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| 02:41 Uhr

Sicher durch die Dunkelheit

Wer nachts alleine unterwegs ist, hat oft ein mulmiges Gefühl. Die Hotline des Heimwegtelefons soll für Sicherheit sorgen. Freiwillige sitzen hinter der Leitung und begleiten Anrufer nach Hause.
Wer nachts alleine unterwegs ist, hat oft ein mulmiges Gefühl. Die Hotline des Heimwegtelefons soll für Sicherheit sorgen. Freiwillige sitzen hinter der Leitung und begleiten Anrufer nach Hause. FOTO: dpa
Wochenende ist Partyzeit. Gefeiert wird oft bis tief in die Nacht. Doch gerade für junge Frauen kann der Nachhauseweg unangenehm sein, ganz allein im Dunkeln. Beim Heimwegtelefon finden sie Hilfe. Katharina Klasen

Berlin. Samstagnacht. In den kleinen Gassen abseits der Discos herrscht Stille. Es ist dunkel, und der Heimweg scheint plötzlich unendlich weit. Dann ist da noch dieses mulmige Gefühl: die Angst vor einem Überfall.

Anabell Schuchhardt (29) aus Hamburg und Frances Berger (31) aus Berlin kennen diese Situation nur zu gut. Sie haben sich aber vorgenommen, der Unsicherheit den Kampf anzusagen, und riefen dazu das Heimwegtelefon ins Leben. Das Konzept ist einfach: Wer sich am Wochenende auf dem Heimweg unwohl fühlt, wendet sich an die Hotline. Dort sitzen Freiwillige, die über Telefon und Internet den Anrufer nach Hause begleiten.

Gefühl der Sicherheit

Das Projekt verfolgt zwei Ziele: Einerseits vermittelt die Person am anderen Ende der Leitung ein Gefühl der Sicherheit. Andererseits sollen potenzielle Täter dadurch abgeschreckt werden, dass ein Übergriff nicht unbemerkt bliebe. "Im Notfall können wir direkt reagieren und die Polizei verständigen. Unser Vorteil ist, dass wir genau wissen, wo sich die Person zuletzt befunden hat", erklärt Schuchhardt. Bisher sei noch nichts passiert.

Am 20. Dezember 2013 fiel der Startschuss für die zweiwöchige Testphase in Berlin. Da diese auf positive Resonanz stieß, beschlossen die Freundinnen am 4. Januar, das Projekt auf ganz Deutschland auszuweiten. Seitdem können Nachtschwärmer freitags und samstags zwischen 22 Uhr und 2 Uhr die Nummer 030 12074182 wählen.

Zu Beginn des Telefonats teilt der Anrufer seinen aktuellen Standort und sein Ziel mit. Parallel dazu rufen die Mitarbeiter des Heimwegtelefons Google Maps auf, um den Anrufer zu lokalisieren. Unterwegs wird über Hobbys und Alltägliches geplaudert und in regelmäßigen Abständen der aktuelle Standort abgefragt. Ein Telefonat dauert meist zwischen zehn und 20 Minuten, der Anruf kostet so viel wie ein normaler Anruf ins Festnetz.

Agieren von zu Hause aus

Vorbild des Heimwegtelefons ist der Telefondienst Nattknappen in Schweden, der direkt bei der Polizei angesiedelt ist. In Deutschland besteht noch keine Kooperation mit Polizeibehörden. Schuchhardt, Berger und ihre fünf freiwilligen Helferinnen agieren von zu Hause aus. Ein Call-Center-Programm ermöglicht die unkomplizierte Anruf-Entgegennahme. Aufgrund der Software und Google Maps ist es egal, wo die Ehrenamtlichen sich befinden. So kann Berger auch von Berlin aus den Heimweg einer Anruferin aus München betreuen. Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, hält die Initiative für ambitioniert. Er gibt jedoch zu bedenken, dass bei etwa 75 Prozent der Sexualdelikte zumindest eine flüchtige Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer besteht. Erfahrungsgemäß suchen sich Angreifer ihre Opfer gezielt aus und würden sich daher nicht durch ein Telefonat von ihrem Vorhaben abbringen lassen. Schmidt rät, in Begleitung den Heimweg anzutreten oder ein Taxi zu nehmen. Kritisch sieht er auch, dass Notrufe zuerst bei der falschen Dienststelle landen, wenn in München ein Notfall eintritt und Berger in Berlin die 110 wählt. Natürlich werde der Vorfall an die Kollegen in München weitergeleitet, doch dabei gingen wertvolle Minuten verloren. Schuchhardt wendet ein, dass der Notfall ohne das Heimwegtelefon nicht so schnell bemerkt werde.

Positive Resonanz

In sozialen Netzwerken stößt das Projekt auf Begeisterung. Seit Dezember rufen pro Nacht rund zehn Personen an. Insgesamt nutzten bisher etwa 150 Personen das Angebot. Über 100 Freiwillige aus ganz Deutschland haben schon Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit bekundet. Sobald ein breites Helfernetz aufgebaut ist, sollen die Telefonzeiten ausgeweitet werden. Denn vielen Nachtschwärmern ist 2 Uhr zu früh, um den Heimweg anzutreten.

heimwegtelefon.de