Viele dieser Konflikte landen irgendwann beim Anwalt und später vor Gericht. Wir haben den Fachanwalt für Erbrecht Ralph Butenberg der Erbrechtskanzlei ROSE & PARTNER gefragt, welche Gründe das hat.

Warum streiten immer mehr Menschen um das Erbe von Angehörigen?

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Einer ist sicherlich, dass Familien heute nicht mehr so eng zusammenstehen wie früher. Lebten Erblasser und Erben einst meist unter einem Dach, wohnen sie heute oft weiter entfernt voneinander und haben weniger Kontakt miteinander. Da kommt es schnell vor, dass sich unter Geschwistern jeder der nächste ist, wenn es um die Verteilung von Vermögen geht.

Außerdem gab es noch nie so viel, worum man streiten kann. Heute gibt es deutlich mehr werthaltige Nachlässe als noch vor einigen Jahrzehnten. 400 Milliarden Euro – so die Schätzungen – sollen jedes Jahr in Deutschland vererbt werden. Und wenn es um Geld geht, kennt man bekanntlich keine Verwandten.

Worüber wird am häufigsten gestritten?

Ein Dauerbrenner sind Erbengemeinschaften. Wenn es mehr als einen Erben gibt, müssen sich die Miterben darüber verständigen, wie sie die Erbschaft verwalten und verteilen. Das ist rechtlich hoch komplex und die Beteiligten haben meist nicht die gleichen Interessen.

Auch Pflichtteilsansprüche von nahen Angehörigen, die enterbt wurden, beschäftigen häufig Rechtsanwälte für Erbrecht und Richter. Das liegt meist daran, dass es unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, welchen Wert der Pflichtteil hat – vor allem wenn Immobilien oder Unternehmensanteile im Nachlass sind, die nur schwer zu bewerten sind.

Allgemein kann man aber sagen, dass die Hauptursache für erbrechtliche Konflikte Testamente sind.

Aber ein Testament soll doch gerade für klare Verhältnisse sorgen und einen Erbstreit verhindern

In der Theorie mag das zutreffen. Die Praxis zeigt aber, dass letztwillige Verfügungen oft der Quell allen Übels sind. Ist das Testament formgültig? Wurde es vielleicht widerrufen? Durfte der Erblasser überhaupt testieren oder war er etwa an ein früheres Berliner Testament gebunden? Und wie stand es mit der Testierfähigkeit der demenzkranken Oma?

Laientestamente sind oft abenteuerlich unpräzise und in viele Formulierungen lässt sich mit etwas Fantasie zu ziemlich alles hineininterpretieren. Und selbst ein perfekt formuliertes Testament passt irgendwann vielleicht nicht mehr, weil sich die wirtschaftlichen Verhältnisse oder die familiären Gegebenheiten ändern.

Gelegentlich wird geraten, einen Testamentsvollstrecker einzusetzen, der die Erben in die Schranken verweist

Es gibt tatsächlich einige Konstellationen, in denen eine Testamentsvollstreckung geboten ist – zum Beispiel, wenn die Erben noch minderjährig sind und ein Unternehmen zum Nachlass gehört.

In vielen Fällen wird jedoch unnötig eine Testamentsvollstreckung angeordnet. Ist der Vollstrecker dann noch der völlig unqualifizierte gute Freund der Familie, verlagert sich der Erbstreit bestenfalls auf das Verhältnis zwischen den Erben und dem Testamentsvollstrecker.

Haben Sie einen Tipp, wie man einen Erbstreit vermeidet?

Ein gutes Testament ist sicher der richtige Weg. Man sollte aber bitte nicht versuchen, zu viele Details zu regeln. Auch die Erben überraschen zu wollen ist keine gute Idee. Familien, in denen das Thema Erbschaft zu Lebzeiten offen besprochen wird, sind weniger anfällig für einen Erbstreit. Bei größeren Erbschaften hilft es auch, Vermögenswerte vorab in einer Gesellschaft oder einer Stiftung zu bündeln. Dann ist das Risiko geringer, dass die Erben es später im Streit zerschlagen oder versilbern.

Und wie ist Ihr Rat für Erben im Erbstreit?

Wer im Erbstreit bestehen will, braucht Zeit, Geld und Nerven. Verspielen Sie nicht frühzeitig durch eine Eskalation die Chance auf eine einvernehmliche Einigung. Nur wenige verlassen nach einer mehrjährigen erbrechtlichen Auseinandersetzung den Gerichtssaal als wahre Sieger. Derartige Konflikte sind teuer. Und damit meine ich nicht nur die Anwaltskosten und die Gerichtsgebühren. Auch die emotionalen Kosten und der Zeitaufwand sollten nicht unterschätzt werden.

Die Rechtslage ist stets nur eine Facette im erbrechtlichen Konflikt. Nur wer seine wahren Ziele und die Interessen, Stärken und Schwächen der anderen kennt, erreicht tatsächlich etwas. Insofern ist der Kampf um das Erbe mit anderen Kämpfen vergleichbar. Nicht nur die Waffen entscheiden, sondern vor allem die Strategie und Taktik.