| 17:13 Uhr

Parkinson beginnt bereits lange bevor den Bewegungsstörungen

Sie bewegen sich wie in Zeitlupe, eckig und steif. Sie zittern, gehen gebeugt und mit kleinen Schritten, sind manchmal völlig erstarrt. Ihre Mimik wirkt seltsam verzerrt, das Sprechen undeutlich. Für Menschen mit Parkinson sind solche Bewegungsstörungen eine enorme Belastung – körperlich und seelisch. Am Lesertelefon anlässlich des diesjährigen Welt-Parkinson-Tages drehte sich alles um die Behandlung der für die Krankheit typischen motorischen Störungen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

Beginnt Parkinson erst, wenn Bewegungsstörungen auftreten?

Dr. Pantea Pape: Nein. Motorische Symptome treten erst auf, wenn bereits mehr als 60 Prozent der Nervenzellen untergegangen sind, die in einem Teil des Gehirns den Botenstoff Dopamin bilden. Den ersten Bewegungsstörungen gehen allerdings nicht-motorische Symptome voraus - häufig um mehr als fünf Jahre. Deshalb ist die möglichst frühe Diagnose von Parkinson so wichtig.

Was sind frühe Anzeichen von Parkinson?

Dr. Pape: Solche, bei denen man zunächst gar nicht an Parkinson denken würde. Dazu zählen schmerzhafte Muskelverspannungen, Verstopfung oder eine Störung des Geruchsinns. Häufig kommt es zu Beginn auch zu Schlafstörungen - die Betroffenen rudern mit den Armen, schlagen um sich und sprechen im Schlaf. Erste motorische Veränderungen kann man am Schriftbild erkennen: Die Buchstaben werden beim Schreiben immer kleiner und unleserlicher.

Ich bin Anfang Siebzig und meine beiden Hände zittern seit ein paar Jahren stark. Kann das Parkinson sein?

Dr. Pape: Charakteristisch für das Zittern bei Parkinson ist, dass es einseitig beginnt und eine Seite immer stärker betroffen ist als die Andere. Bei einem beidseitigen Zittern, das unabhängig von Medikamenten auftritt, handelt es sich meist um einen so genannten essenziellen Tremor, der mit dem Ruhetremor bei Parkinson-Patienten nichts zu tun hat.

Welche Bewegungsstörungen treten typischerweise zuerst auf?

Prof. Dr. Rüdiger Hilker-Roggendorf: Die ersten motorischen Parkinson-Symptome sind typischerweise eine gestörte Feinmotorik einer Hand oder das beschriebene Händezittern in Ruhestellung. Häufig schwingt ein Arm beim freien Gehen nicht so gut mit wie derjenige der Gegenseite. Auch die Körperhaltung kann etwas gebeugt sein. Zudem ist die die Gesichtsmimik oft vermindert und wirkt maskenhaft.

Was löst die Bewegungsstörungen aus?

Prof. Hilker-Roggendorf: Die Ursache der Bewegungsstörungen ist der Untergang von Nervenzellen in der sogenannten Schwarzen Substanz des Gehirns, der Substantia nigra. Hier finden sich vor allem Nervenzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren und über diesen mit anderen Nervenzellen in Kontakt treten. Fehlt Dopamin in zunehmendem Maße, wird die Steuerung von Körperbewegungen im Gehirn gestört. Die Folge sind die für Parkinson typischen motorischen Störungen.

Wie werden die Bewegungsstörungen behandelt?

Prof. Hilker-Roggendorf: Die wichtigste Behandlungsmaßnahme bei Parkinson-Patienten ist die regelmäßige Einnahme von Medikamenten. Diese ersetzen entweder direkt den Botenstoff Dopamin oder ahmen seine Wirkung im Gehirn nach. Andere Wirkstoffgruppen zielen darauf ab, den Abbau von Dopamin im Gehirn zu hemmen, damit insgesamt mehr Botenstoff über einen längeren Zeitraum zur Verfügung steht. Begleitend sind sogenannte aktivierende Behandlungen sinnvoll, also regelmäßiges und zielführendes körperliches Training, zum Beispiel in Form von Physiotherapie.

Lässt die Wirkung der Medikamente mit den Jahren nach?

Prof. Dr. Wolfgang Greulich: Einzelne Parkinson-Medikamente, die die Vorstufe von Dopamin enthalten, lassen im Laufe der Jahre in ihrer Wirkdauer nach, so dass sie häufiger am Tag eingenommen werden müssen. Dieses Problem lässt sich aber durch eine entsprechende Dosiserhöhung oder durch die Einnahme zusätzlicher Medikamente gut lösen.

Ich werde seit gut einem Jahr wegen Parkinson behandelt, aber die Medikamente zeigen kaum Wirkung…

Prof. Greulich: Zunächst sollte in einem solchen Fall überprüft werden, ob die bisherige medikamentöse Behandlung und die Dosierung richtig sind. Wenn die verordneten Medikamente dann immer noch keine Wirkung zeigen, dann kann dies unter Umständen ein Hinweis auf ein atypisches Parkinsonsyndrom sein. Bei einem atypischen Parkinsonsyndrom sind Therapien wie Krankengymnastik und Ergotherapie hilfreicher als Medikamente.

Mein Arzt sagt, für L-Dopa sei es bei mir noch zu früh. Stimmt das und welche Alternativen gibt es?

Prof. Greulich: Sicher ist L-Dopa die am stärksten wirksame Substanz in der Parkinsontherapie. Wenn diese jedoch in jungen Jahren in hohen Dosen alleine zum Einsatz kommt, können nach vier bis fünf Jahren zusätzliche Probleme wie Hyperkinesen und Fluktuationen auftreten. Deshalb sollte bei jüngeren Patienten die Einnahme von Dopamin-Ersatzstoffen im Vordergrund der Behandlung stehen.

Welche Möglichkeiten hat die Medizin außer Medikamenten?

Univ.-Prof. Dr. Lars Timmermann: Für Parkinson-Patienten gibt es viele Möglichkeiten, neben den Tabletten etwas gegen den Parkinson zu tun: Physiotherapie und Ergotherapie etwa trainieren die für den Alltag wichtigen Körperfunktionen und die Handmotorik. Für viele Patienten bringt dies große Erleichterung im täglichen Leben. Durch Logopädie kann zudem das Sprechen deutlich verbessert werden und damit die Teilhabe am sozialen Miteinander. Außerdem: Wenn die Medikamente nicht mehr richtig wirken haben wir für viele Patienten die Möglichkeit mit Medikamenten-Pumpen oder einer Hirnschrittmacheroperation die Lebensqualität wieder zu bessern.

Die Medikamente wirken bei mir gut, aber es kommt häufig zu Überbewegungen, die ich nicht kontrollieren kann. Liegt das an der Dosierung?

Prof. Timmermann: Überbewegungen sind oft ein Zeichen einer zu hohen Dosierung. Der Grat zwischen Steifheit und Überbeweglichkeit ist jedoch oft so schmal, dass es fast unmöglich ist, die richtige Dosis zu finden: Entweder die Medikamente wirken zu stark und Überbewegungen zeigen sich oder zu schwach und unsere Patienten werden steif. Bei vielen dieser Patienten ist dann nicht nur eine Umstellung der Medikamente sinnvoll, sondern man sollte auch darüber nachdenken, ob eine Medikamenten-Pumpe oder ein Hirnschrittmacher Besserung bringen kann.

Bei mir wechseln sich Phasen guter Beweglichkeit schnell mit Unbeweglichkeit ab. Das belastet mich sehr…

Prof. Timmermann: Das ständige Hin und Her zwischen guter und schlechter Beweglichkeit ist in der Tat für viele Patienten ein Problem. Ihr Alltag ist dadurch einfach nicht mehr "berechenbar". Mein Rat wäre hier: Besprechen Sie mit Ihrem behandelnden Neurologen die Möglichkeit einer Medikamenten-Umstellung. Wenn das nicht hilft, kann wiederum eine Medikamenten-Pumpe oder auch ein Hirnschrittmacher ein guter Weg sein.

Ich habe oft Probleme, in Gang zu kommen und bleibe etwa vor einer Türschwelle wie eingefroren "hängen". Lässt sich das gezielt behandeln?

Prof. Dr. Dirk Woitalla: Diese Symptome lassen sich nur selten durch eine Optimierung der Dopamin-enthaltenden Medikation lindern. Neue medikamentöse Ansätze sind allerdings vielversprechend. Es gibt auch nicht-medikamentöse Strategien um, die Symptome zu überwinden. Welcher Weg in Ihrem Fall der Richtige sein kann, sollten Sie gezielt mit Ihrem behandelnden Neurologen besprechen. Oft müssen mehrere Verfahren ausprobiert werden.

Mein Körper ist besonders frühmorgens oft völlig verkrampft und schmerzt. Wirken meine Medikamente nicht ausreichend?

Prof. Woitalla: Wahrscheinlich wirken sie nicht lange genug in die Nachtzeit hinein. Möglicherweise führen retardierte, also verzögert einsetzende und lang anhaltende Medikamente, zu einer Besserung.

Die motorischen Einschränkungen habe ich mit den Medikamenten gut im Griff. Aber ich fühle mich häufig niedergeschlagen und antriebslos.

Prof. Woitalla: Emotionale Störungen gehören zum Krankheitsbild des Parkinson-Syndroms und müssen spezifisch behandelt werden. Dabei kommen auch Medikamente zum Einsatz, die die Stimmung stabilisieren. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei ein erholsamer Nachtschlaf, der gewissermaßen die Basis für die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden während des Tages darstellt. Unter Umständen kann durch eine gezielte Auswahl der Parkinson-Medikamente eine Besserung herbeigeführt werden. In jedem Fall sollten Sie dies mit Ihrem behandelnden Arzt besprechen.

Kurzinterview mit RA Friedrich-Wilhelm Mehrhoff,
Geschäftsführer der Deutschen Parkinson Vereinigung e.V. (dPV), Neus
s

Viele Parkinson-Patienten ziehen sich wegen der Bewegungsstörungen aus der Öffentlichkeit zurück. Was raten Sie ihnen?
Friedrich-Wilhelm Mehrhoff: Das Bedürfnis, die motorischen Störungen zu verbergen, ist als Reaktion auf die Veränderungen verständlich. Doch die Folgen einer selbst verordneten Isolation sind gravierend und reichen bis hin zur schweren Depression. Auch wenn es leicht gesagt ist: Der Mut, weiterhin so viel wie möglich am öffentlichen Leben teilzuhaben, lohnt sich. Eine Hilfe ist es, das gesamte Spektrum der aktivierenden Therapien in Anspruch zu nehmen um wieder Sicherheit zu gewinnen.

Welche Rolle spielen dabei Lebenspartner und Angehörige?
Friedrich-Wilhelm Mehrhoff: Eine ganz entscheidende, denn sie können die Patienten motivieren, sich der Krankheit zu stellen und gegen ihr Fortschreiten anzukämpfen. Das ist nicht immer einfach, denn Parkinson kann für eine Beziehung auch zur Belastung werden, wie die Trennungsraten bei jüngeren Betroffenen zeigen. Umso wichtiger ist es, möglichst gut auf die Veränderungen vorbereitet zu sein, die Parkinson mit sich bringen kann.

Wie unterstützt die Deutsche Parkinson Vereinigung Erkrankte und ihr Umfeld?
Friedrich-Wilhelm Mehrhoff: Kurz gesagt mit Information und Kontaktangeboten. Denn wer über die Krankheit mit all ihren Facetten Bescheid weiß und die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffen hat, kann deutlich an Lebensqualität gewinnen. Deshalb informieren wir zu Forschungsthemen ebenso wie zur Therapie oder sozialrechtlichen Fragen. Und sind mit rund 23.000 Mitgliedern und gut 450 Regionalgruppen und Kontaktstellen deutschlandweit präsent.

Weitere Informationen unter www.parkinson-vereinigung.de


Die Expertinnen am Lesertelefon waren:

Prof. Dr. Wolfgang Greulich; Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Geriatrie, Ärztlicher Direktor der Fachklinik für neurologische und neurochirurgische Rehabilitation, Helios Klinik Hagen-Ambrock, Prof. Dr. Rüdiger Hilker-Roggendorf; Facharzt für Neurologie und Neurologische Intensivmedizin, Leitender Arzt der Klinik für Neurologie, Paracelsus Klinik MarlRA Friedrich-Wilhelm Mehrhoff; Geschäftsführer der Deutschen Parkinson Vereinigung e.V. (dPV), NeussDr. Pantea Pape; Fachärztin für Neurologie, Rehabilitationsmedizin und Verkehrswesen, Leitende Ärztin des NTC Neurologisches Therapiecentrum KölnUniv.-Prof. Dr. Lars Timmermann; Facharzt für Neurologie, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsklinik KölnProf. Dr. Dirk Woitalla; Facharzt für Neurologie, Chefarzt der Klinik für Neurologie, St. Josef-Krankenhaus Kupferdreh, Essen