Joachim Haar, wie kommen Sie als Sehbehinderter derzeit mit den großen Baustellen in Cottbus zurecht?

Es ist gut, dass in der Bahnhofstraße endlich etwas passiert. Aber derzeit kann ich die Wege entlang der Baustelle nicht allein bewältigen, da brauche ich immer eine Begleitung. Ich bin aber sehr gespannt, wie die Straße nach dem Ausbau aussehen wird. Wir als Blinden- und Sehbehinderten-Verband sind in der Planungsphase nicht einbezogen worden und haben erst über die Zeitung von den Vorhaben erfahren. Ich hoffe sehr, dass auch wir die Straße genießen können.

Mit den Kreisverkehren haben Sie Ihre Schwierigkeiten - warum?

In einem Kreisverkehr können wir als Fußgänger akustisch nicht unterscheiden, ob ein Auto in den Kreisel einfährt oder aus ihm herausfährt. Zum Glück liegen sie eher in den äußeren Stadtbereichen, wo wir zu Fuß kaum unterwegs sind. Problematisch sind auch die zunehmend abgesenkten Bordsteine. Wir spüren dann nicht, dass der Fußweg endet und die Straße beginnt.

Werden Sie nicht einbezogen?

Leider immer zu spät. Im Behindertenbeirat dürfen wir nicht mitarbeiten. Ich bin dafür bekannt, dass ich es immer etwas eilig habe, nicht locker lasse. Aber auch Blinde und Sehbehinderte sollen in einer Stadt alles nutzen können. Mit den Rollstuhlfahrern sind wir uns beispielsweise einig: Eine drei Zentimeter hohe Kante würde uns blinden Menschen die wichtige Grenze andeuten und zugleich niedrig genug sein, um von Rollstuhlfahrern problemlos überwunden zu werden. Ach, die Planer neuer Kreuzungen und Straßen müssten mal mit verbundenen Augen durch die Stadt geschickt werden. Dann würden sie merken, wie hilflos man oft ist.

Von welchen Städten muss Cottbus lernen?

Von Potsdam oder von Bonn. Dort gibt es an den Straßen- beziehungsweise U-Bahn-Haltestellen unter den Anzeigen, die die nächsten Bahnen ankündigen, einen Knopf. Drückt ich den, werden mir die nächsten Bahnen angesagt. In Potsdam versteht man die Worte schlecht, in Bonn ist es optimal gelöst. Hier in Cottbus bin ich von diesen Informationen ausgeschlossen. Ich freue mich über Senioren oder die Schulkinder, die sich laut zurufen, welche Bahn jetzt kommt. Ein großer Fehler ist aus unserer Sicht auch, die schwarzen Nummern der Straßenbahnen jetzt farbig unterlegen lassen zu wollen, nur weil es dann bunter in der Stadt wird. Der Kontrast schwarzer Zahlen auf weißem Grund hat sich bewährt. Menschen, die Farben nicht gut unterscheiden können, werden bei Schwarz-Orange Probleme haben, die Nummer zu erkennen.

Gibt es Hoffnung?

Wir arbeiten gut mit der BTU Cottbus zusammen. Junge Studenten befassen sich mit unserer Situation, entwickeln Konzepte zu einzelnen Bauvorhaben. Wir sprechen mit ihnen darüber, und so lernen sie rechtzeitig, an uns zu denken. Das macht mir Hoffnung für die Zukunft. 27 000 bis 29 000 Menschen erblinden jährlich in Deutschland. Wir werden älter. Häufigster Grund für die Erblindung ist inzwischen die verschließende Netzhaut. Hinzu kommen der Grüne und der graue Star und Diabetes, was auch zu einer Verschlechterung der Sehkraft führen kann.

In der neuen Geschäftsstelle des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes in der Straße der Jugend 114 haben Sie sich gut eingelebt. Die Verkehrsanbindung stimmt, die blau-weißen Säulen an der Haustür lassen sich auch für Sehbehinderte finden. Der Zugang ist barrierefrei. Jetzt wollen Sie zudem eine Beratungsstelle für Sehbehinderte einrichten. Wie schaffen Sie das?

Nicht allein. Wir eröffnen und tragen die Beratungsstelle gemeinsam mit dem Verein des Behindertenwerkes Spremberg. Wir wollen zu Sehbehinderungen beraten, egal, ob ihre Ursache im Nervensystem, im Gehirn oder im Auge zu finden ist. Den Leuten helfen, Behandlungen, Therapien, Förderungen, Betreuung und Pflege zu finden, sie im Dialog mit Behörden, Institutionen und Rehabilitationsträger unterstützen und natürlich auch auf das Leistungsangebot des BSVB und des Spremberger Behindertenwerkes hinweisen. Die Beratungsstelle darf als Außenstelle des BWS verstanden werden. Wir arbeiten aber auch unter anderem mit dem Carl-Thiem-Klinikum, niedergelassenen Augenärzten, Optikermeistern, der Deutschen Rentenversicherung, der Agentur für Arbeit und dem Landesamt für Soziales und Versorgung zusammen.

Noch ist der Herbst schön, aber fürchten Sie schon den Winter?

Der Winter ist die Jahreszeit, in der ich es vermeide, zu Fuß zu gehen. Sturm und Schnee verschlucken viel von dem, was wir hören müssen, um uns orientieren zu können. Der Weg zu meiner Haltestelle in Schmellwitz ist dann lebensgefährlich - weil dort so gut wie nie Schnee geschoben wird.

Zum Thema:

HintergrundAls Auftakt der Woche des Sehens hat der BSVB am Freitag, 7. Oktober, zu einem Patientenforum ins Radisson Blu Hotel, Vetschauer Straße 12, in Cottbus eingeladen. Von 13.45 bis 16 Uhr geht um Retinitis Pigmentose und moderne moderne Methoden, Sehbehinderungen und Blindheit, die dieses Krankheit auslöst, zu vermeiden. Dr. Heike Petersen, Augenärztin in der Schweiz, spricht zu diesem Thema. Zugleich läuft am 7. Oktober von 10 bis 18 Uhr und am 8. Oktober von 9 bis 11.30 Uhr eine Ausstellung zu modernsten Sehhilfen im Radisson. Die Teilnahmegebühr kostet 10 Euro - sichert aber auch Kaffee und Kuchen.