München/Mainz. Die Deutschen brutzeln, nähen, hämmern und gärtnern wieder. Galten selbst gestrickte Socken oder zu Hause fabriziertes Quittengelee lange Zeit als altbacken und spießig, ist Selbermachen heute angesagt wie nie. So zeigt eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos, dass fast drei Viertel der Deutschen zu Bohrer, Akkuschrauber und Wasserwaage greifen.

Do-it-yourself als Gegentrend zur Konsumgesellschaft ausgemacht. Wer mit den eigenen Händen etwas schafft, bekomme einen riesigen Selbstbewusstseins-Schub. „Dieser Trend ist die zwangsläufige Gegenentwicklung zur Konsumgesellschaft“, erklärt die Buchautorin Susanne Klingner aus München. Sie hat im Selbstversuch ein Jahr lang Brot gebacken, Kartoffeln angebaut, Lavendel-Olivenölseife gemischt und sogar Schuhe geschustert. Ihr persönliches Hochgefühl: „Meine Schuhe machen mich immer noch stolz, und mein Brot wird wie verrückt nachgebacken.“ Klinger ist überzeugt: „Überhaupt macht Selbermachen glücklich.“ Sie ist der Meinung, dass Gleichgesinnte, auch als Ökos bezeichnet, früher vielleicht mal belächelt wurden, doch inzwischen sei diese Lebenseinstellung cool. „Menschen, die kreativ sind oder versuchen, etwas selber zu schaffen, sind meistens arg mit sich im Reinen.“ Dem stimmt Prof. Jörg Mehlhorn, Vorsitzender der Gesellschaft für Kreativität in Mainz, zu: „Wer die in sich schlummernde Kreativität weckt, entfaltet seine Persönlichkeit, erfährt tiefe Befriedigung und damit automatisch Glückszustände.“

Volkshochschulkurse, Strickcafés, Bücher und Internet als Helfer. Behilflich bei dieser Glückstherapie können neben Kursen in Volkshochschulen oder Strickcafés auch Bücher und vor allem das Internet sein. „Meine Anleitung zum Sockenstricken kommt aus dem Netz“, erzählt Klingner.

Vieles lässt sich auch gut vermarkten und bringt Zuverdienst. Die neue Do-it-yourself-Coolness will jeder zeigen – und man kann sogar Profit daraus schlagen: Auf Jahrmärkten und Flohmärkten verkaufen normale Bürger ihr Selbstgezimmertes oder -gekochtes. Auch im Netz gibt es Dutzende Möglichkeiten, mit anderen Selbermachern zusammen das Produzierte an den Mann zu bringen. „Mit dem verstaubten Image kratziger Socken haben die neuen Selbstmachprodukte nichts mehr zu tun. Verantwortungsbewusster Konsum, Spaß und Kreativität stehen im Vordergrund“, sagt Claudia Helming, Gründerin des Selbermachportals Da-Wanda mit rund 1,5 Millionen registrierten Nutzern. „Immer mehr Menschen erkennen zudem die Chance, dass sie durch ihr kreatives Talent auch einen Zuverdienst erhalten können.“

Ideenbörsen unter Gleichgesinnten. Entsprechende Internetportale sind aber auch noch mehr: Dort werden neue Ideen diskutiert, Schnittmuster ausgetauscht, und Gleichgesinnte verabreden sich. Eine Selbermacherin im Netz ist Brit Bradt aus dem westfälischen Ibbenbüren. Die dreifache Mutter hat viele Jahre vor allem für Familie und Freunde gemalt, geplant und genäht. „Jetzt freue ich mich, dass ich meine Ideen mit anderen teilen und nebenbei ein paar Euro verdienen kann.“

Beim Selbermachen könne sie sich ausleben: „Wenn ich am Ende ein fertiges Bild, einen Kissenbezug oder einen Filzeierbecher in den Händen halte, und ich mich komplett auf eine Sache konzentriere, macht mich das glücklich.“

Der erste Schritt ist gar nicht schwer. Der Anfang zum Selbermachen ist leicht. Buchautorin Susanne Klingner wichtigster Tipp für das von Mitmachern genannte „Do-it-yourself“ oder kurz DIY: „Probier einfach aus, was du am tollsten findest. Dann such' dir einen VHS-Kurs oder schau erst mal ins Internet, ob es Anregungen gibt. Jeder kann etwas selber machen.“ Man greift einfach zur Stricknadel, holt eine Säge oder Staffelei hervor oder nimmt einfach nur die Bastelschere der Kinder in die Hand. Auch ein Einkauf auf dem Markt im Frühjahr kann inspirieren: Obst kaufen und Marmelade für die ganze Familie produzieren.

„Ich denke, dass Selbstmachen mehr ist als ein Trend. Es ist Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels“, sagt Susanne Klingner. Ein großer Unterschied zu früheren Zeiten sei: „Selbst gemachte Dinge sind nicht länger eine Lebensnotwendigkeit. Heute kann jeder für sich entscheiden, ob er oder sie etwas mit den eigenen Händen schaffen möchte oder doch lieber in den Supermarkt geht.“