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| 03:05 Uhr

Disco statt Parken – Warten auf den Flughafen

Noch herrscht Stille am Terminal des neuen Flughafens Berlin Brandenburg Airport "Willy Brandt" in Schönefeld. Zum Ärger vieler Unternehmer.
Noch herrscht Stille am Terminal des neuen Flughafens Berlin Brandenburg Airport "Willy Brandt" in Schönefeld. Zum Ärger vieler Unternehmer. FOTO: dpa
Schönefeld/Königs Wusterhausen. Die Region um den zukünftigen Flughafen Berlin-Brandenburg ist startklar – doch das Zugpferd lahmt. Parkplätze für Reisende bleiben leer, Taxi-Fahrer buhlen um vereinzelte Kunden, Gewerbegebiete weisen große Lücken auf. Marion van der Kraats / dpa

Unkraut wuchert im steinigen Untergrund. Wenige Autos verlieren sich auf dem riesigen Areal an der A10 bei Wildau (Dahme-Spreewald). Am Kassenhäuschen sind die Rollläden runtergelassen, die Toiletten sind verschlossen. Beim benachbarten Imbiss stärken sich Bauarbeiter bei Currywurst und Bier. Demnächst könnte hier noch ein Disco-Zelt zum Tanz locken. "Ich muss Lösungen für eine Zwischennutzung finden", sagt McParking-Geschäftsführer Kai Rixrath. Sein Unternehmen bietet europaweit günstige Parkplätze mit Shuttleservice zum Flughafen an. Auch der neue Hauptstadtflughafen sollte nicht fehlen - doch der lässt auf sich warten.

"Schadenersatzansprüche kann ich nicht stellen", sagt Rixrath. Etwa 3000 Autos hätten Platz auf dem rund 135 000 Quadratmeter großen Platz - doch wann Reisende sie hier abstellen, ist derzeit völlig offen. Neben Investitionskosten schlagen Unterhaltungskosten zu Buche - ohne dass Geld in die Kasse fließt. Da ist Kreativität gefragt. "Ich habe mich inzwischen so eingestellt, dass ich total flexibel bin", sagt Rixrath. Denn Prognosen, wann der neue Flughafen öffnen wird, traut der Unternehmer nicht mehr. Doch trotzdem hält er am Standort fest: "Man muss das langfristig sehen. Der Flughafen wird der Region einen Riesenaufschwung geben", sagt Rixrath voller Überzeugung.

Taxi-Unternehmer Michael Firyn ist weniger optimistisch. Etwa 250 Taxen haben die Behörden mit Blick auf die Eröffnung vom neuen Flughafen für den Landkreis Dahme-Spree zugelassen - nun buhlen die insgesamt rund 350 Fahrer um die wenigen Kunden am alten Flughafen Schönefeld. "Viele Kollegen stehen drei bis vier Stunden rum, bis sie eine Fahrt bekommen", berichtet der Vorsitzende der Taxi-Union Königs Wusterhausen. 80 bis 140 Euro seien täglich maximal drin für die Fahrer. "Da arbeiten viele Fahrer fast rund um die Uhr, um über die Runden zu kommen", so Firyn. "Wir können nur abwarten, wann der Flughafen endlich öffnet."

Rund 460 Arbeitsplätze sind laut Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB) 2012 nicht wie geplant im unmittelbaren Flughafenumfeld entstanden. Die Pläne der Unternehmen seien aber nur aufgeschoben. Abgesprungen sei bislang niemand.

"Im Moment ist meine Arbeit davon geprägt, dass ich den Investoren immer wieder Mut mache", berichtet Udo Haase (parteilos), seit zehn Jahren Bürgermeister in Schönefeld. Wie wohl keine andere hat sich seine Kommune im Speckgürtel Berlins auf den neuen Flughafen eingelassen: Vierspurig führen neue Straßen zum Rathaus-Neubau, der überdimensioniert wirkt - obwohl die Gemeinde von einst 5200 (1991) auf 14 000 Einwohner gewachsen ist.

Der Etat der Gemeinde liegt derzeit bei etwa 80 Millionen Euro - 2003 waren es knapp 33 Millionen Euro. Die Gewerbesteuer sprudelt zwar wegen der Ansiedlung von etwa 1900 Unternehmen. 56 Millionen Euro waren für 2013 veranschlagt, berichtet Haase. Wegen des Flughafen-Debakels würden wohl aber lediglich 45 Millionen Euro ins Stadtsäckel fließen.

Moderne Gebäude wie ein Schwimmbad und eine Feuerwache stechen ins Auge. Weitere Schulen und Kitas sind entstanden, seit eineinhalb Jahren gibt es ein Gymnasium. "Das ist Eltern bei der Suche nach dem Wohnort wichtig", sagt Haase. 400 Eigenheime sollen entstehen, die ersten 72 werden gebaut. "Da ist Bewegung drin - aber noch nicht der Durchbruch", so der Kommunalpolitiker.

Teuer zu stehen kommt Schönefeld das Flughafen-Desaster beim neuen S-Bahnhof, an dem der Zug bislang durchfährt: Etwa 4,5 Millionen Euro hat die Kommune investiert. "Der Bahnhof muss bewacht werden und wird nicht besser mit den Jahren, außerdem laufen für Geräte die Garantien ab", sagt Haase ärgerlich.

Trotzdem ist sein Glaube an das Projekt unerschütterlich: Wenn der Flughafen offen ist, ist er ein Selbstläufer", meint Haase. Der Bürgermeister ist selbst flugzeugvernarrt. Die Wände im Flur vor seinem Dienstzimmer sind voll mit Fotos von historischen Maschinen. Der Kommunalpolitiker - selbst ein Mann klarer Worte - setzt auf den neuen Berliner Flughafenchef Hartmut Mehdorn. "Auch wenn sein Ruf umstritten ist: Er erledigt die Dinge immer", betont Haase. Bestätigt sieht er sich durch die Eröffnung eines Cargo Centers am 3. Juli: "Ich sehe das als positives Zeichen, das Mehdorn ganz bewusst jetzt setzt", so Haase. "Das zeigt: Jetzt geht es los."

Auch die Händler scheinen den Glauben nicht verloren zu haben: "Es gibt noch genug Unternehmen, die ins neue Terminal reinwollen", berichtet Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Nach dem Schock über die mehrfache Verschiebung des Flughafens hätten sich die meisten Unternehmer arrangiert. "Es gab nur ein paar, die aus den Verträgen rauswollten. Die meisten halten am Standort fest", so Busch-Petersen. Für den Airport seien die Absagen kein Problem: "Die Nachmieter stehen Schlange."

Die zuständige Industrie- und Handelskammer in Cottbus beschreibt die Stimmung ähnlich. "Natürlich hat die Entwicklung in der Region einen Dämpfer bekommen", sagt Sprecher Nils Ohl. "Aber die Unternehmen haben sich mit der Situation arrangiert." Die IHK hatte Betrieben, die durch die Verschiebungen in der Existenz bedroht sind, Unterstützung zugesagt. "Konkret haben sich sechs gemeldet", berichtet Ohl. Für sie seien in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Hausbanken und der Förderbank KfW Lösungen gefunden worden.

Für die Region selbst sei der Schaden nicht so groß, meint Chef-Wirtschaftsförderer Gerhard Janßen im wenige Kilometer vom Flughafen entfernten Wildau. Schönefeld und der Landkreis Dahme-Spree hätten durchaus mehr zu bieten. "Der Flughafen ist nicht in die Wüste gebaut worden", betont der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung des Kreises. Er verweist auf gute Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsdaten. Seit 2005 gebe es jährlich etwa 1000 Beschäftigte mehr. Im Sommer 2012 hatten knapp 54 400 Menschen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, so Janßen. Der Imageschaden durch das Flughafen-Debakel sei jedoch immens - und nachhaltig. "Die Verunsicherung im Markt ist enorm", ergänzt Janßen. "Bis sich das Image wieder dreht, wird es eine Zeit brauchen. Im Moment verlässt sich niemand mehr auf mündliche Angaben." Nach dem Desaster werde der erhoffte Schub nicht gleich mit der Eröffnung kommen, meint er. "Die werden erst mal alle schauen, was wird das für ein Flughafen: Hat der ein größeres internationales Angebot und läuft das dort auch wirklich."

Zum Thema:
Hartmut Mehdorn führt drei Flughäfen - zwei davon sind in Betrieb: der innenstadtnahe Flughafen Tegel und der frühere DDR-Zentralflughafen im brandenburgischen Schönefeld. Seit März ist er Geschäftsführer des neuen Hauptstadtflughafens.Der BER wird gebaut für 27 Millionen Passagiere, kann aber auf 45 Millionen erweitert werden. Technikprobleme, Bau- und Brandschutzmängel und Fehlplanungen verhinderten bereits vier Eröffnungstermine. Ursprünglich sollte der BER bereits 2011 eröffnet werden. Eine Teileröffnung im Dezember 2013 ist möglich. Die geplanten Gesamtkosten des Projekts wurden bei Baubeginn im Jahr 2006 auf etwa 2 Milliarden Euro geschätzt und sind mittlerweile auf rund 4,3 Milliarden Euro gestiegen.

Warten auf die BER-Eröffnung: Unternehmer Kai Rixrath von der Firma McParking auf einem leeren Autostellplatz in Königs Wusterhausen. Hier sollen bald Autos der Flugreisenden stehen.
Warten auf die BER-Eröffnung: Unternehmer Kai Rixrath von der Firma McParking auf einem leeren Autostellplatz in Königs Wusterhausen. Hier sollen bald Autos der Flugreisenden stehen. FOTO: dpa