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Mit Fingerspitzengefühl und Respekt

Auf der Suche nach der Todesursache: Sektionsassistenten wie Lucie Fechner bereiten zum Beispiel Obduktionen durch den Pathologen vor.
Auf der Suche nach der Todesursache: Sektionsassistenten wie Lucie Fechner bereiten zum Beispiel Obduktionen durch den Pathologen vor. FOTO: Alexander Heinl/dpa
Berlin. Medizinische Sektionsassistenten sezieren Leichen, bereiten Organe auf und helfen herauszufinden, woran jemand gestorben ist. Hohe soziale Kompetenz ist Voraussetzung. Teresa Nauber

Es gibt diesen Moment, wenn die Säge auf die Schädelplatte eines Menschen trifft: ein kreischendes, surrendes Geräusch. Das muss man schon aushalten können, wenn man machen möchte, was Lucie Fechner macht. Die 24-Jährige präpariert Leichen. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Medizinischen Sektionsassistentin.

Wenn ein Mensch stirbt, dann ist es manchmal notwendig, genau nachzusehen, woran es lag. Nicht nur nach einem Verbrechen, sondern auch im Krankenhaus. War entweder der Verstorbene oder sind seine Angehörigen einverstanden, wird die Leiche in den Sektionssaal des pathologischen Instituts gebracht und dort von einem Sektionsassistenten in Empfang genommen. 200 bis 300 Mal pro Jahr geschieht das in der Pathologie der Berliner Charité, wo Lucie Fechner ihre Ausbildung macht.

Die junge Frau bereitet dann alles für die sogenannte Sektion vor. Sie öffnet den Körper des Toten mit einem Skalpell und legt zum Beispiel das Organ, das untersucht werden soll, Stück für Stück frei. Haut, Fett, darüberliegende Strukturen nimmt sie vorsichtig heraus, bis sie da angekommen ist, wo die vermutete Todesursache liegt. "Das kann zum Beispiel ein Thrombus - also eine Verkalkung - in einem Gefäß sein", erklärt Fechner. Rund fünf Stunden dauert so eine Sektion.

"Sektionsassistenten machen aber noch viel mehr", erklärt Anistan Sebastiampillai, der die neuen Assistenten an der Charité ausbildet. Sie betreuen die Angehörigen der Verstorbenen, sie dokumentieren, was der Facharzt gesehen hat, sie tragen die Verantwortung für den Sektionssaal, und sie bereiten die Leichen nach einer Sektion für den Bestatter vor.

"Man muss sehr schnell umschalten können", sagt Sebastiampillai. Im einen Moment hat man noch eine Lunge vor sich, im nächsten Moment stehen Angehörige vor der Tür, die sich von einem geliebten Menschen verabschieden möchten. "Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, das man den Azubis nicht beibringen kann. Sie müssen das ein Stück weit mitbringen."

Wenn Sebastiampillai Kandidaten für die einjährige Ausbildung auswählt, achtet er deshalb vor allem auf ihre soziale Kompetenz. 200 Bewerbungen erreichen ihn im Schnitt. Neben der Berliner Uniklinik gibt es deutschlandweit nur noch eine weitere Schule, die Sektionsassistenten ausbildet: das Walter-Gropius-Berufskolleg in Bochum. Dort werden allerdings sogenannte Präparationstechnische Assistenten für Medizin, Biologie oder Geowissenschaften ausgebildet. Dort dauert die Ausbildung auch nicht nur zwölf Monate, sondern drei Jahre. Mitbringen müssen die Kandidaten in Bochum einen mittleren Schulabschluss, für die Ausbildung in Berlin genügt ein Hauptschulabschluss.

Sebastiampillai lädt 50 Kandidaten zum Probearbeiten ein. Er drückt ihnen ein Skalpell in die Hand und lässt sie an einem Organ arbeiten. "Ich sehe schnell, ob jemand handwerklich geschickt ist." Noch wichtiger sei aber, dass der Anwärter respektvoll mit dem Präparat umgeht. "Wir arbeiten an Menschen", sagt der Ausbildungsleiter. "Dass sie tot sind, spielt keine Rolle. Es bleiben Menschen, denen wir mit Respekt begegnen."

Was Interessierte wissen sollten: Die Ausbildung ist kostenpflichtig. Außerdem müssen die Azubis die Zeit ohne Einkommen überbrücken. Fechner entschied sich unter anderem deshalb für die kompakte Ausbildung in Berlin. Die Ausbildungskosten und Geld zum Leben hatte sie vorher angespart.

Nach ihrer Ausbildung werden Medizinische Sektionsassistenten in anatomischen, pathologischen und rechtsmedizinischen Instituten angestellt, erklärt Susanne Eikemeier von der Bundesagentur für Arbeit. Die gibt es zum Beispiel an Unikliniken, Krankenhäusern oder Laboren. Auch Gewebebanken beschäftigen die Absolventen. Probleme, seine Azubis unterzubringen, hat der Ausbildungsleiter so gut wie nie. Weil es nur so wenige Ausbildungsplätze gibt, sind die Absolventen gefragt, sagt Sebastiampillai.