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| 17:18 Uhr

Gesundheit
Wenn der Körper im Schlaf Alarm schlägt

Dr, Heike Marquaß passt ihrem Patienten Jörg Glaser ein Gerät an, das hilft, im Schlaf die Atemwege offen zu halten und so gefährlichen Atemaussetzern entgegenwirkt.
Dr, Heike Marquaß passt ihrem Patienten Jörg Glaser ein Gerät an, das hilft, im Schlaf die Atemwege offen zu halten und so gefährlichen Atemaussetzern entgegenwirkt. FOTO: Diana Heyne
Forst. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 27. besondere Fall kommt aus der Lausitz Klinik Forst. Ida Kretzschmar

Jörg Glaser aus Forst hat eine tolerante Frau. „Über Jahre ertrug sie mit viel Geduld meine nächtlichen Schnarchattacken“, gesteht der 57-Jährige. Nur manchmal wunderte er sich, dass sie des Nachts ins Wohnzimmer umzog. „Ich selbst fühlte mich am Morgen wie gerädert, war ständig müde. Kaum aufgestanden, musste ich mich wieder hinlegen. Ich brachte den ganzen Tag nichts richtig fertig“, erinnert er sich.

Jetzt passiert das nicht mehr. Nun schlafe er „wieder wie ein Baby“, zitiert der große, kräftige Mann seine Frau, mit der er gemeinsam drei inzwischen erwachsene Kinder hat.

Was ist an Schnarchen ein besonderer Fall? Immerhin schnarcht nach Schätzungen die Hälfte der Menschen mit mehr als 60 Lebensjahren, und auch die Jüngeren halten kräftig mit, vor allem nach Alkoholgenuss, der zur Erschlaffung der Zungengrundmuskulatur führen kann.

„Schnarchen ist an sich keine Krankheit, aber sie kann zu gefährlichen Atemaussetzern führen. Sind es es mehr als zehn pro Stunde, sollten sie behandelt werden“, erklärt Dr. med. Heike Marquaß, Chefärztin der Inneren Klinik an der Lausitz Klinik Forst.

Und so dauert es eine Zeit, bis sich Jörg Glaser dort vorstellt. Nicht die Familie, wohl oder übel an die nächtlichen Geräusche gewöhnt und abgehärtet, drängte ihn, sich dort vorzustellen. Auslöser waren 2016 während einer Reha nach einem Bandscheibenvorfall in Lübben Patienten aus dem Nachbarzimmer, die sich beschwerten. „Der Stationsarzt meinte, da sei sicher noch mehr als normales Schnarchen im Busche“, erinnert sich Jörg Glaser. Um das zu klären ging er, wieder daheim in Forst, zu seinem Hausarzt Dr. Lutz Graseck. Mit einem kleinen Polygrafie-Gerät konnte dieser Sauerstoffwerte, Aussetzer im Schlaf und einige andere Parameter messen. „Er stellte so viele Aussetzer fest, dass er glaubte, das Gerät muss kaputt sein“, schmunzelt Jörg Glaser.

Und damit wird sein Schnarchen zu einem besonderen Fall. 70 Atemaussetzer je Stunde und das fünf bis sechs Stunden lang, das erlebt auch Dr. Marquaß an der Lausitz Klinik Forst nicht alle Tage. Dorthin überweist der Hausarzt seinen Patienten, stehen doch hier zwei ambulante Schlaflaborplätze zur Verfügung, die eine gründliche Diagnose und Therapie schlafbezogener Atmungsstörungen ermöglichen.

In der Sprechstunde berichtet der Patient, dass er sich morgens wie zerschlagen fühlt, was sich am Tag in ständiger Müdigkeit und Minderung der Leistungsfähigkeit bemerkbar macht. „Schlafen ist für mich längst keine Erholung mehr, sondern ein Albtraum“, sagt Glaser.

Drei Nächte bringt er im ambulanten Schlaflabor zu. Hier bestätigt sich sofort, dass es sich um eine Schlafapnoe handelt. „Wir registrierten einen sehr flachen, traumlosen Schlaf mit mehr als 70 Atemstillständen pro Stunde. Das ist heutzutage schon selten“, sagt Dr. Marquaß. Sie erklärt, was sich hinter einer Schlafapnoe verbirgt: „Apnoen bedeuten Aussetzer, die meist während Schnarchphasen entstehen. Die Atemwege verschließen sich im Bereich des Rachens. Es gelangt kein Sauerstoff mehr über die Luftröhre in die Blutgefäße. Der Körper reagiert mit Stress, wird bei jedem Atemaussetzer regelrecht wachgerüttelt, um wieder Luft zu holen. Die Schlafunterbrechungen sind meist nur kurz. Der Betroffene erlebt das nur im Unterbewusstsein. Ein erholsamer tiefer Schlaf aber ist durch die ständigen Alarmreaktionen unmöglich.“

Schwerwiegende Folgeerkrankungen sind nicht auszuschließen, warnt sie. „Diese Atemstillstände können zu erhöhtem Blutdruck, Herz-Kreislauferkrankungen wie Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche, Herzinfarkt und Durchblutungsstörungen des Herzmuskels führen.“ Auch schlecht einstellbarer Diabetes mellitus und Schlaganfälle können die Folge sein. „Bei unbehandelter Schlafapnoe haben Patienten eine deutlich verringerte Lebenserwartung“, sagt die Ärztin unumwunden.

Nicht immer werde die Ursache für Erkrankungen auch im Schlaf gesucht. Jörg Glaser hat der Zufall noch rechtzeitig ins Schlaflabor geführt. Schließlich war es ja auch während des Autofahrens kreuzgefährlich, wenn ihn Sekundenschlaf übermannte. Aber wären während der Reha seine Bettnachbarn nicht so ungehalten gewesen, wer weiß, ob er so schnell ärztliche Hilfe gesucht hätte. „Ich habe schon einiges hinter mir: zwei Bandscheibenvorfälle, Herz-OP . . . Eigentlich bin ich froh, wenn ich keine Ärzte mehr sehen muss“, gibt der Mann zu.

Dr. Marquaß ist da wohl eine Ausnahme. „Sie hat mir wirklich sehr geholfen, mit ihrer Beratung und diesem Gerät, durch das ich jetzt schlafen kann wie ein Baby“, sagt er.

In der zweiten Nacht im Schlaflabor wurde ihm das kleine Gerät angepasst. Über eine straff sitzende Nasenmaske ermöglicht es, dass kontinuierlich Druck in die Atemwege gelangt und sie offen hält. So wurde gleich erreicht, dass sich die Zahl der Aussetzer auf zehn pro Stunde verringerte. Dennoch empfand er zunächst den hohen Druck als unangenehm. Inzwischen benutzt er jede Nacht ein Gerät mit zwei verschiedenen Drücken. Er kommt damit zurecht: „Ich schlafe deutlich ruhiger und so tief, dass ich nicht mal mehr schlimme Träume habe“, wundert sich der 57-Jährige, der in Heringsdorf auf der Insel Usedom geboren wurde.

Einst hatte ihn die Arbeit im Glaswerk Döbern nach Forst gespült. Nach der Wende verlor er die Arbeit, ging auf Montage durch ganz Europa, bis nach den beiden Bandscheibenvorfällen harte körperliche Arbeit nicht mehr infrage kam. „Seither und besonders nach der Herz-OP habe ich etliche Kilo zugenommen“, gibt der Mann zu. Ein Faktor, der auch Atemaussetzer stark begünstigt. So ermutigt ihn auch seine Ärztin: „Mit regelmäßiger Bewegung und gesunder Ernährung werden wir noch weitaus bessere Ergebnisse in der Behandlung Ihrer Krankheit erzielen.“

Jörg Glaser und seine Frau sind erst einmal froh, dass sie jetzt nachts ruhig schlafen können. Dazu verkündet er stolz: „Zweimal die Woche geht es jetzt auch auf den Heimtrainer.“ Und das ist erst der Anfang.

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Dr. Heike Marquaß
Dr. Heike Marquaß FOTO: Diana Heyne