Gerade zum Mauerfalljubiläum wird wieder viel über die Ursachen reflektiert. Wie ist Ihre Meinung?
Ich glaube, dass Musik, Mode, freie Kunst einen großen Anteil an der Untergrabung des Systems im Osten hatten.

Sie haben sich selbst als Schleuser der Westkultur verstanden?
Seit ich das erste Mal nach Ostberlin rüber fuhr, hatte ich den Drang, den Kids im Osten die Musik zu bringen, die sie vom Westen kannten, aber nicht offiziell hören durften. Mein Gedanke war: Wenn sie nicht in den Westen dürfen, um ihre Lieblingsmusiker zu hören, bringen wir eben die Musik zu ihnen. Also habe ich Kassetten und Bands zu ihnen rüber gebracht.

Die Toten Hosen?
Wir haben zwei illegale Konzerte mit ihnen organisiert, einmal 1983 in der Erlöserkirche in Rummelsburg und eines 1988 auf einem Kirchengelände in der Pankower Hoffnungskirche. Heute sind Geheimkonzerte ja reines Marketing, damals waren sie ein sehr riskantes Abenteuer.

Da müssen Sie doch schnell bei der Stasi auf dem Kieker gewesen sein?!
Klar, die hatten mich relativ schnell im Visier, weil ich Kontakt zu vielen Punkkids hatte und einige von denen wohl auch IMs waren. Das Wort Underground bedeutete für die Stasi nicht Musik, sondern politisch und subversiv.

Trotzdem durften Sie 1989 beim DDR-Staatslabel Amiga das Debütalbum der Indie-Band Die Vision produzieren. Wie ging das?
Ich habe nur einen Teil meiner Stasi-Akte bis 1987 gesehen, aber ich vermute mal, dass die Stasi unter Kontrolle haben wollte, was ich so treibe. Lieber ließen sie mich offiziell eine Platte produzieren, als irgendwelche subversiven Sachen veranstalten. Vielleicht dachten die sogar, ich sei ein Westagent. Ich war jedenfalls der erste und einzige Westproduzent bei Amiga, worüber ich mich hinterher auch gewundert habe. Die Band Die Vision wolle unbedingt mich als Produzenten für ihre Platte, die sie sogar auf Englisch einsingen durften. Ich musste dann zum Amiga-Büro, um alles zu regeln, Studiozeiten, die Bezahlung. War übrigens in Ostmark. Der Amiga-Chef hat nur einmal Hallo zu mir gesagt, war schon alles etwas komisch.

Und dann sind Sie im Herbst 1989 zwischen Ost- und Westberlin gependelt?
Ich hatte ein Arbeitsvisum für die DDR und wohnte oft im Osten bei Freunden. Ich bin nicht jeden Tag hin und her gefahren. Das Studio in der Brunnenstraße war übrigens großartig, ganz altmodisches Ambiente, und der Tonmeister war ein absoluter Meister seines Fachs. Andererseits ging es in den zwei Monaten sehr DDR-mäßig zu. Weil die anderen Musikproduzenten im Studio gern früh nach Hause wollten, haben sie mit mir ihre Schichten getauscht, sodass ich am Ende immer die Spätschichten hatte und oft bis in die Nacht weiterarbeiten konnte. Die LP "Torture" wurde die letzte Albumproduktion der "alten" DDR. Wenige Tage vor dem Mauerfall waren wir fertig, am 2. November 1989. Abgemischt wurde sie im Westen und im Februar 1990 herausgebracht.

Nach dem Mauerfall haben Sie schnell die Chance ergriffen, das gesetzliche Niemandsland im Osten zu beackern?
Im Dezember 1990 habe ich das Label Masterminded For Success (MFS) gegründet, um jungen Musikern vor allem aus dem Osten die Möglichkeit zu geben, elek tronische Dancemusic zu veröffentlichen. Das Label war eine Kooperation mit den Amiga-Leuten. Aber die wussten von Techno und dergleichen gar nichts. Also habe ich das Label selbst aufgebaut, wobei ich die Infrastruktur des Amiga-Nachfolgers Deutsche Schallplatte nutzen konnte, das Büro, das Studio, das Presswerk. Als ich das Label MFS nannte, sind die Ostler allerdings ausgeflippt, weil es die gängige Abkürzung für "Ministerium für Staatssicherheit" war. Ich fand das total passend und schrieb auf meine Poster "MFS. Wir sind zurück". Sozusagen von einem Terrororgan zum nächsten. Jetzt ist Technoterror. Hat ja auch geklappt. Auf MFS und seinen Sublabels veröffentlichten wir Künstler wie Cosmic Baby, Dr. Motte und Paul van Dyk.

Mit Mark Reeder sprach

Gunnar Leue