland sieben Sonderisolierstationen zur Verfügung.

Dauerhafte Entwarnung wird es bei Ebola übrigens nie geben können, weil Ebola-Viren nicht nur beim Menschen vorkommen, sondern auch bei Tieren. „Es ist aber wichtig“, so Glasmacher, „dass bei jedem Ausbruch das aus dem Tierreservoir auf den Menschen übergesprungene Virus gänzlich aus der menschlichen Bevölkerung zu entfernen. Sonst käme es ständig zu Ausbrüchen und Erkrankungen.“