Nach seinen Angaben produzieren 37 von etwa 100 deutschen Damenoberbekleidungsunternehmen Mode für Kräftige. "Das ist die breite Reaktion des Angebotsweges auf eine breite Nachfrage", meint Rasch, dessen Verband nach eigenen Angaben die deutsche Modeindustrie repräsentiert.
Bei welcher Größe fängt die "große Mode" an? "Wir haben für uns definiert: ab Größe 44", sagt Isabell Wüstenhaus vom Fachgeschäft "Ingrid's Mode für Mollige" in Oppenheim bei Mainz. Nach ihrer Darstellung gibt es inzwischen eine große Auswahl. Während es vor gut zwei Jahrzehnten nur "ganz wenige Anbieter" für große Größen gegeben habe, könne man nun "aus dem Vollen schöpfen". "Wir haben täglich Anfragen von Firmen", berichtet Wüstenhaus. Nach Raschs Darstellung reagierte vor allem die Damenmode auf die gewachsenen Bedürfnisse - für Herren habe es große Angebote immer gegeben, sagt er.
Beide Geschlechter haben in Deutschland zunehmend mehr zu verhüllen: 58 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen bringen zu viel auf die Waage, berichtete das Statistische Bundesamt im Juni. Der Anteil der Übergewichtigen ist damit bei beiden Geschlechtern im Vergleich zu 1999 um zwei Prozentpunkte gestiegen. "Es schlägt sich in der Nachfrage nieder, dass die Bevölkerung kräftiger wird", sagt die Chefin der auf Mode für Mollige spezialisierten Firma Lebek International Fashion GmbH & Co., Barbara Lebek (Bad Marienberg).
Die Entwicklung größerer Kleider ist nicht einfach. Es reiche nicht aus, überall zwei Zentimeter dranzusetzen, sagt Rasch. Von der Überschreitung einer gewissen Größe an müsse man neu "gradieren", sonst verliere das größere Kleidungsstück seine Proportionen und werde ein "Sack". "Gradieren" ist das schrittweise Ableiten anderer Größen von einer Ausgangsgröße. Dadurch ändern sich zwar die Verhältnisse, das Gesamtbild bleibt aber erhalten.
Schon bei "normalen" Größen kann der Kunde Überraschungen erleben, denn die Firmen legen sie nach Raschs Angaben individuell fest. Zwar gebe es eine Norm, aber die sei nicht verbindlich, erklärt er. Dies könne dazu führen, dass zwei Hersteller von Sportbekleidung auf einer Katalogseite Kleider der Größe XL anböten, die sich de facto um acht Konfektionsgrößen unterschieden. "Der Versandhandel leidet extrem unter diesem Problem." Denn 30 bis 50 Prozent der verschickten Ware passten nicht. Um eine "verlässliche Norm" zu erhalten, wolle die Branche nun 11 000 bis 12 000 Menschen "vermessen" lassen.
Die Firma Lebek geht bei der Anpassung der Größen einen pragmatischen Weg. "Wir ziehen zu jeder Saison die ganzen Größen komplett an und schauen: Was müssen wir verändern, modernisieren", erklärt Barbara Lebek, deren Firma jährlich drei Millionen Kleider produziert. "Wir passen unsere Schnitte den Bedürfnissen an."
Dafür schlüpfen Mitarbeiterinnen in Jacken, Blusen, Röcke und Hosen. Die Firma orientiert sich dabei auch an Reihenmessungen, die die auf Textilien spezialisierten Hohensteiner Institute aus dem baden-württembergischen Bönnigheim erstellen. Geachtet wird unter anderem auf Länge, Hüften, Taille und Oberschenkel. "Bei der Oberarmweite muss man auch aufpassen, die wächst auch mit", sagt Lebek, deren Durchschnittskundin 55 alt ist.
Nach Wüstenhaus' Darstellung wird die Mode auch verstärkt vom Versandhandel sowie von Kaufhäusern angeboten. Ihrer Beobachtung nach werde bei der Kleidung derzeit aber "erheblich gespart". Dabei sei richtige Kleidung für Kräftige wichtiger als für Schlanke - "da kann auch noch ein Kartoffelsack relativ gut aussehen".