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| 21:07 Uhr

Ärzte für den ländlichen Raum
Modell Poliklinik setzt sich weiter durch

Bei seinem Besuch in Finsterwalde ist Bundesminister Jens Spahn mit Apotheker Erhard Weiß in der Ambu Süd ins Gespräch gekommen.
Bei seinem Besuch in Finsterwalde ist Bundesminister Jens Spahn mit Apotheker Erhard Weiß in der Ambu Süd ins Gespräch gekommen. FOTO: LR / Gabi Böttcher
Cottbus/Finsterwalde. GESUNDHEIT SPEZIAL: Elbe-Elster wirbt erfolgreich um junge Ärzte. Die integrierte medizinische Versorgung funktioniert.

 Die Idee der Poliklinik und des Ambulatoriums ist auch bei den Christdemokraten salonfähig geworden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lobt in Finsterwalde dieser Tage ein fachlich ausgesprochen gut organisiertes Ärztenetzwerk Elbe-Elster und eine Ambulanz, in der hauptsächlich angestellte Mediziner alle Diszplinen der ärztlichen Grundversorgung abdecken – vom Hausarzt bis zum Frauenheilkundler.

Vor einigen Jahren war das noch undenkbar erschienen. Denn nach der Wende waren die Polikliniken im Osten fast ganz abgeschafft worden. Das übernommene bundeseinheitliche Gesundheitssystem hatte im ambulanten Bereich ausschließlich niedergelassene Ärzte präferiert. Die Enklave war Brandenburg. Hier hatte die damalige Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) weiter auf die Gemeinschaftseinrichtungen mit Medizinern im Angestelltenverhältnis gesetzt und war dafür auf politischem Parkett auch kräftig gescholten worden. Inzwischen ist die Idee der Poliklinik flächendeckend mit der Zulassung Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) wiederbelebt worden. Und der Christdemokrat Spahn erklärt heute stolz: „Damit haben wir vor allem auch gut auf die veränderten Bedarfe im ländlichen Raum reagiert.“ Jetzt wolle er am liebsten weniger erfolgreiche Protagonisten vom Lande nach Finsterwalde schicken. Denn das hier praktizierte Modell sei vorbildlich für dünn besiedelte ländliche Räume.

Die Idee der Poliklinik geht zurück auf den Sozialmediziner Rudolf Virchow, der im 19. Jahrhundert in Berlin medizinische Einrichtungen der Art gefördert hatte. In der DDR sind Kreis- und Bezirkspolikliniken das Rückgrat der medizinischen Versorgung in einem zwar flächendeckenden, aber zunehmend veralteten Gesundheitssystem gewesen, unterstützt durch Ambulatorien. Im Einigungsvertrag hatten diese Einrichtungen zunächst nur eine bis 1995 befristete Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung erhalten. Zwei Jahre vor Fristablauf  waren die damals noch bestehenden wenigen Ambulanzen dann dauerhaft zugelassen worden. In Finsterwalde hatten sich Ärzte, viele damals schon im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, noch selbstständig gemacht und das vom Landkreis geführte Haus gemeinsam gekauft. Mit hohem finanziellen Risiko, bestätigt Kinderarzt Dr. Arnulf Sallach. Der Pädiater ist inzwischen in den verdienten Ruhestand getreten. Die von ihm aufgebaute Praxis wird zwar weiter betrieben, aber nicht in der Fachdisziplin. Das sei zum Glück gelungen, aber wahrlich nicht selbstverständlich.

Das Ringen um Ärzte ist hart. Elbe-Elster versucht, junge Mediziner zu werben. Seit acht Jahren werden bis zu fünf Medizinstudenten für vier Jahre mit einem Stipendium in Höhe von monatlich 500 Euro unterstützt. Als Gegenleistung wird erwartet, dass die jungen Ärzte mindestens vier Jahre im Landkreis tätig werden – und dann möglichst auch bleiben. 27 Studenten sind bisher in das Programm aufgenommen worden. 15 haben das Medizinstudium abgeschlossen, sechs sind in Elbe-Elster angekommen und absolvieren – aktiv in Arbeit am Patienten – die Weiterbildung zum Facharzt am Klinikum. Auch im ambulanten Bereich sind derzeit alle Arztsitze besetzt.

Angesichts der stark alternden Bevölkerung nehmen die rührigen Mediziner im Ärztenetzwerk Elbe-Elster den Gesundheitsminister aber weiter auch in die Pflicht: Die demografische Entwicklung geht derzeit stark mit einem höheren Bedarf der Bürger an Arztkontakten einher. Darauf müsse auch politisch reagiert werden. Die schlechte Position im Wettbewerb erfordere eine bessere finanzielle Ausstattung für den ländlichen Raum. Investitionen müssten unterstützt werden. Das fordert Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Brandenburg, die „kleine Ärztenetzwerk wie das in Elbe-Elster zum Wohle der Patienten noch viel größer machen will“.