Während die 37 000-Einwohner-Stadt Hoyerswerda am frühen Ostermorgen noch schläft, ist das nur fünf Kilometer entfernte Elsterstädtchen Wittichenau mit seinen knapp 6000 Seelen schon längst auf den Beinen.

Aus allen Richtungen strömen die Menschen zur katholischen Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt. Doch hektisch ist es nicht. Im Gegenteil: Die Menschen wirken entspannt, voller Erwartung auf das Kommende.

Wenig später ist es soweit. Auf die Sekunde genau ertönt um fünf Uhr in der Kirche das Lied "Nun ist erfüllet, nun ist vollbracht". Viele verspüren eine Gänsehaut, andere können Tränen der Rührung kaum verbergen, so erhaben künden die Verse von der Auferstehung des Herrn.

Reiter in schwarzen Fräcken

Das Gotteshaus ist brechend voll. Eine Nadel würde kaum Platz finden, um zu Boden zu fallen. Im Mittelschiff sitzen gut 400 Reiter in schwarzen Fräcken. Sie kommen nicht nur aus Wittichenau, sondern ebenso aus den Dörfern, die zum Kirchspiel gehören. Kreuzreiter-Jubilare werden geehrt. Zehn sind es in diesem Jahr, drei reiten bereits zum 50. Mal mit.

Während der Predigt ist die Rede von "schwarz, breit und stark". "Schwarz" stehe für das Profil der Reiter, erkennbar an ihrem Anzug, "breit" stelle die Vielfalt der verschiedensten Charaktere dar, die sich zu einer Prozession zusammenfinden, und "stark" beschreibe die Kraft, um die Auferstehung zu verkünden.

René Kubaink (39) steigt seit 26 Jahren am Ostersonntag aufs Pferd, sein Bruder Roland (50) seit 37 Jahren. Die beiden Wittichenauer sind Kreuzreiter mit Leib und Seele. "Für mich persönlich ist Ostern der Höhepunkt des Jahres.

Dieses Gefühl, dieser Stolz, die Botschaft der Auferstehung zu verkünden, verleiht mir unendlich viel Kraft", sagt René Kubaink, der sich bei der Stadtverwaltung Königsbrück um die Liegenschaften kümmert.

Bruder Roland, im Berufsleben als Taxifahrer in Hoyerswerda tätig, erinnert sich, dass er während seiner Armeezeit sogar ein Weihnachtsfest freiwillig in der Kaserne verbracht hat, nur um Ostern reiten zu können.

Sechs Pferde versorgen

Inzwischen ist die Frühmesse vorüber. Die Kreuzreiter eilen zu den heimischen Gehöften. Schließlich wartet noch jede Menge Arbeit. Bei Familie Kubaink geht es zuerst in den Stall. Dort wollen sechs Pferde versorgt werden. Neben den beiden Rössern für das Brüderpaar stehen dort vier weitere Tiere für befreundete und verwandte Reiter. Drei der Pferde stammen von einem Reiterhof bei Calau, drei gehören René Mertens aus Goßmar unweit von Luckau. Der 44-Jährige lässt es sich nicht nehmen, zu helfen. "Schöne Warmblüter, zwischen acht und zwölf Jahre alt.

Das beste Reitalter", sagt der Hobby-Landwirt. Mertens verleiht seine Pferde seit nunmehr fast 20 Jahren an die Kubainks. Stets waren die Wittichenauer mit seinen Rössern zufrieden. Ostern 2012 ist es nicht anders. Die Tiere werden gefüttert. "Heu und Hafer aus eigenem Anbau", erklärt René Kubaink stolz. Dann wird gefrühstückt.

Gerhard Kubaink, der Vater des Brüderpaares, stößt hinzu. Nur zu gern würde er in diesem Jahr mitreiten. Es wäre bereits das 48. Mal. Doch er ist gesundheitlich angeschlagen, dieses Jahr steigt er nicht aufs Pferd. "Mein großer Traum ist es, die 50 zu schaffen", sagt der 73-Jährige.

Bei Wind und Wetter war Gerhard Kubaink am Ostersonntag auf dem Pferderücken in die Nachbargemeinde Ralbitz unterwegs. Nie ist ein Ritt ausgefallen. "Wäre jemals ein Wittichenauer Bürgermeister auf die Idee gekommen, diesen Brauch zu verbieten, die Leute hätten ihn wahrscheinlich gelyncht. Egal, was geschieht: Es wird geritten", spricht der 73-Jährige mit Nachdruck.

Vaterunser für Ross und Reiter

Schließlich ist es soweit: Die sechs Pferde stehen auf Kubainks Hof. Mutter Elisabeth spricht das Vaterunser und zu jedem Reiter "In Gottes Namen, komm gesund wieder". Dann geht es hoch zu Ross zur Kirche. Die Kubaink-Brüder und ihre Freunde reihen sich in die Prozession ein. Bald ertönen die ersten Gesänge. Der Tross aus weit über 400 Reitern und Pferden setzt sich in Bewegung. Ziel ist das zwölf Kilometer entfernte Ralbitz. Auch dort wird die Osterbotschaft verkündet. Wieder ein bewegender Augenblick. Am Ende des Tages kehren Reiter und Pferde wohlbehalten heim nach Wittichenau.

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